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Mit dem Herzen sehen

Erinnerung: Heinrich Bölls Geburtstag jährt sich zum 100. Mal. Er verteidigte die Sache Jesu in einer gottlos gewordenen Welt und Kirche.
Von Stefan Seidel
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Der Unbestechliche: Heinrich Böll schrieb Werke von großer Intensität. Reich-Ranicki sagte, Bölls Romane seien dazu angetan, den Menschen besser zu machen. © Foto: picture-alliance / Sven Simon

Noch wird er in den Schulen gelesen. Noch ist er nicht gänzlich vergessen: Heinrich Böll (1917 bis 1985). Und doch scheint der Stern des am 21. Dezember vor 100 Jahren geborenen Literaturnobelpreisträgers im Sinken begriffen zu sein. Denn seine »Trümmerliteratur« dürfte für viele junge Leser mehr mit dem Museum als mit ihrem Leben zu tun haben. Hat Böll uns heute noch etwas zu sagen?

Ja. Denn in seinen Kurzgeschichten und Romanen verbergen sich unter der zeitgebundenen Oberfläche tiefe menschliche Wahrheiten: Dass das Leben gewagt werden muss – auch gegen die Konventionen. Dass es nicht auf einen mustergültigen Lebenslauf ankommt, sondern darauf, den eigenen Lebenston zu finden.

Natürlich bleibt auch die ins Mark fahrende Mahnung, den Krieg zu lassen. Als wollte dieser große Literat noch einmal die Stimme seiner kriegsverwüsteten Generation erheben, ist soeben aus dem Nachlass sein Kriegstagebuch erschienen. Unter dem Titel »Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind« sind nun Bölls stichpunktartige Notizen von der Front nachzulesen. Sie lehren das Fürchten.

Am 1. Dezember 1943 notiert er an der russischen Front: »Die Bomber zielen auf unsere Stellungen. Den ganzen Tag schweres Feuer auf unseren Abschnitt ... und immer bin ich mit meinen Gedanken bei Anne-Marie und zu Hause, so sehr, dass mir alles wie ein Traum vorkommt ... Gott lebt und Gott hilft mir.« Am 3. Januar 1944, Böll liegt im Lazarett, nur vier Worte: »entsetzliche Schmerzen, vollkommene Nervenzerrüttung«. Inmitten dieser Traumatisierungen klammert sich Böll an zwei Namen: Anne-Marie und Gott. Das Beschwören der Liebe, die er in Gestalt seiner späteren Frau Anne-Marie erfährt, bewahrt ihn vor dem Zusammenbruch. Ebenso das Beschwören Gottes. »Gott lebt, das muss ich wissen«, heißt es immer wieder. Herausgestoßene Gebete, die dem Elenden ein letzter Fluchtpunkt sind.

Als Böll im September 1945 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wird, liegen sein Land und seine Seele in Trümmern. Doch in ihm glüht etwas von dem unaussprechlich Göttlichen, das bei ihm war und von dem er nicht loskommt. Und diesen Gott, der für Böll die Liebe ist, verteidigt er – mit der ganzen Kraft seines literarischen Könnens. Gott fand er dabei weniger in den Kirchen. Vielmehr in Menschengesichtern, die ihn ob ihrer Güte oder Anmut anrühren und eine Bewegung des Herzens anstoßen, in Gesten und Momenten der Liebe – so eindrücklich beschrieben im Roman »Und sagte kein einziges Wort«. Ein Buch über das Wagnis der Liebe, die sich ihr Recht erkämpft gegen die verlogenen Bevormundungen der Kirche.

Böll traute künftig nur noch der Wahrheit der Waschküchen: der sich in einfachen Menschen regenden Liebessplitter. Er war überzeugt, dass es die edelste Regung der Menschen ist, wenn sie Zuneigung zueinander entdecken – oder ein Gefühl der Solidarität. Und dass die Liebe nicht reglementiert, sondern behutsam gehegt und gepflegt werden muss. Dieses Mit-dem-Herzen-Sehen ist der Kern der Böll’schen Kunst. Es liegt in seinem Werk in hundertfacher Variation vor.

Hat Heinrich Böll auch der Kirche von heute noch etwas zu sagen? Gewiss. Denn er fände sie sicherlich immer noch zu kalt. »Wahrscheinlich hat das Christentum noch gar nicht begonnen, gewiss nicht: die Kirchen haben noch nicht begriffen, was Liebe ist, obwohl ihnen Texte genug zur Verfügung stehen (...) – was übriggeblieben ist, ist eine vertrackte juristische Spitzfindigkeit, um so etwas zu regeln wie Liebe und Ehe«, schrieb er einmal.

Die Kirche könnte über Böll auf die Spur Jesu gelangen. Dass es nicht auf Gehorsam oder das richtige Aufsagen verordneter Dogmen ankommt. Sondern einzig auf die Herzensregungen, auf die schlichte gute Tat – und nicht zuletzt auf eine gesunde Portion humorvoller Gelassenheit, mit der man auf das Gebaren der hohen Herren der Kirche und des Staates blickt, um dann doch seinem Herzen zu folgen. Denn nur mit dem Herzen sieht man gut.

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