Feindschaft verweigern

Versöhnung: Im Sog des Krieges vertiefen sich Feindschaften, was eine weitere Eskalation von Gewalt begünstigt. Es geht auch um den Krieg in den Köpfen. Hierfür bietet Jesus ein Aussteigerprogramm.
Von Stefan Seidel
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Krieg herrscht in Kriegszeiten nicht nur im Kriegsgebiet, sondern auch in den Köpfen. Er wird geführt nicht nur mit Waffen und Bomben, sondern auch mit Worten, Bildern, Deutungen. Mit einer Art Urgewalt rastet dabei ein urzeitlicher Mechanismus ein: die scharfe Unterscheidung zwischen Freund und Feind, gut und böse, richtig und falsch. Offenbar verhindern auch einige Jahrtausende Zivilisationsgeschichte nicht, dass der Mensch in Kriegssituationen zurückfällt in dieses Grob-Muster der Welteinteilung. Zaudern und vielschichtiges Denken ist ein evolutionärer Nachteil im Kampfesfall. Diese urzeitlichen Anlagen sind im Menschen und können geweckt werden. Gerade wenn die Informationen – wie im Medienzeitalter üblich – zumeist auf visuellem Weg ins Gehirn kommen, also eingebettet sind in wirkmächtiges und emotionales Bildmaterial. Dann scheint der Sturz in die Freund-Feind-Mechanik kaum aufzuhalten zu sein. Denn die Bilder sind älter als die Wörter und aktivieren tiefere Schichten des Menschseins, auch die schnelle Markierung eines Feindes und die daraus folgende Entscheidung zwischen Kampf und Flucht. Die Kriegstreiber von heute wissen um diese Mechanismen und die Macht der Bilder. Sie sind nötig, um die Menschen zu mobilisieren und zu motivieren, dass sie im Zweifelsfall auch ihr Leben lassen für die Sache der eigenen Kriegsseite. Feindschaft ist die Bedingung des Krieges. Sie gilt es sicherzustellen. Wie mächtig Feindbilder werden können, zeigt die gegenwärtige Situation, in der die Welteinteilung in »Gute« und »Böse« sogar dazu führt, dass Menschen russischer Abstammung wegen ihres bloßen Russischseins angefeindet werden.

Jesus wusste um die zerstörerische Energie der Feindschaft und setzte mit seiner Botschaft dort an: in den Herzen und Köpfen der Menschen. Wenn er sagt »Liebet eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel« (Matthäus 5,44), dann meint er das Aussteigen aus dem urzeitlichen Mechanismus der Freund-Feind-Unterscheidung als Vorläufer jeden Krieges, die Durchbrechung des Zirkels der Ausgrenzung. Durch die Überschreitung des eigenen Schmerzes, Hasses, Getroffen- und Bedrohtseins auf Gott hin soll die Welt mit Gottes Augen gesehen werden.

Das ist die tiefe Botschaft des Neuen Testaments: Gott ist ausgestiegen aus dem Teufelskreis der Gewalt und hat – im Kreuz Jesu – auf Gegengewalt verzichtet; hat alle nur denkbare und mögliche Gewalt und Gegengewalt der Welt auf sich gezogen und verwandelt. Gott ist in Jesus in den tödlichen Feindschaftsriss der Welt getreten und hat ihn geheilt. Fortan sind die Kräfte der Gewalt gerichtet und die heilenden Kräfte der Liebe und Versöhnung als die stärkeren offenbar – als Vorschein, als Möglichkeit und mancherorts als Wirklichkeit, als Anbruch des großen Friedens Gottes.

Dieses Jesus-Programm hat der kroatische Theologe Miroslav Volf wiederentdeckt in der Bewältigung der Wunden, die der Balkan-Krieg gerissen hat. In seinem Buch »Von der Ausgrenzung zur Umarmung« zeigt er, wie grundlegend die christliche Versöhnung ist. Die entscheidende Grundbewegung ist dabei eben nicht das Einrasten ins Freund-Feind-Schema, sondern – kraft des versöhnenden und alle Gewalt auf sich ziehenden Gottes – die Umarmung des vermeintlichen Feindes als Bruder oder Schwester, die Weigerung, »mitten in der Feindseligkeit, entmenschlichende Bilder auf sie zu projizieren« und die Bereitschaft, »sie als Freunde zu umarmen«.

Aus dieser Macht finden israelische und palästinensische Menschen die Kraft zu sagen, »Wir weigern uns, Feinde zu sein!« und Hand in Hand für Versöhnung und unteilbare Menschlichkeit einzutreten. Aus dieser Macht fanden englische Christen in Coventry nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkrieges die Kraft, das Vergeltungsdenken zu tilgen und für Versöhnung mit den früheren Feinden zu wirken. Christen sind in der Nachfolge Jesu und in der Verinnerlichung des versöhnenden Kreuzes gerufen, Teil der Entfeindungsmacht zu werden.

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