Mönch als Internetstar

Gottsuche heute: Der Jerusalemer Benediktinermönch Pater Nikodemus hält nichts vom Rückzug hinter Klostermauern. Im Internet und in Begegnungen stellt er sich den Fragen der Menschen – und wagt überraschende Antworten. 100 davon sind nun als Buch erschienen.
Das Gespräch führte Stefan Seidel.
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Pater Nikodemus #FragEinenMönch. 100 Fragen (und unzensierte Antworten)
Gefragter Mönch: Pater Nikodemus stellt sich allen Fragen, die ihn erreichen. Sein Internetvideo »#FragEinenMönch« auf dem YouTube-Kanal »Hyperbole« wurde weit über eine Million mal angeschaut. Diese Fragen und Antworten waren der Beginn des Buches »#FragEinenMönch. 100 Fragen (und unzensierte Antworten).« © Verlag; Bearbeitung: so

Pater Nikodemus, wie ist es denn zu dem Buch »Frag einen Mönch« gekommen?
Pater Nikodemus Schnabel: Das ist erwachsen aus den vielen Fragen, die mich in meiner Zeit in Berlin, wo ich ein Jahr als Berater im Auswärtigen Amt tätig war, bei vielen Begegnungen erreicht haben. Und aus den Fragen, die auf den verschiedenen Kanälen des Internets an mich gerichtet werden. Ich erinnere mich an eine Begegnung, als mich in Berlin ein junger Mann auf meinen Ordenshabit ansprach und fragte, was das sei. Da sagte ich, dass ich Mönch bin. Da fragte er, was ein Mönch sei. Da sagte ich, dass ich an Gott glaube. Da fragte er, ob man da so herumlaufen müsse. Ich sagte, nein und merkte, dass das echt schwer ist zu beantworten. Solche erfrischenden Begegnungen mit vielen kleinen und großen Fragen des Lebens erlebte ich viele und aus meinen authentischen Antworten ist am Ende das Buch entstanden. Mein Co-Autor Sascha Hellen hat aus den Internetforen noch einmal die Fragen zusammengetragen und ich habe sie dann via Video-Anruf beantwortet. Meine Antworten sind nicht ausgeklügelt und kompliziert, sondern oft direkt und aus dem Bauch heraus.

Was ist die Botschaft des Buches?
Gerade in einer Zeit, in der das Thema Kirche sehr schwierig ist – Stichwort Missbrauch – war es mir wichtig zu zeigen, dass Kirche auch noch etwas anderes kann, als mit einem großen Seufzer immer zu wiederholen, dass alles schwierig und schlimm ist. In meinen Augen herrscht in der Kirche derzeit eine depressive Selbstgeißelungsstimmung. Mein Buch ist sicher kein »Schönrede-Buch«, aber es soll zeigen, dass es noch mehr Themen gibt. Meine Erfahrung ist die, dass ich als Mönch auch auf ganz viel Neugierde und Offenheit stoße. Dass ich auf Leute treffe, die staunen, dass es Mönche wirklich noch gibt und sie nicht nur Computerspiel-Charaktere sind. Die haben keine traumatischen Erfahrungen mit Kirche, die haben gar keine Ahnung. Und das ist erfrischend, wenn die fragen: Wie stehst Du als Mönch zu Tatoos? Oder: Hat das Böse ein Gesicht? Im Buch beantworte ich diese Fragen, die allesamt echte Fragen gewesen sind.

Was ist das Problem der Kirchen?
Ich habe das Gefühl, dass wir als Kirche oft Antworten geben auf Fragen, die niemand stellt. Wir geben viele Antworten – etwa auf die Fragen nach der Zukunft der Kirchgemeinden, der Seelsorge, der Volkskirche. Aber das interessiert nur die eigenen Leute. Draußen interessiert das keinen Menschen. Ich finde es dagegen wichtig, auf Fragen zu antworten, die uns gestellt werden. Wie zum Beispiel die Frage nach dem Bösen, die ich sehr oft gehört habe. Vielleicht laufen wir auch vor Fragen, die es gibt, weg. Das Buch versucht, dem entgegenzuwirken, es enthält echte Fragen und echte Antworten – so wie ich halt bin.

Was schließen Sie aus diesem Fragebedürfnis vieler doch sehr säkularer Menschen? Fehlt ihnen doch etwas, wenn die Religion fehlt?
Religion ist ein bleibendes Mega-Thema. Aber ich verstehe, dass die Kirchen extrem unattraktiv wirken für Menschen, die mit Religion nichts am Hut haben. Weil die Schlagzeilen, die wir machen, oft negative sind. Oft geht es um Struktur-, Haushalts- oder Tariffragen, Denkpapiere und natürlich auch um Missbrauch. Man hat das Gefühl, da sind riesige Verwaltungsapparate mit sich selbst beschäftigt, große Arbeitgeber und Sozialkonzerne, die sich Fragen stellen, wie das Schrumpfen zu bewerkstelligen sei und die Verwaltungsfragen gelöst werden müssten. Das sind aber nicht Fragen, die die meisten Menschen beschäftigen. Ich begegne dagegen auf der Straße und im Internet echten Lebensfragen, wie zum Beispiel, wie mit dem Körper und möglichen Eingriffen umgegangen werden sollte oder was der Sinn des Lebens ist. Da nehme ich eine große Sehnsucht wahr.

Und welche Angebote machen Sie diesen Fragenden und Suchenden?
Ich werde als Vertreter der Kirche angefragt als jemand, der Zugang zu einem Weisheitsreservoir hat. Es wird Spiritualität gesucht. Und da bin ich ganz bei ihnen. Mein Ordensvater, der Heilige Benedikt, hat gesagt, wer ins Kloster geht, der sucht wahrhaft Gott. Ich bin Gottsucher. Da zeige ich den Leuten: Ich bin mit euch auf der Suche. Dabei habe ich vielleicht den Vorteil, dass ich mehr Zeit dafür habe, weil ich das hauptberuflich mache und ich noch Zugriff zu jahrhundertealten Weisheiten habe. Das ist dann attraktiv, dass ich sage: Wenn Du suchst und zweifelst, ich begleite dich dabei. Und das ist gefragt, wie ich es gerade in den Sozialen Netzwerken des Internets erlebe. Da bekomme ich täglich so viele Fragen gestellt. Etwa: Woher weißt Du, was Deine Berufung ist? Was gibt Dir Trost? Diese Grundfragen sind ja da.

Welche Empfehlung an die Kirchen hätten Sie? Was könnte ein Rezept sein, um aus dem Abwärtsstrudel herauszukommen?
Wir müssen Mut haben, in die Arenen der Meinungen zu gehen, uns zu stellen und ansprechbar zu halten und dann Rede und Antwort stehen. Da könnten Formate entwickelt werden wie »Wir sind online – Stellt uns Eure Fragen«. Das sollte dann authentisch und verständlich geschehen, ohne dass wir die großen geprägten religiösen Begriffe verwenden. Wir müssen übersetzen, was es zum Beispiel heißt, dass wir an die göttliche Gnade glauben.

Wie würden Sie antworten auf die Frage eines Nicht-Gläubigen, wie der Glaube an ein Leben nach dem Tod, an ein ewiges Leben möglich wäre?
Was viele Menschen, auch die religiös nicht mehr gebundenen, hochschätzen, ist die Liebe. Viele sagen, das Wichtigste ist die Liebe, und dass die Liebe überdauert. Und das ist auch das, was mir mein Glaube sagt: Dass es jemanden gibt, nämlich Gott, der »Ja« zu mir gesagt hat, und dass das eine Liebe ist, die nicht vergeht. Und so, wie ich als Mensch auch nicht möchte, dass meine Liebe vergeht mit dem Tod, so glaube ich auch, dass Gott zu meiner Existenz gesagt hat »Ich liebe dich« und dass das nicht im Tod vergeht. Seine Liebe bleibt, das ist die Zusage. So vertraue ich darauf, dass ich im Tod nicht zu Grunde gehe, nicht vernichtet werde, sondern dass diese Liebe meine irdische Zeitspanne überdauert. So verstehe ich die Bibel – das ist ein riesiger Liebesbrief Gottes an die Menschen. Und diese Liebe bleibt.

Buchtipp: 

Pater Nikodemus Schnabel mit Sascha Hellen: #FragEinenMönch. 100 Fragen (und unzensierte Antworten). Adeo Verlag 2021, 189 S., 18 Euro.

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