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»Ich wollte frei werden«

Im Gespräch: Altbischof Jochen Bohl erzählt im ersten Interview nach der Verabschiedung vom neuen Aufbruch, Entdeckungen und von seiner Bilanz – von den Herausforderungen der Homosexualitäts-Debatte, PEGIDA sowie seiner Rolle als Vater. Hier das ausführliche Interview.
Das Interview führte Mandy Weigel
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Herr Bohl, wie geht es Ihnen ohne Bischofsamt? 

Vieles hat sich geändert und damit geht es mir sehr gut. Das Tempo hat sich reduziert, andere Dinge als der Beruf sind wichtig geworden: die Zweisamkeit mit meiner Frau, Familie und Enkelkinder. Es ist auch so, dass meine beiden Eltern noch leben und hier wohl bald eine Aufgabe auf mich zukommen wird. Ich bin dankbar für das, was ich in meinem Berufsleben erleben und gestalten konnte; aber jetzt führe ich ein anderes Leben.

Sind Sie erleichtert, dass der Druck weg ist?

Mir ist jetzt erst klar geworden, unter was für permanenten Druck ich gestanden habe. Früher habe ich das gar nicht so wahrgenommen. Es ist eben alltäglich gewesen, von einem Termin zum anderen zu eilen.

Sie sind sofort nach Amtsübergabe pilgern gegangen, war das eine Flucht?

Das war für mich weniger eine Pilgerreise, eher eine große Wanderung. An Flucht habe ich nie gedacht; vielmehr hatte ich das ganz bewusst so geplant, weil ich einen gewissen Abstand zwischen den Lebensabschnitten schaffen wollte. Denn darum geht es ja mit dem Einstieg in den Ruhestand: die Gestaltung eines neuen Lebensabschnittes. Ich wollte frei werden, um diese neue Aufgabe angehen zu können. Und das hat auch sehr gut funktioniert.

Wohin ging die Reise?

Ich bin nach Graz gewandert auf den Spuren eines originellen Sachsen, Seume. Ich wollte eigentlich noch weiter, aber da war ich doch ein bisschen naiv. Man kann im Oktober nicht mehr zu Fuß über die Alpen kommen. Aber mein Reiseziel habe ich auch so erreicht; ich hatte so viel erlebt und fühlte mich frei.

Warum diese Reiseroute?

Ich hatte Johann Gottfried Seume »Spaziergang nach Syrakus« vor sechs Jahren gelesen und mir gesagt, das machst du auch. Leider war ich aber nicht dazu gekommen, mir eine ausführliche Reiseplanung auszuarbeiten, ich bin ja am Tag nach der Amtsübergabe aufgebrochen. So habe ich immer abends nachgelesen, wo es am nächsten Tag hinging, mir die Route angesehen und im Internet ein Quartier gesucht. Es hatte schon etwas von einem Abenteuer.

Sie sind allein mit Rucksack gewandert, jeden Abend in einem anderen Quartier?

Ja, mit sieben Kilo. Mir ging es um das Erleben der Landschaft, Bewegung und nicht zuletzt das Alleinsein. Als Pfarrer bin ich selten allein gewesen mit mir, war immer von vielen Menschen umgeben. Abstand wollte ich nicht nur schaffen wegen des Abschieds vom Bischofsamt, sondern vor allem nach den 41 Jahren im kirchlichen Dienst.

Haben Sie den Abstand gefunden?

Es war so, wie ich es mir erhofft hatte, ein einfaches Leben, ohne Umstände oder Pläne. Man braucht Quartier, aber ansonsten ist die Tagesplanung klar: etwas essen und dann marschiert man los.

Hat sich auf der Reise ihr Verhältnis zu Gott verändert?

Das geistliche Leben lebt man ja nicht ohne äußere Einflüsse. Je mehr Hektik man hat, desto weniger gut ist das für das geistige Leben, obwohl ich dabei auch ein Mensch mit Regeln bin. Wenn ich aber unterwegs die Bibel las, dann stand nicht die Frage im Raum, wann der nächste Termin ist, sondern ich konnte lesen, so lange ich wollte. Auch insofern war es eine gute Zeit.

Hatten Sie die Bibel dabei?

Ja, klar. Auch die Losungen und weitere 20 Bücher. Auf dem iPad.

Bücher zu welchen Themen?

Zum Beispiel habe ich Heinrich August Winklers »Geschichte des Westens« gelesen, anderthalb Bände. Da gab es sehr interessante Aspekte zur Gegenwart. Ich hatte auch »Gottes Offenbarung« von Michael Welker dabei, und dafür braucht man Ruhe.

In Ihrem Ruhestand spielen die Enkel eine große Rolle. Wo leben sie?

Wir haben drei Enkel. Unsere Kinder leben in Berlin, Hamburg und München.

Sie hatten während Ihrer Amtszeit vermutlich wenig Zeit für die Familie, wie empfinden Sie heute den Umgang mit ihren drei Enkeln?

Wenn man hohe Ansprüche an sich selbst und seine beruflichen Aufgaben stellt, ist auch klar, dass es im Familienleben zu Konflikten kommen kann. Ich bin mir nicht sicher, ob ich immer meine Aufgaben als Vater so erfüllt habe, wie es notwendig gewesen wäre. Auch die Ehe bleibt davon nicht unberührt, meine Frau – wir sind jetzt 40 Jahre verheiratet – und ich hatten wie viele andere Probleme mit den Prioritäten. Jetzt habe ich einen erneuerten Zugang zu meiner Familie und bin sehr dankbar, dass ich ganz Familienmensch sein kann. Konkret versuchen wir, so oft es geht unsere Kinder bei ihrer Erziehungsaufgabe zu entlasten. Und wenn die Enkel dann eine oder zwei Wochen bei uns sind, lassen wir alles andere stehen und liegen. Dann geht es nur um sie, das war früher nicht möglich.

Bedauern Sie, dass Sie für Ihre eigenen Kinder nicht viel Zeit hatten?

Auf der Wanderung hatte ich Gelegenheit, nicht nur über das Kommende nachzudenken, sondern auch über das, was gewesen ist – beispielsweise wie ich mich als Vater verhalten habe. Manches bereue ich.

Sprechen wir nochmal über Ihre Amtszeit. Was ist Ihnen gut gelungen?

Ich weiß gar nicht, ob ich darüber reden möchte; das sollen wohl andere beurteilen.

Wobei hatten Sie das Gefühl, am richtigen Ort wirken zu können?

Es waren für mich sehr erfüllte Jahre im Leitungsamt unserer Landeskirche und ich habe die Arbeit wirklich gern gemacht. Ich hatte vier Aufgaben in meinem Leben als Pfarrer, denen ich mich mit Hingabe und Engagement stellen durfte. Das war so in den ersten zehn Jahren als Gemeindepfarrer, in der Jugendarbeit, der Diakonie und hat sich auch nicht geändert während meiner Amtszeit als Bischof. Ich bin meiner Kirche zutiefst dankbar, dass sie mir immer Aufgaben übertragen hat, die mich in meinem Leben als Christ und Theologe erfüllt haben.

Vermissen Sie etwas?

Ich habe sehr viele festliche Gottesdienste mit großen, sangeskräftigen Gemeinden gefeiert – ein Privileg des Bischofsamtes. Da habe ich oft gedacht, so ist der evangelische Gottesdienst eigentlich gemeint. So soll es sein. Und insofern blicke ich mit tiefster Dankbarkeit auf diese Zeit zurück. Wenn ich heute ehrenamtlich unterwegs bin und Vertretungsgottesdienste in Dorfkirchen übernehme, erlebe ich den Normalzustand des kirchlichen Lebens. Das ist anders, macht mir aber auch Freude.

Was war schwer in Ihrer Amtszeit?

Sehr schwierig war der Streit um das Zusammenleben homosexueller Pfarrerinnen und Pfarrer. Das hat auch bei mir Spuren hinterlassen wegen der Schärfe der Auseinandersetzungen und insofern war es eine Zeit der Anfechtung. Nicht, dass wir die falsche Entscheidung getroffen hätten. Aber ich machte mir Sorgen, wie wir als Kirche beieinander bleiben können – trotz unterschiedlicher Auffassungen. Das hat mich sehr beschäftigt und auch gequält. Im Übrigen hat ja die jetzige Kirchenleitung den Kurs, den wir damals eingeschlagen haben, gerade erst in Bezug auf die Frage der Segnung bestätigt.

Schwierig wurde es auch mit dem Aufkommen von Pegida. Zu Beginn war es ein verworrenes Phänomen. Neonazis führten das Wort, es gingen aber auch Bürgerinnen und Bürger mit, die ich achtete und schätzte. In der Öffentlichkeit dominierten die schnellen und plakativen Aussagen und die Urteile fielen umso eindeutiger aus, je weiter die Entfernung von Dresden war. Da stand ich unter permanentem Druck, von allen nur denkbaren Seiten und immer mit der Erwartung verbunden, der Bischof solle doch die jeweilige Sichtweise bestätigen. In Predigten habe ich meine Meinung deutlich gesagt, zudem an die Pfarrer einen Brief geschrieben und dazu eingeladen, die Kirchen als Gesprächsräume zu öffnen, um wieder miteinander ins Gespräch zu kommen. Das hat auch funktioniert, wo es versucht wurde.

Die Kirchen haben einen Beitrag geleistet?

Ich denke, dass man heute mit Abstand von zwei Jahren sagen kann, dass die Kirche hierbei eine konstruktive Rolle gespielt hat. Heute ist klar, dass wir, was die Einwanderungspolitik betrifft, nicht alle einer Meinung sein müssen. Das ist demokratische Normalität.

Was würden Sie heute anders machen?

Niemand kann aus seiner Haut und ich finde es wichtig, authentisch zu bleiben. Ich habe mir meine Impulse im Bischofsamt schon ziemlich genau überlegt. Deshalb kann ich zu dem stehen, was ich gemacht habe, weil ich weiß, das war reflektiert und die Alternativen waren im Blick. Außerdem ist man als Bischof nicht allein, man ist auf Schwestern und Brüder angewiesen. Ich bin dankbar für Weggefährten, mit denen ich mich vertrauensvoll beraten konnte.

Wie geht es Ihnen mit der aktuellen Politik?

Was mich sehr beschäftigt, dass es derzeit von der geistigen Situation der Zeit her eine Rückkehr zum Völkisch-Nationalen gibt. Das ist eine Strömung, die wieder stärker wird und für viele eine neue Anziehungskraft hat, obwohl sie im letzten Jahrhundert zu furchtbaren Katastrophen geführt hat. Weniger noch in Deutschland, deutlicher bei all unseren Nachbarn. Ich gehöre zu der Nachkriegsgeneration, die sich mit der europäischen Einigung sehr identifizieren kann und es bekümmert mich, wie die EU jetzt in die Kritik geraten ist. Auch der Aufruhr in der arabischen Welt wird sich sobald nicht legen und wird Auswirkungen auf das Zusammenleben in unserem Land haben. Viel wird davon abhängen, wie die Migrationskrise bewältigt werden kann.

Es beschäftigt mich, dass die Zeiten wieder sehr turbulent geworden sind. Die Evangelische Verlagsanstalt hat zu meiner Verabschiedung einen kleinen Band herausgegeben »In Zeiten des Wandels« mit Predigten, Vorträgen und Texten. Die Überschrift trifft die Zeit der Bischofsjahre sehr gut. Aber das Tempo des Wandels hat sich seitdem eher noch beschleunigt und die Tendenzen von Individualisierung und Globalisierung betreffen inzwischen nicht mehr nur die äußeren Lebensumstände der Menschen, sondern auch ihre Sichtweisen, verändern die Personen und ihr Selbst- und Weltverständnis. Das ist eine neue Dimension und es ist offen, was daraus folgt.

Wie gehen wir damit um?

Wir sollten versuchen, unser persönliches Leben als Christenmenschen auf der Basis des Glaubens und im Geist der Hoffnung, zu der wir berufen sind, zu gestalten. Gerade wenn Vertrautes sich auflöst, ist es wichtig, das Fundament zu festigen. Das ist für uns die Bindung an Christus, der uns gelehrt hat die Mitmenschen als Kinder Gottes zu sehen und den Nächsten zu lieben; von Grenzen hat er dabei nicht gesprochen. Die Kirche hat den Auftrag, diese Friedensbotschaft in die Welt zu tragen. Sie wird besonders in Zeiten wie diesen gebraucht und wir werden unser Handeln daran ausrichten.

Sie sind auf dem Weg zur Uni, was machen Sie an der Uni?

Ich lehre Diakoniewissenschaft, die nicht zum Standardprogramm der Theologischen Fakultäten gehört. In Leipzig ist es zum Glück seit Jahren Tradition, dass das Fach von einem Ruheständler vertreten wird. Und so habe ich die Aufgabe mit Eintritt von meinem Kollegen Reinhard Turre übernommen. Darum fahre ich einmal in der Woche nach Leipzig, halte im Sommersemester eine Vorlesung und im Winter ein Seminar: allgemeine Einführung in die Diakoniewissenschaft und konkrete Sachfragen der Diakonik.

Wie gefällt Ihnen diese Tätigkeit?

Das macht mir sehr viel Freude. Da ist zum einen den Aspekt, dass es interessierte junge Leute sind, mit denen man wunderbar über die Dinge reden kann. Manches erinnert mich an die Jahre in der Jugendarbeit, als Bischof hatte ich ja nicht viel mit der Jugend zu tun. Außerdem ist es schön, Sachfragen gründlicher anschauen zu können. Früher habe ich das meiste unter großem Zeitdruck machen müssen. In dem vorlesungsfreien Halbjahr kann ich mich jetzt entspannt vorbereiten, Bibliotheken aufsuchen… eine schöne Aufgabe, gut für die Fakultät, für Diakonie und Landeskirche und für mich.

Herr Bohl, herzlichen Dank für das Interview!

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Wer seinen Nächsten verachtet, versündigt sich; aber wohl dem, der sich der Elenden erbarmt!

(Sprüche 14,21)

Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach füreinander und für jedermann.

(1.Thessalonicheralonicher 5,15)

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