Not lehrt Beten

Die Gebetsaufrufe häufen sich derzeit im Internet. Nicht nur Religionsgemeinschaften laden zum öffentlichen Gebet ein, auch Nutzer sozialer Netzwerke bekennen, dass sie beten. Manche glauben nicht mal an Gott.
Franziska Hein (epd)
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© engin akyurt/Unsplash

Nichts ist so sicher wie das Amen in der Kirche – doch zurzeit scheint nicht einmal das sicher. Denn Gottesdienste mit Gemeinde finden nirgendwo in Deutschland statt, und auch im Vatikan oder in Israel wird vor überwiegend leeren Kirchenbänken gepredigt. Gleichzeitig wächst aber die Sehnsucht nach dem Zuspruch der Kirchen. Rundfunkgottesdienste erzielen Rekordreichweiten, aber auch im Internet ist die Kirche jetzt omnipräsent. Fast jede Gemeinde bietet eine Predigt als Podcast oder einen Gottesdienst zum Streamen an – und die Gebetsaufrufe häufen sich.

Um 19.30 Uhr ist an vielen Orten derzeit das Große Geläut zu hören, Kirchen wollen damit zum gemeinsamen Gebet aufrufen. Der Papst forderte in dieser Woche gleich zweimal zum Gebet auf, am Mittwoch sollten die Menschen um 12 Uhr kollektiv das Vaterunser, das bekannteste Gebet der Christenheit, sprechen, am Freitagabend will er eine Andacht abhalten und seinen traditionellen Segen »Urbi et Orbi« (Der Stadt und dem Erdkreis) spenden. Das evangelische Internetportal »evangelisch.de« hat ein Dauergebet im Internet gestartet. Freiwillige beten auf der Seite »coronagebet.de» jeweils 20 Minuten am Stück und nehmen Gebetsanliegen von anderen Nutzern auf. Ziel ist, dass das Gebet nie abreißt. In Jerusalem können Gläubige über das Internet die Gebetsstunden verfolgen – etwa von der Monastischen Gemeinschaft und der Dormitio Abtei.

Aber auch in sozialen Medien wie Twitter, Instagram, Youtube und Facebook werden Gebetsanliegen geteilt. Dort finden sich auch Nutzerinnen und Nutzer, die von sich selbst sagen, dass sie weder religiös sind, noch an Gott glauben. Aber Beten könne ja nicht schaden.

Das Gebet ist also in der Krise populärer wie nie zuvor. Diese Beobachtung hat auch die Essener Pfarrerin Hanna Jacobs gemacht, die beim alternativen Gemeindeprojekt »Raumschiff Ruhr« arbeitet. Sie führt die Tatsache, dass jetzt auch viele nichtreligiöse Menschen wieder beten, auf zwei Gründe zurück. Zum einen gebe es in der amerikanisch geprägten Popkultur starke Vorbilder. Zum anderen besönnen sich viele Menschen in Kriegs- oder Krisenzeiten auf eine höhere Macht, die ihnen vielleicht helfen kann.

»Not lehrt Beten«, sagt die evangelische Theologin Eva Harasta, die sich wissenschaftlich mit dem Thema »Gebet« befasst hat und auch auf Twitter aktiv ist. Dort finde sie vor allem Fürbitten und Segensprüche, die viele Menschen teilen und die häufig auch von kirchlichen Internetseiten gepostet werden. Der Satz »Not lehrt Beten« lasse sich aber auch umkehren, sagt sie. Beten lehrt Not bedeute, dass die Menschen in einem Gebet ihre Not auch anders wahrnehmen und sie, wenn sie gläubig sind, vor Gott bringen wollen. »Im Gebet entwickelt sich auch ein Verhältnis zum eigenen Leben«, sagt Harasta.

Gerade in Krisenzeiten haben viele Menschen das Bedürfnis, sich mit dem Lebenssinn zu beschäftigen. Im Wunsch zu beten drücke sich daher auch eine Verunsicherung aus, die viele Menschen angesichts einer durch Krankheit und wirtschaftliche Not gefährdete Existenz fühlen, vermuten die beiden Pfarrerinnen Jacobs und Harasta. »Die vielen Gebetsanliegen sind Ausdruck von Hilflosigkeit, aber auch ein Wunsch nach Trost», sagt Jacobs. Sie sind auch Momente der Selbstreflexion.

Ein Gebet könne helfen, die Unsicherheit zu akzeptieren und festzustellen, dass man die Situation gerade selbst nicht kontrollieren könne, was aber gleichzeitig nicht heißen müsse, dass alles schlecht endet, sagt Harasta, die an der Evangelischen Akademie in Wittenberg arbeitet. Sie stellt fest, dass viele Postings nicht nur Bitten, sondern auch viel Dank enthalten. Dankbarkeit für kleine Dinge, die die Aufmerksamkeit auf Schönes lenken. Da poste etwa jemand das Bild einer blühenden Magnolie.

Einen Punkt halten jedoch beide Theologinnen für wesentlich: Es ist nicht egal, an wen man sich im Gebet wendet. In der christlichen Tradition ist das nun mal Gott. Gott könne jedoch auch Ausdruck in der Gemeinschaft der Gläubigen finden, die sich gerade im Internet versammelt. Viele, die von sich sagen, sie glaubten nicht an Gott, wünschten sich trotzdem Feedback von der Community im Netz, die vielleicht die Gebetsanliegen aufgreift, sagt Harasta. Das gemeinsame Gebet und das Teilen von Gebetsanliegen sei auch gegenseitige Unterstützung und Bestärkung. »Wenn die sozialen Medien so einen Austausch bringen können, wäre das doch ganz wunderbar.«

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