9

65.000 Menschen bei Rock gegen Rassismus in Chemnitz

epd
  • Artikel empfehlen:
© Betty/pixelio.de

Rund 65.000 Menschen haben am Montagabend in Chemnitz bei einem Open-Air-Konzert ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gesetzt. Die Veranstaltung in der Chemnitzer Innenstadt verlief störungsfrei, wie die Polizei am späten Abend mitteilte. Zu der Gratisveranstaltung unter dem Motto »Wir sind mehr« hatten verschiedene Bands eingeladen, darunter »Die Toten Hosen«, »Feine Sahne Fischfilet«, die Chemnitzer Band »Kraftklub« und der Rapper Marteria.

Laut Bundespolizei verlief auch die Abreise der auswärtigen Konzertbesucher vom Hauptbahnhof Chemnitz störungsfrei. Rund 80 Menschen mussten während der Veranstaltung wegen Kreislaufproblemen und Schnittverletzungen medizinisch versorgt werden, elf von ihnen kamen ins Krankenhaus, wie die Stadtverwaltung mitteilte.

Das Konzert war eine Reaktion auf den gewaltsamen Tod eines 35-Jährigen Deutschen vor gut einer Woche und die folgende Vereinnahmung der Bluttat durch rechtspopulistische und rechtsextreme Kräfte. Tatverdächtige sind zwei Asylbewerber. In der Folge kam es zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen und Demonstrationen in Chemnitz.

Das Konzert auf dem Johannisplatz startete am späten Nachmittag mit einer Schweigeminute. Auch angrenzende Straßen waren mit Besuchern gefüllt. Auf Plakaten standen Slogans wie »Menschenrechte statt rechte Menschen« und »Wir alle wollen leben ohne Angst und Hass«.

Wegen der vielen Konzertbesucher untersagte die Versammlungsbehörde weitere Kundgebungen und Spontanversammlungen in der Innenstadt, etwa des thüringischen »Pegida«-Ablegers »Thügida«. Bereits am Wochenende waren in Chemnitz mehrere Tausend Demonstranten verschiedener politischer Lager auf die Straße gegangen.

Während Polizei und Stadtverwaltung die Anzahl der Veranstaltungsbesucher am Montag auf dem Platz vor der Johanniskirche und in den angrenzenden Straßen mit insgesamt rund 65.000 angaben, sprach die studentische Forschungsgruppe Durchgezählt von 29.000 bis 39.000 Besuchern auf dem Johannisplatz.

Campino, Leadsänger der »Toten Hosen«, erklärte vor dem Konzert, die Musiker wollten jenen Menschen in Chemnitz und Sachsen Mut machen, die sich für eine solidarische Gesellschaft einsetzen. Es gehe nicht um einen »Kampf links gegen rechts«, sondern darum, sich den Ausschreitungen eines »Rechtsaußenmobs« entgegenzustellen. In einem schriftlichen Statement warfen die teilnehmenden Musiker den rechten Demonstranten in Chemnitz vor, die Tötung des Deutschen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren: »Es geht ihnen nicht darum zu trauern, sondern um ihrem Hass freien Lauf zu lassen.« Beim Konzert sollten auch Spenden für die Familie des Getöteten sowie für sächsische Antirassismus-Initiativen gesammelt werden.

In Chemnitz soll es laut »Freie Presse« (Online) auch an den kommenden drei Montagen wieder Konzerte geben. Einzelheiten stünden aber noch nicht fest. Bereits am Freitag lädt den Angaben zufolge das Theater Chemnitz zu einem Gratiskonzert unter dem Motto »Gemeinsam stärker - Kultur für Offenheit und Vielfalt« ein, hieß es.

Vereinzelte Kritik aus der Union und der FDP gab es gegen eine Unterstützung des Konzertes durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Er hatte einen entsprechenden Veranstaltungshinweis auf Facebook geteilt. Die Kritik entzündete sich an der Teilnahme der Band »Feine Sahne Fischfilet«, die 2011 im Verfassungsschutzbericht von Mecklenburg-Vorpommern als linksextrem aufgeführt worden war.

Nach dem Konzert gegen Fremdenfeindlichkeit warnte der Fraktionsgeschäftsführer der SPD im Bundestag, Carsten Schneider, vor weiteren Problemen mit Rechtsextremismus in Ostdeutschland. »Die Situation in Ostdeutschland ist fragil«, sagte Schneider am Montagabend im Fernsehsender Phoenix. Er merke eine starke Ablehnung demokratischer Prozesse. »Das ist ein Pulverfass«, warnte der SPD-Fraktionsgeschäftsführer. Alle diejenigen, die in Chemnitz mit rechten Gruppierungen demonstrierten, müssten sich für die Folgen mit in Haftung nehmen lassen. »Wer mit Neonazis marschiert, der hat in der Mitte der Gesellschaft nichts zu suchen, der macht sich gemein mit harten Rechtsextremisten«, erklärte Schneider.

Der Deutsche Kulturrat bezeichnete das Konzert als vollen Erfolg. Geschäftsführer Olaf Zimmermann sprach am Dienstag von einem »deutlichen, unübersehbaren Zeichen gegen Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Gewalt«.

Diskutieren Sie mit

9 Lesermeinungen zu 65.000 Menschen bei Rock gegen Rassismus in Chemnitz
Beobachter schreibt:
06. September 2018, 10:33

Merkwürdig ist nur, daß das "Konzert" schon vor dem bestialischen Mord geplant und beworben wurde!

Beobachter schreibt:
06. September 2018, 10:42

Zurecht kritisiert CDU-Bundestagsabgeordneter Krauß die Teilnahme der Gruppe K.I.Z., die Gewalt verherrlicht und sich okkulter Zeichen bedient. Sie wird gerne als „gesellschaftskritisch“ bezeichnet. Doch ihre Texte und Videos triefen von Gewalt. Es ist unfassbar, dass bei einem Konzert „gegen Gewalt und Hass“ genau eine solche Gruppen auftritt. Ihr Text zu Eva Hermann ist über die Maßen abstoßend! Hier entlarvt sich ein Zeitgeist, der alles andere im Sinn hat als friedlich zu sein oder für eine gerechte Sache einzusetzen. Unfassbar, dass im Lande Politiker die Teilnahme solcher Gruppen beim Konzert (3.September) öffentlich befürworten, die u.a. den Gewaltsympathien der Gruppe K.I.Z in nichts nachstehen

Beobachter schreibt:
07. September 2018, 16:02

BERLIN. Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Arnold Vaatz (CDU), hat Regierungssprecher Steffen Seibert scharf kritisiert.
Über das „Konzert gegen Rechts“ mit seinen völlig inakzeptablen Hetz-Texten habe er kein Wort verloren, beklagte Vaatz.
CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt erklärte,
er habe den Eindruck, es gebe vielfach „eine Empörung über die Empörten“ und nicht über den Mord an Daniel H. Wenn es niemanden aufrege, daß Bands in Chemnitz davon sängen, „Bullen eins in die Fresse“ zu hauen, möge man das Wort „Bullen“ einfach mal durch „Frauen“ oder „Schwule“ ersetzen und sich vorstellen, was dann – völlig zu recht – los wäre.

Johannes schreibt:
11. September 2018, 17:05

Faktencheck:
@ Beobachter schreibt am 7.9.18, 16:02
Kann mir jemand bestätigen, dass im o.g. Konzert Bands wirklich gesungen haben "Bullen eins in die Fresse"? Oder ist das nur eine Vermutung des Herrn Dobrindt, weil eine der Bands so etwas schon einmal gesungen hat?
Falls sich das bestätigen sollte, erwidere ich mal, dass zum Trauermarsch für das Opfer in Chemnitz Herr Höcke (gut bekannt für seine rechtsextremen Äußerungen) neben dem Gründer der fremdenfeindlichem Pegida, Herrn Bachmann, ging, einem Vorbestraften (unter anderem wegen Drogenhandels, mehrfachen Einbruchsdiebstahls, Auslassung der Unterhaltspflichten und Gebrauchs der Worte "Gelumpe, Dreckszeug und Viehzeug" gegen Kriegsgeflüchtete)!

Johannes Lehnert

Johannes schreibt:
13. September 2018, 17:16

Komisch, dass hier keiner der Konzert-Kritisierer mir den og. Liedtext bestätigt! (Und man komme mir bitte keiner mit einer Archivaufnahme. Das ist hier nicht erwünscht, dass in Berichten mal ein Archivschnipsel auftaucht, der von einem anderen Tag stammt und als solcher nicht gekennzeichnet ist.)
Sollte ich etwa im Maaßenschen Stile sagen: Die Behauptung ist nicht belegt. Wahrscheinlich ein fake, der von rechtem Terror, Hitlergrüßen und Antisemitismus ablenken soll?
Johannes Lehnert

Lore schreibt:
15. September 2018, 14:59

Lieber Johannes, es gibt auf youtube sehr viele Einspielungen dieses Konzertes, volle Länge, Minutentakt usw. usf. Ich weiß nicht, ob es genehmigt ist - ich teile Ihnen mal ein paar Minuten https://www.youtube.com/watch?v=vG-ceLbrjzk
Und für mich ist das Schlimmste, das die jungen Leute diese Texte so verinnerlicht haben, dass sie die alle auswendig mitsingen können...

Johannes schreibt:
17. September 2018, 9:15

Liebe Lore, Danke für die Info. Das war wenigsten sachlich, anders als andere, die mir wegen meiner Nachfrage gleich wieder Parteinahme für Linksextreme unterstellen.
Johannes

Beobachter schreibt:
14. September 2018, 19:35

Vielleicht wird ja hier wenigstens ein Anmerkung zu diesem "Konzert" aus der "Berliner Zeitung" akzeptiert?

"Radikal daneben
Von Philippe Debionne

Satte 65.000 Menschen waren in Chemnitz beim „Wir sind mehr“-Konzert, um ein Zeichen gegen Gewalt und Hetze zu setzen. So weit, so gut. Aber die Auswahl der Musiker war teils völlig daneben. Über die Band Feine Sahne Fischfilet hieß es in einem Verfassungsschutzbericht, sie spreche „ihrem politischen Gegner das Recht zur Ausübung der genannten Grundrechte schlicht ab“. Zwischen 2009 und 2016 gab es zudem 16 Ermittlungsverfahren gegen Bandmitglieder, unter anderem wegen Landfriedensbruchs, gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung, Raub und Nötigung. Und diese Band sollte nun also ein „Zeichen gegen Gewalt“ setzen. Ausgerechnet. Und nicht nur die.

Auch die Berliner Hip-Hop-Truppe K.I.Z hat auf einem Konzert, bei dem es offiziell gegen Hetze und Gewalt gehen sollte, nichts verloren. Zwar behaupten die links orientierten Musiker stets, sie betrieben Comedy, und dürfen somit tatsächlich nicht ganz so ernst genommen werden wie die von ihren Radikal-Ansichten ehrlich überzeugten Musiker von Feine Sahne Fischfilet. Aber eben doch ernst genug, als dass man sagen muss: Ihr passt hier nicht her.

Ihre Fans argumentieren, man müsse zwischen den Zeilen lesen. Bei Texten wie „Und ich gebe ihr von hinten wie ein Staffelläufer/Ich fick sie grün und blau, wie mein Kunterbuntes Haus“, die sich auf die umstrittene Ex-Tagesschausprecherin Eva Hermann beziehen, will ich aber nicht zwischen den Zeilen lesen müssen.

Weitere Kostprobe: „Ich röhre wie ein Hirsch auf der Pirsch wie ein Jäger/ Habe mehr Schwanz als 18 Neger“ – das ist also Comedy, weil zwischen den Zeilen (angeblich) ironisch? Wie kann es sein, dass vergleichsweise harmlose „Herrenwitze“ zu monatelangen Sexismus-Debatten führen, die oben zitierte Wortwahl aber als „Comedy“ durchgeht? Hauptsache gegen Rechts, der Rest ist egal? Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wäre gut beraten, sich künftig zu informieren, wen er offiziell via Facebook unterstützt."

Scheinbar ist es mittlerweile tatsächlich völlig egal, wer an ihrer Seite steht. Hauptsache, das jeweilige Feindbild stimmt.

Britta schreibt:
15. September 2018, 17:37

Wie viele Leute waeren eigentlich gekommen, wenn es sich um einen stillen Trauerumzug mit selbst zu bezahlender Anreise (ohne irgendwelche materiellen und immateriellen Anreize) im Gedenken an das Todesopfer, der nicht von AfD, Pegida o.ae. ausgestaltet worden waere, sondern von jenen, die sich so gegen Rechts engagieren, gehandelt haette?

Quelle
VERÖFFENTLICHT AM 04.09.2018 Artikel drucken

Folgen Sie Sonntag Sachsen:

Aktuelle Veranstaltungen
  • , – Chemnitz
  • Seniorentreff
  • Gemeindezentrum Markersdorf
  • , – Dresden
  • Vortrag und Gespräch
  • Frauenkirche
  • , – Leipzig
  • Lesecafé
  • Offener Seniorentreff der Ök. Sozialstation
Audio-Podcast

Der Twitter-Sonntagticker
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Vor 80 Jahren starb Ernst #Barlach – »Gott verbirgt sich hinter allem, und in allem sind schmale Spalten, durch die… https://t.co/VcEgT5xxNr
vor 4 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Laufen gegen Rechte: Am Sonnabend in #Ostritz https://t.co/fBw269KnUL
vor 4 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Erinnerung an den #Herbst89 – in @StadtLeipzig kamen gestern Abend rund 15 000 Menschen zum Gedenken. https://t.co/Plh5ZOr37U
vor 5 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Bundespräsident #Steinmeier besucht die Lausitz und dort unter anderem #Ostritz und #Großhennersdorf https://t.co/pgFutNPpdp
vor 10 Tagen