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Ein Luther für den Islam?

Auch Muslime müssten angesichts des IS-Terrors endlich eine Reformation durchführen, heißt es im Westen. Dabei gab es sie längst – der Terror ist eines ihrer Kinder.
Andreas Roth
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Was hätte Luther dazu gesagt? Der Künstler Kurt Fleckenstein legte am Montag vor einer Pegida-Demonstration muslimische Gebetsteppiche vor der Dresdner Frauenkirche aus. © Steffen Giersch

Nach den islamistischen Terroranschlägen von Paris tat das christliche Abendland einmal wieder, was es ohnehin gerne tut: Es predigte der Welt von einer hohen Kanzel herab. »Der Islam braucht eine Reformation«, hieß die nicht ganz neue Losung. Was meint: Liebe Muslime, holt endlich nach, was wir vor 500 Jahren schon erledigt haben.

Dabei hat der Islam längst eine Reformation erlebt – und das Ergebnis ist verheerend. Es heißt Wahhabismus, Salafismus, die Welt zittert vor ihnen. Wie konnte das geschehen?

Salaf ist das arabische Wort für den Vorfahren. Ein Salafist orientiert sich radikal am Wortlaut seiner Heiligen Schrift und den Überlieferungen der ersten Glaubensgenerationen – in seiner harten Kritik an gewachsenen Traditionen und Volksglauben ähnelt er den christlichen Reformatoren: Allein die Schrift! Es begann in einer arabischen Oasenstadt mit dem Gelehrten Muhammad ibn Abd al-Wahhab im 18. Jahrhundert, der Heiligenverehrung und Wallfahrten strikt ablehnte und durch eine Rückkehr zum Wortlaut des Korans den Islam reinigen wollte. Den Wahhabismus benutzte der saudische Emir zur Einigung seines Reiches. Heute gebiert er den Terror.

Das wird auch der andere große Vater des Salafismus nie gewollt haben: Jamal al-Din al-Afghani. Ein 1838 in Persien geborener Querdenker, der sich selbst als muslimischer Martin Luther sah. Die islamische Welt lag schon im 19. Jahrhundert darnieder – entweder unter dem Joch der europäischen Kolonialmächte oder eines morschen osmanischen Kalifats. »Ich kämpfe für eine Reformbewegung im heruntergekommenen Orient, wo ich Willkür durch Recht, Tyrannei durch Gerechtigkeit und Fanatismus durch Toleranz ersetzen möchte«, das war al-Afghanis Programm.

Seine islamische Reformation war durchaus liberal. Wie Luther nutzte er die modernen Medien seiner Zeit und warb für eine Bildungsrevolution. »Der wahre Geist des Koran steht vollkommen im Einklang mit modernen Freiheiten«, daran glaubte er. Den Grund für die muslimische Misere sah al-Afghani in der Verunreinigung des Islams, auch er wollte wie sein Vorbild Luther zurück zu den Quellen. Doch der Kalif in Istanbul lies den Reformer ebenso wie die britischen Kolonialherren aus dem Land werfen. Eine Chance blieb ungenutzt.

So verhärteten sich die Fronten, aber der Funken war in der Welt. Al-Afghanis Schüler gründeten 1928 die Muslimbruderschaft, seine Schriften inspirierten die Islamische Revolution im Iran. Heute gilt er als geistiger Vater des politischen Islam, der friedlichen Kämpfer für eine säkulare Demokratie – aber auch von Osama bin Laden und seinen terroristischen Nachahmern, betont der indische Autor Pankaj Mishra, Träger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung.

»Wer von der muslimischen Religionsgemeinschaft eine Reformation protestantischen Maßstabes einfordert, der darf sich über den innerislamischen Religionskrieg nicht wundern und auch nicht beschweren«, schreibt Muhammad Sameer Murtaza, Islamwissenschaftler bei der Stiftung Weltethos. »Man kommt nicht umhin, eine Parallele zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und den derzeitigen Schlachtfeldern im Irak und Syrien zu ziehen.«

Al-Afghani scheiterte mit seiner menschenfreundlichen Reformation, weil er anders als Luther keine politisch Mächtigen für sie gewinnen konnte. Das aber ändert sich gerade. Angesichts des IS-Terrors fordert der ägyptische Präsident al-Sisi – ähnlich wie der jordanische König – eine »religiöse Revolution« und »Aufklärung« im Islam. Beide sind alles andere als lupenreine Demokraten. Das aber waren Luthers Fürsten auch nicht.

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109 Lesermeinungen zu Ein Luther für den Islam?
Britta schreibt:
12. Februar 2015, 8:27

Sehr hübsch, Herr Fleckenstein. Sicher freuen sich Muslime über Ihre Aktion, besonders, wenn die Menschen (von der Stadtreinigung) dann mit ihren Schuhen auf den Gebetsteppichen rumlatschten - sowas kann glatt nach hinten losgehen. Ich freue mich schon auf eines Ihrer nächsten Projekte, dem Aufstellen von 175 Kreuze vor der Istanbuler Süleymaniye-Moschee, um ein Zeichen für Toleranz und Weltoffenheit und gegen die Unterdrückung der Christen in der Türkei und in der muslimischen Welt zu setzen. Auch dort würde ich auf die Genehmigung der Platznutzung verzichten, womöglich bekämen Sie diese nicht! Solche Künstler wie Sie brauchen wir!

Gehässi schreibt:
12. Februar 2015, 11:31

na, hier fühle ich mich doch so richtig wohl!

Aufrechter schreibt:
12. Februar 2015, 16:08

Die künstlerische Freiheit des Herrn Fleckenstein, Verehrteste, ist die gleiche wie die der Zeichner von Charlie Hebdo mit ihren Mohammed-Karikaturen, ist die gleiche wie die des Herrn Bachmann und seiner Entourage zum Schaulaufen in Dresden mit unsäglichen Sprüchen und ist die gleiche, die Sie für sich und Ihre Meinungsäußerungen immer einklagen und einfordern.
Ich fand´s witzig! Und hat sowohl meinen Lieblings-Karnevalverein, als auch die unbeholfene Stadtverwaltung Dresden wieder mal richtig schön vorgeführt.
Ja, solche Künstler braucht das Land, und zwar dringend, auch wenn´s manchem Spaziergänger nicht gefällt, jawoll!

Aufrechter schreibt:
12. Februar 2015, 16:27

Und weil´s in die gleiche Kategorie fällt, Verehrteste, und weil es die Chemnitzer Schaulauf-Truppe nebst ihrem Sprachrohr "Blaue Narzisse" so schön blamiert: Haben Sie davon schon gelesen http://www.spiegel.de/kultur/literatur/michel-houellebecq-jugendkulturpr... ?
Sowas passiert halt, wenn man sich schwer mit Ironie und leicht mit sehr schlichten Erkenntnissen tut. Macht mir ebenfalls viel Spaß, jawoll!

Britta schreibt:
12. Februar 2015, 20:06

Verehrtester, was ist denn nun das Künstlerische an sowas, was man in der lieben Umarmung der politischen Korrektheit macht (ist das Kunst oder kann das weg?) Wenn einem so viel an Toleranz und Menschenrechten liegt, sollte man das dort dokumentieren, wo es nicht Staatsdoktrin ist. Das würde Respekt abnötigen. Dieses hier ist einfach nur absurd, haben Sie schonmal einen Muslim gesehen, der mit Schuhen auf den Gebetsteppich tritt?

Waren Sie es nicht, Verehrtester, der das Sponsern von ...gida-Gegendemos in den Bereich mythenmetzscher Mythen verbannen wollte? https://mopo24.de/Home#!nachrichten/so-viel-zahlte-sachsen-fuer-anti-peg... Da brauche ich nichtmal eine blaue Narzisse dazu - mich interessiert ein Houellebecq-Preis herzlich wenig.

Übrigens bilden sich mittlerweile ...gida-Anleger im roten Brandenburg, möglicherweise ist die Sache doch Gründonnerstag nicht vergessen... Trotz dauernder Verbote von Veranstaltungen und Rundgängen unter fadenscheinigsten Gründen. (Ein Hoch auf die Demokratie!)

Im Übrigen habe ich die Charly Hebdo-Karikaturen nie gelobt oder für besonders geistreich gehalten! Früher wußte man mal, was sich gehört und hat sich aus eigenem Anstand daran gehalten. Dennoch kein Grund, die Leute dort abzuschlachten!

Auf Ihren Spaß und mein augenscheinliches Gewinnen unserer Wette ein herzliches Prosit unter einem Slevogt - das ist wenigstens noch Kunst...
Britta

Aufrechter schreibt:
13. Februar 2015, 8:27

Ach, Verehrteste, wie immer: haarscharf am gerade disputierten Thema vorbei!
Sei´s drum. Sie wissen immer so ganz genau, wo Grenzen der Kunst sind, ja? Was Kunst darf oder nicht darf? Wo Sie sinnvoll ist und wo nicht? Was absurd ist und was nicht? Sie nehmen für sich das Recht der Provokation in Anspruch, aber die von Herrn Fleckenstein beurteilen Sie mit dem Atrribut "absurd"? O.K., wenn Sie so kompetent auf diesem Gebiet sind ... da werde ich man ganz ruhig sein.
Glauben Sie mir, auch ich mag Slevogt und Corinth und Liebermann, aber es gibt halt auch noch anderes. Bildende Kunst hört nicht auf mit dem Jahre 1933.

Nein, ich habe nix vergessen. Und: Bei der Betrachtung der derzeitigen Gegebenheiten und Entwicklungen fühle ich mich keinesfalls auf der Verliererstrecke. Aber wir haben nun ab dem kommenden Mittwoch alle beide die Gelegenheit zu büßen, zu fasten und mit Asche auf dem Haupt demütig abzuwarten, welchen Weg die plebs einzuschlagen gedenkt, jawoll!

Britta schreibt:
13. Februar 2015, 9:48

Verehrtester, ich empfehle "Picasso war kein Scharlatan" von Ephraim Kishon. Da ist alles gesagt...

Beobachtender M... schreibt:
13. Februar 2015, 9:10

Es wäre sicher ratsam, dort nicht um eine Genehmigung zu bitte! Eventuell würde man das nicht überleben!

Paul schreibt:
12. Februar 2015, 18:28

Verehrter Aufrechter,
warum nur muss ich die ganze Zeit an Abdelkarims Onkel denken? "Wir brauchen keinen Luther. Wir sind auch so antisemtisch."
Herzlich
Ihr Paul

Gert Flessing schreibt:
12. Februar 2015, 20:10

Liebe Britta, lieber Paul, denken Sie wenigstens hin und wieder noch an andere Dinge, als an den Politkarnevall dieser Tage?
Gert Flessing

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