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Platzeck: '89 war im Kern eine »evangelische Revolution«

Brandenburgs früherer Ministerpräsident Matthias Platzeck lobt die Rolle der evangelischen Kirche im Herbst '89. Sie habe damals die Türen für die Demonstranten geöffnet – trotz Bedenken. Die heutigen Ostdeutschen empfindet er als veränderungsmüde.
epd
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Sebastian Gabsch, www.ueberwacht.com, for Wikipedia
© Sebastian Gabsch, www.ueberwacht.com, for Wikipedia

Für Brandenburgs früheren Ministerpräsidenten Matthias Platzeck waren die Ereignisse im Herbst '89 in der DDR im Kern »eine evangelische Revolution«. Es sei kein Zufall, dass sich die friedliche Revolution mit Orten wie der Berliner Gethsemanekirche, der Leipziger Nikolaikirche oder der Potsdamer Friedrichskirche verbinde, sagte der SPD-Politiker am Dienstag in Potsdam bei einem Zeitzeugengespräch zu 30 Jahre friedliche Revolution in der Evangelischen Kirchengemeinde Babelsberg.

Heute sei immer davon die Rede, dass sich beide große Kirchen im Herbst 1989 den Demonstranten geöffnet haben. »Es gab aber einen großen Unterschied zwischen katholischer und evangelischer Kirche. Das muss auch mal gesagt werden«, sagte Platzeck. Bei den Katholiken seien zumeist die Türen geschlossen geblieben. Zwar habe es auch innerhalb der evangelischen Kirche viele kontroverse Diskussionen gegeben, inwieweit man der DDR-Opposition Räume und Podien biete »aber am Ende gingen die Türen für die Demonstranten auf«.

Zu dem Gespräch hatte die Ehrenamtliche Flüchtlingsinitiative der Babelsberger Kirchengemeinde eingeladen, »um mit unseren neuen Nachbarn aus Syrien, Afghanistan, Sudan oder Eritrea über das einzigartige Ereignis des 20. Jahrhunderts in das Gespräch zu kommen«, wie es hieß. Moderiert von der Potsdamer SPD-Kandidatin und möglichen künftigen SPD-Bundesvorsitzenden Klara Geywitz standen neben Platzeck auch das Pfarrer-Ehepaar Stephan und Annette Flade als Zeitzeugen zur Verfügung. Stephan Flade war von 1983 bis 2006 Gemeindepfarrer in Babelsberg und beide gehörten zu den kirchlichen Hauptakteuren des Revolutionsherbstes in Potsdam.

Flade entschuldigte die damalige Zurückhaltung der katholischen Kirche mit ihrer »zahlenmäßigen Schwäche« in der Stadt. »Wir Protestanten waren einfach viel mehr und hatten ganz andere Möglichkeiten, zu agieren«, sagte der heute in Wittenberge lebende Theologe. Es habe aber mit »unseren ökumenischen Freunden« die Verabredung gegeben, »dass sie für uns beten«.

Was damals passierte, sei »alles nicht vom Himmel gefallen«, sagte Annette Flade, in der DDR Dozentin für Sozialarbeit und später viele Jahre Ausländerseelsorgerin im Evangelischen Kirchenkreis Potsdam. Die Grundlagen für die friedliche Revolution seien bereits in den 80er Jahren in den vielen kirchlichen Initiativgruppen geschaffen worden. »Mut funktioniert nur, wenn man das Gefühl hat, die Leute stehen hinter einem und man wagt gemeinsam den nächsten Schritt«, sagte die Theologin, auf deren Initiative im Januar 1990 schließlich auch die Potsdamer Stasi-Zentrale besetzt wurde.

Dass die Umbrüche des Herbstes '89 so friedlich abliefen, hing nach Einschätzung von Matthias Platzeck auch mit dem Pragmatismus der Demonstranten zusammen. »Man darf den Gegner nicht überfordern«, sagte der SPD-Politiker. Niemand habe von Mauerfall oder Wiedervereinigung gesprochen. »Wir wollten eine veränderte DDR. Das machte weniger Angst.«

Dass sich 30 Jahre später eine Demokratieverdrossenheit bei den Ostdeutschen ausbreitet und die AfD starken Zulauf hat, führt Platzeck auf eine Veränderungsmüdigkeit der Menschen zurück. Man müsse sich vor Augen führen, was in den vergangenen 30 Jahren auf eine Generation Menschen niedergeprasselt ist, sagte der SPD-Politiker.

Viele hätten die 90er Jahre nicht als »Um- sondern als Zusammenbruch« empfunden. Nach einer Aufwärtsphase sei dann die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008/2009 gekommen, »wo viele das Gefühl hatten, hier sind Prozesse im Gang, die der Staat nicht mehr im Griff hat«. Dieses Gefühl habe sich ab 2015 mit der Flüchtlingszuwanderung weiter verstärkt.

Vor diesem Hintergrund staune er, dass immer noch 80 Prozent der Menschen zu Demokratie und diesem Land stehen, sagte Platzeck. »Das ist eine wirklich gute Nachricht.« Auch sei er überzeugt, dass von den anderen 20 Prozent – bis auf die Funktionäre – viele zurückgewonnen werden können.

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