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Gespräch ohne Prozess

Den Streit über gleichgeschlechtliche Paare in Pfarrhäusern sollte ein dreijähriger Gesprächsprozess befrieden. Jetzt ist die Zeit vorbei – aber nicht der Konflikt.
Andreas Roth
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© Quelle: Scott de Jonge; Freepick, Anton Saputro

Es war eine Sternstunde der sächsischen Synode, keine Frage. Die Fronten waren verhärtet, und plötzlich schienen sie weich zu werden. Konservative Christen erzählten auf der Frühjahrstagung der Landessynode vor genau drei Jahren, warum sie mit Homosexuellen Bergsteigen gehen – und sich dennoch an das biblische Verbot gleichgeschlechtlicher Liebe gebunden fühlen. Und Liberale bekundeten, wie sehr ihr Herz an der Bibel hängt – und gerade deshalb offen ist für Beziehungen zwischen Männern oder Frauen.

Man einigte sich nicht damals. Einzig auf die Hoffnung, dass nur ein solches Gespräch die Lösung sein kann: in der gesamten Landeskirche, drei Jahre lang. Ein Gesprächsprozess. Manche Beobachter der Frühjahrstagung von 2012 waren schon damals skeptisch: Wie sollte das zarte Pflänzchen des gegenseitigen Verstehens in der raueren Wirklichkeit außerhalb der Dresdner Dreikönigskirche überleben?

Es fand keinen guten Boden in Sachsens Landeskirche. Er war schon hart geworden durch die Fakten, die geschaffen worden waren: Den Beschluss der Kirchenleitung, in Ausnahmefällen homosexuelle Partnerschaften in Pfarrhäusern zuzulassen einerseits – und die von 144 Kirchenvorständen unterzeichnete Markersbacher Erklärung gegen diesen Beschluss andererseits. Wie aus Pandoras Büchse purzelten plötzlich allerlei Probleme, die lange im Fundament der Landeskirche geschwelt hatten und von denen die Haltung zur Homosexualität nur eines unter vielen war. Es ging um Konflikte zwischen verschiedenen Arten, die Bibel zu lesen, zwischen Kirchenbasis und Kirchenleitung, Herzensglauben und akademischer Theologie, Widerstand und Anpassung an gesellschaftliche Entwicklungen, zwischen dem Wunsch nach Einfachheit und der Komplexität der modernen Welt. Zum Beispiel. Und all das aufgeladen mit der Wucht letzter, religiöser Fragen.

Diesem Sturm konnte das Pflänzchen des Verstehens und Gespräches nicht standhalten. Bei den ersten großen Podien des Sonntag fegte er besonders heftig. Da wurde seitens der Kritiker Verzweiflung und Zorn abgeladen, bis an die Grenze verbaler Gewalt. Die Vertreter der Kirchenleitung wiederum konnten mit universitär ziselierter Theologie kaum die Herzen der Andersdenkenden erreichen.

Der Gesprächsprozess schien wie in Beton gegossen. Nur in kleineren Runden – etwa bei einem Kirchvorstehertag in Chemnitz – bekam er Risse. Weil da keine Thesen mehr zählten, sondern konkrete Geschichten: etwa vom Sohn der bibeltreuen Kirchvorsteherin, der einen Mann liebt – und der neben ihr das Abendmahl empfängt.

Meist aber blieben beide Seiten unter sich. Die Kritiker der Öffnung für homosexuelle Paare gründeten die Sächsische Bekenntnisinitiative und stärkten einander – die Befürworter hatten den Kirchenleitungsbeschluss auf ihrer Seite und die Zusicherung, dass an ihm nicht gerüttelt werde. Zwischen diesen Fronten fand sich mancher Pfarrer und mancher Kirchvorsteher wieder, oft zerrieben. Zerrieben wurde auch viel Vertrauen.

Je länger der Gesprächsprozess währte, desto mehr versandete das Gespräch. Bei den einen, weil sie andere Themen viel wichtiger fanden – bei den anderen aus Müdigkeit angesichts eines ausbleibenden Ergebnisses. Doch in der Sache geändert hat sich in den letzten drei Jahren kaum etwas: Konservative Christen fordern noch immer die Aufhebung des Kirchenleitungsbeschlusses und heben nun auch weitere Streitpunkte wie die Dominanz der historisch-kritischen Auslegung in der Theologie auf die Tagesordnung – und noch immer lebt kein homosexuelles Paar dauerhaft in einem sächsischen Pfarrhaus. Ein schwebender Zustand.

Sicher ist nur, dass auch Zustände nicht auf Dauer schweben können.

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    43 Lesermeinungen zu Gespräch ohne Prozess
    Beobachter schreibt:
    15. April 2015, 17:08

    Lieber Herr Roth,
    vielen Dank für den objektiven und ausgewogenen Beitrag!

    A.Rau schreibt:
    15. April 2015, 22:42

    "Es war eine Sternstunde der sächsischen Synode, keine Frage." In der Tat, sie + der nachfolgende Schweigeprozess zeigen, unter welchem Stern diese unserer Kirche dahinvegetiert. Seine Bezeichnung lautet Off 3,1: "Ich kenne deine Werke: Du hast den Namen, daß du lebst, und bist tot."

    A.Rau

    Bastl schreibt:
    15. April 2015, 23:31

    Lieber Andreas,
    und wie soll es jetzt weiter gehen?
    Schweben? Schweigen? Reden? Debattieren bis zum Erbrechen? Aushalten? Rumeiern? Jahrzehnte lang erklären, warum man es so sieht, wie man es sieht? Kräfte verheizen? Rummeckern?
    Oder:
    Klare Kante. Aufbau eigenständiger bibeltreuer Gemeinden. Vorangehen. Neuer Wein in neue Schläuche.

    Und wenn sie nicht gestorben sind...

    Gute Nacht, Bastl

    Beobachter schreibt:
    16. April 2015, 8:08

    Lieber Bastl,
    Du weißt, daß ich bei Gründung neuer Gemeinden oft ein schlechtes Gefühl habe, da man da ganz schnell vom Regen in die Traufe (selbstgefällige Sekten freischaffender "Künstler") kommen kann.
    Ich finde es toll, wie es das Evangelisationsteam und dei Bekenntnisinitiative( bin gespannt auf deren Entscheidung nach der Synod!) machen, treue gute missionarische Arbeit, die überreichlich gesegnet ist!
    Klare Kante allerdings nicht ausgeschlossen!

    Gert Flessing schreibt:
    16. April 2015, 6:56

    Ja, wer hätte das gedacht. Da hat ein Beschluss der Kirchenleitung die "Büchse der Pandora" geöffnet. Das ist ein Gefäß aus der griechischen Mythologie und es enthielt viele unangenehme Dinge.
    Nun weiß ich nicht, ob die Frage des Schriftverständnisses oder der Beziehung zwischen Kirchenleitung und Gemeinde oder die Kontroverse Hohe Theologie . Herzensfrömmigkeit, unangenehme Dinge sind. Es wäre schade, wenn das so gesehen würde. Für mich sind es Themen,die besprochen werden müssen. Ich finde es nicht, das es hier um die berühmte Büchse ging. Viel eher waren diese Themen latent da, aber in einem starren System des Nichts Hinterfragens, einbetoniert. Nun, die "Homofalle" war da, wie ein Sprengsatz, der den Beton zumindest rissig gemacht hat und manches hindurchschimmern ließ.
    Leider war in diesem Sprengsatz auch der Grund zu finden, der den Gesprächsprozess behinderte. Das liegt nicht zuletzt daran, das in den meisten Gemeinden Homosexualität kein Thema ist. Wer denn glaubt, dass Schwule wirklich so akzeptiert sind, dass man unbefangen darüber redet, der irrt, wie ich denke.
    Wenn an sie gedacht wird, wird das meist mit den schrillen Bildern getan, die uns die Medien von bestimmten Events liefern, wo sich halbnackte Körper mit merkwürdigen Fummeln zu schräger Musik in der Öffentlichkeit präsentieren.
    Da ist die Ablehnung des Themas doch vorprogrammiert.
    Zumindest auf dem Lande ist es meistens so, dass man, wenn man etwas ablehnt, schweigt. Verbissen schweigt, tot schweigt.
    Die anderen Frage, die da sind, wie Schriftverständnis, "moderne" Theologie, Tod und Auferstehung, Gesetz und Gnade, berühren schon. Aber sei werden oft nicht so recht wahrgenommen, als Fragen der Kirche. "Denen geht es doch nur um Schwule."
    tja, so läuft das dann.
    Gert Flessing

    Beobachter schreibt:
    16. April 2015, 8:17

    Lieber Gert,
    es ist doch gut, daß die "latenten Themen" aus dem Beton herausgebrochen wurden!
    Du magst Recht haben, " das in den meisten Gemeinden Homosexualität kein Thema ist", im Moment!
    Das ändert sich ganz schnell, wenn das Problem näher kommt (H. im Pfarrhaus)!
    Selbst hier sagen mir viele treue Gemeindeglieder jetzt schon, daß das für sie der Grund für den KIrchenaustritt wäre! Sie wollen nicht, daß sowas Unbiblisches mit ihrem Geld finanziert würde und sie könnten sich unter deren Kanzel setzen und ihm ihre Kinder anvertrauen oder irgend wie zusammenarbeiten!

    Gert Flessing schreibt:
    16. April 2015, 10:26

    Lieber Joachim, ja, so ist das. So lange man nicht direkt damit konfrontiert wird, ist manches ziemlich weit weg. Aber ich frage mich doch manchmal, was von "treuen Gemeindegliedern" zu halten ist, die einen anderen Menschen nach seiner Sexualität beurteilen. DAS ist ein Grund, für den Kirchenaustritt?
    An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Die Früchte des Glaubenslebens machen sich, für mich, nicht daran fest, mit wem jemand sein Leben teilt, so lange er Christus die Mitte sein lässt.
    Ich selbst bin durchaus der Meinung, das Homosexualität eine Normabweichung ist. Aber das gibt mir nicht das Recht, über diese Menschen zu urteilen. Warum Gott ihnen diese (in meinen Augen) Last auferlegt hat, weiß ich nicht. Ich gestehe, dass ich an der Stelle recht hilflos bin.
    Dennoch gestehe ich ihnen ein Lebensrecht zu und auch, dass sie nicht weniger von Gott geliebt werden, als andere Menschen. Sie haben es sich ja nicht ausgesucht, so zu sein.
    Ich kenne die Bibelstellen nur zu gut, die sich damit befassen und sie machen mir Kummer. Auch, weil ich Gott an der Stelle nicht verstehen kann. Wenn ich sie so, wie sie da sind, lese, widersprechen sie dem "Syn Loggou" Sein Gottes. Es wäre unlogisch, dass Gott etwas schafft, was er im gleichen Atemzug als "Greul" verwirft.
    Zu meiner Zeit wurde Menschen, die als schwul bekannt waren, schon während des Studiums deutlich gemacht, dass sie nicht ins Amt können.
    Manchmal frage ich mich, wie ich reagieren könnte, wenn sich eines meiner Kinder outen würde. Aber ich weiß, dass ich es nicht weniger lieben würde. Vielleicht würde ich versuchen, ihm zu erklären, dass es, mit dieser Veranlagung auch eine große Verantwortung für sein Leben und das, eventueller Partner, hat.
    Aber auch das gibt es, diese Partnerschaft, die ein Leben lang hält. Ich habe den Lebenspartner eines homosexuellen Mannes aus unserer Gemeinde vor einigen Jahren beerdigt. Sie waren dreißig Jahre zusammen gewesen.
    Auch da gibt es gelebte Liebe und gelebte Verantwortung.
    Und - Gott hatte für den, der begraben wurde, ein gutes Wort. Ich weiß es noch, weil es so ein Ausnahmefall war: "Wer will euch scheiden von der Liebe Christi."
    Auch das war etwas, was mit in dem Zusammenhang jetzt durchaus zu denken gegeben hat.
    Ist Gott nicht der, der auch auf den krummen Linien menschlichen Lebens noch gerade schreibt?
    Am Ende kann man hart und barsch gegen alles mögliche sein. Ob man damit wirklich für Gott streitet oder nur die eigenen Vorurteile bedient, ist mir oft fraglich.
    Die "klare Kante" kann in ihrer Lieblosigkeit auch mehr kaputt machen, als uns gut tut und Gott erwartet.
    Gert Flessing

    Beobachter schreibt:
    16. April 2015, 12:39

    Lieber Gert,
    Du erwartest sicher, daß ich das nicht unbedingt (alles) so stehen lassen kannst, wie Du es darstellst? Ich versuche mal ein wenig zu sortieren (Du hast Dir ja viel Arbeit gemacht)!
    1. Ich habe nicht(allgemein) von "treuen Gemeindegliedern" geschrieben, die einen anderen Menschen (allgemein) nach seiner Sexualität beurteilen! Es ging um H. im Pfarramt und als Hirte und Lehrer SEINER Gemeinde!
    2. Sie und ich gestehen ihnen ein Lebensrecht zu und auch, dass sie nicht weniger von Gott geliebt werden, als andere Menschen!
    3. "Sie haben es sich ja nicht ausgesucht, so zu sein." Richtig! Sie sind durch äußere Einflüsse dazu geworden!
    4. Ich und viele andere Christen/"treue Gemeindegliede" rkennen die Bibelstellen nur zu gut, die sich damit befassen und sie machen ihnen keinen Kummer. Auch, weil wir Gott an der Stelle sehr gut verstehen können. Wenn wir sie so, wie sie da sind, lesen, widersprechen sie eben nicht dem "Syn Loggou" Sein Gottes sondern entsprechen seiner guten Schöpfungsordnung. Eben, deshalb wä res unlogisch, dass Gott etwas schafft, was er im gleichen Atemzug als "Greul" verwirft.
    Deshalb nochmal, sie werden nicht so geboren, sie werden durch äußere(und innere?) Einflüsse und Prägungen dazu ("umgepolt")!
    Liebe Grüße Joachim

    Gert Flessing schreibt:
    17. April 2015, 6:47

    Lieber Joachim, wir unterscheiden uns hier im Grundansatz. Ich gehe davon aus, das Homosexualität in der Regel angeboren ist.
    In der Hinsicht vertraue ich den seriösen Medizinern, die sich damit befasst haben. Die wenigsten davon sehen sich als Lobbyisten.
    Zum anderen halte ich es wirklich für ein marginales Thema. Wie wir hier denken, ist nicht heilsentscheidend, so lange wir mit unserer Meinung nicht andere Menschen beschädigen.
    Was Homos im Pfarramt betrifft, so ist es eine Frage der Gemeinde, ob sie es akzeptieren kann oder nicht. Mir ist schon zu Beginn meiner Gemeindearbeit, in der Uckermark eine Pfarrerin begegnet, die lesbisch war. Später erfuhr ich auch, das ihre Partnerin im Konsistorium war. Die Arbeit war davon nicht beeinträchtigt.
    Bisher hat mir noch niemand deutlich machen können, was für ein Problem Gott an der Stelle hat.
    Es ist halt so. Basta?
    Nun, wenn es denn so ist, wird er auch damit fertig werden. Ich muss ihn nicht unterstützen, indem ich schwule Menschen verteufle, ihnen die Fähigkeit zum Gottvertrauen abspreche oder, wie es in einigen Ländern, vor allem des schwarzen Erdteils passiert, zur Steinigung frei gebe.
    Mag sein, ich bin eher ein Pragmatiker und du ein Hardliner.
    Ich kann mit meiner Sicht der Dinge sehr gut und ruhig und in Gott geborgen leben. Er wird schon wissen, wie er mit diesen kleinen Problemen fertig wird.
    Gert Flessing

    Beobachter schreibt:
    17. April 2015, 8:51

    Lieber Gert,
    da hast Du Recht, da unterscheiden wir uns im Grundansatz! Ich (und ich denke auch Gottes Wort!) gehe davon aus, daß H. nicht angeoren ist! Übrigens sind sich da die "seriösen" Mediziener bei Wetem nicht einig!
    Ja,was Homos im Pfarramt betrifft, so ist es eine Frage der Gemeinde, ob sie es akzeptieren kann oder nicht. Wenn diese sich nach SEINEM WORT ausrichtet kann sie es eben nicht!
    Die von Dir geschilderten Fälle gab es schon immer, ich kenne auch solche Fälle, sogar im damaligen Jungmännerwerk. Sie wurden aber nich befürwortet und durch (KIrchen)ordnungen legalisiert!
    ER wird schon wissen, wie er mit diesen (kleinen) Problemen fertig wird. Ewig spotten läßt er sich aber ganz gewiß nicht!
    Grüße in den Tag,
    Joachim

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