Maria für die Frauen

Kirche und Frauen: Nina-Maria Mixtacki, Pfarrerin in Mittweida, hat Frauendiskriminierung erleiden müssen. Deshalb setzt sie sich nicht nur am Weltgebetstag für die Frauen ein.
Uwe Naumann
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Nina-Maria Mixtacki
Pfarrerin mit guter Nachricht: Nina-Maria Mixtacki möchte in der Kirchgemeinde Mittweida mehr Angebote für Frauen schaffen. Sie sieht gerade in körperbezogenen Angeboten eine größere Nachfrage. © Wiegand Sturm

Sie ist die erste Pfarrerin der Kirchgemeinde Mittweida – die erste Frau für die Kirche »Unser lieben Frauen«. Wie Maria, die Namenspatronin der großen Stadtkirche, so heißt nun auch die Pfarrerin: Nina-Maria Mixtacki. »Ich habe das Gefühl, mein Geschlecht spielt hier keine Rolle«, sagt sie erleichtert nach ihrer Ankunft in der mittelsächsischen Kleinstadt. In der Vergangenheit habe sie das auch schon anders erlebt. Auf ihrer vorherigen ersten Pfarrstelle in Obercunnersdorf in der Lausitz war sie gleich Pfarramtsleiterin, und das in einer konservativen Gemeinde. »Mir haben wohl 30 Kilo Kampfmasse und ein Bart gefehlt«, nimmt sie es rückblickend mit Humor.

Die 31-jährige sportliche Frau mit den langen, braunen Haaren versteckt sich nicht, weder als Pfarrerin noch privat. Gerade in dieser Zeit der Pandemie ist sie digital viel unterwegs. Seit dem ersten Lockdown vor einem Jahr predigt sie jeden Sonntag online. »Gottesdienst im Erker« nennt sie das Videoformat aus ihrer Dienstwohnung: Etwa eine Viertelstunde mit Gebet, Lesung, Predigt und Segen. Dabei tritt die Pfarrerin nicht im Talar auf, sondern mit Pulli oder Hemd, und lässt im Hintergrund leise Musik spielen. Den Zuschauer empfängt sie mit einem Lächeln und einem vertrauten »Du«.

Auch wenn die junge Pfarrerin längst wieder Gottesdienste mit der Gemeinde in der Kirche feiert. An ihrer digitalen Mission will sie festhalten. »Die Nachfrage ist überwältigend. Das hätte ich nicht gedacht«, sagt Nina-Maria Mixtacki. »Wir sollten neu darüber nachdenken, was Kirchgemeinde eigentlich ist«, regt die Theologin an, die digitale Gemeinde künftig nicht zu vergessen.

Auf ihrem öffentlichen Kanal »atmen.glauben.leben« bei der Fotoplattform Instagram und der Videoplattform Youtube zeigt sie auch Yoga-Übungen. Christliches Yoga ist ihre zweite Leidenschaft, neben Reiten. Das sei ihre Zeit zum Innehalten, ihre Stille Zeit. Mittlerweile gründe sich dafür ein entsprechendes Netzwerk innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland, berichtet die Yogalehrerin. »Ich bin sehr dafür, dass wir in der Kirche auch körperbezogene Angebote machen«, meint sie. Der christliche Glaube sei stark vergeistigt. Aber wie Jesus Frauen heilt, wie er auf sie zugeht, das sei vorbildhaft, so die Pfarrerin. »Ich sehe es als meinen besonderen Auftrag, auf die Frauen zu schauen«, sagt sie. »Und ich habe das Gefühl, dass gerade unter Frauen die Nachfrage nach Angeboten zur Körperwahrnehmung groß ist.« In Corona-Zeiten, mit Abstand und Maske, sei das natürlich schwierig. Später aber möchte sie zum Beispiel einen Fürbittgottesdienst mit Salbung anbieten. Für Teenagerinnen plane sie einen Mädelsabend zum Thema Körperideale, erzählt sie. »Jeder Mensch ist wunderbar von Gott gemacht«, sagt die Pfarrerin. Darüber wolle sie mit jungen Frauen reden.

Worüber Nina-Maria Mixtacki immer wieder spricht, ist das Thema Diskriminierung in der Kirche – nicht nur von Frauen, auch etwa von Homosexuellen. »Wo Menschen ausgeschlossen werden, sind Grenzen erreicht«, betont sie. In ihren Videos und Kommentaren zu ihren Fotos macht sie das ganz deutlich, erntet aber auch entsprechende Gegenreaktionen. Sie kenne solche Haltungen schon seit ihrer Kindheit, als sie in Jahnsdorf bei Chemnitz aufgewachsen ist, sagt sie. Während ihres Theologiestudiums in Leipzig lernte sie dann die ganze Bandbreite kennen. Ihr Studienfreund, den sie mit 19 Jahren heiratete, war beispielsweise Funktionär im konservativen Theokreis. Frauen im Pfarramt sei da ein schwieriges Thema gewesen, erzählt sie von unterschiedlichen Bibelverständnissen. Ihrer Meinung nach müsse der biblische Text immer in der jeweiligen Zeit gesehen und verstanden werden, und nicht damals wie heute gleich. Auch wegen dieser Differenzen habe sie sich am Ende des Studiums zunächst nicht für den Pfarrdienst entschieden. Sie studierte zusätzlich Wirtschaftspädagogik und arbeitete parallel im Personalbereich eines Konzerns.

Doch sie möchte Menschen vertrauensvoll begleiten, möchte Seelsorgerin sein in allen Stationen des Lebens. Das habe sie in dieser Zeit erkannt und sich deshalb für das Pfarramt entschieden. Nach ihrem Vikariat in Leipzig schickte das Landeskirchenamt sie in die Lausitz auf ihre erste Pfarrstelle. Parallel lief die Scheidung ihrer Ehe, die auch aufgrund der unterschiedlichen theologischen Ausrichtung nicht mehr funktioniert habe, wie sie sagt.

In Obercunnersdorf erlebte sie aber wieder das, wovon sie dachte, es hinter sich gelassen zu haben. Die junge Pfarrerin hatte Fotos ihrer Yoga-Übungen privat online gestellt. Das fanden einige Gemeindeglieder so anstößig, dass es zu Beschwerden beim Kirchenvorstand kam. Eine Einschätzung der konservativen »AG Welt«, die damals von Gemeindegliedern erbeten worden sei, kam nicht nur zu dem Schluss, dass es christliches Yoga nicht gibt. Gleichzeitig wurde betont, »dass Frauen nach dem Willen Gottes weder Gemeindeleitung noch Verkündigungsdienst übertragen bekommen sollen«, heißt es noch heute auf deren Internetseite.

Die Landeskirche hat zur Frauenordination aber seit über 50 Jahren eine andere Meinung. Auch zum christlichen Yoga ist die Meinung differenzierter. Deshalb stärkten die Superintendentin und das Landeskirchenamt der jungen Pfarrerin den Rücken: Sie wurde versetzt nach Mittweida, wo sie zugleich Pfarrerin für Sachsens größte Fachhochschule ist. »Ich hatte aber auch etwas Glück mit meinen Fotos bei Instagram«, schmunzelt Nina-Maria Mixtacki.

Denn auch die Haltung zu den Aktivitäten von Verkündigungsmitarbeitern in sozialen Netzwerken hat sich verändert. »Mittlerweile ist ja auch der Landesbischof bei Instagram aktiv.« Spätestens Corona und Lockdown haben ihrer digitalen Mission Rückenwind gegeben. »Ich glaube, durch In­stagram oder Youtube bin ich ein bisschen nahbarer, ein bisschen greifbarer, was Kirche ja sonst selten ist«, sagte sie in einem Interview.

Mit konservativen Pfarrern habe sie kein Problem, beteuert die 31-Jährige. »Die Landeskirche braucht auch sie. Aber die Frauenordination ist leider noch nicht überall angekommen«, sieht sie die Herausforderung. Deshalb wird die erste Gemeindepfarrerin von Mittweida sich auch weiterhin für die Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche stark machen – egal ob auf ihren digitalen Kanälen mit über 2000 Abonnenten oder direkt von der Kanzel.

Den Weltgebetstag der Frauen muss sie in Mittweida übrigens nicht mit vorbereiten. »Dafür gibt es einen hervorragend selbstständigen Frauenkreis«, sagt die Pfarrerin stolz. Am 5. März wird ein Abendgottesdienst in der Kirche »Unser lieben Frauen« gefeiert – und für Frauen in aller Welt gebetet.

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