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Vorfreude, schönste Freude

Von der Bedeutung des Wartens – und welche Chance der Advent in diesem Jahr birgt.
Von Ruth Weinhold-Heße
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Eltern kennen das Gefühl: Neun lange Monate warten sie auf die Ankunft ihres Kindes. Sie können es – so ungeduldig sie auch sein mögen – nicht beschleunigen. Das Warten auf die Geburt birgt Zweifel, aber auch große Vor-Freude. Eines ist gewiss: Das Leben wird sich ändern. Warten ist Teil der Schöpfung. Im Advent warten Chri­sten auf die Ankunft Jesu. Es erinnert an das Warten der Mutter Maria. Ebenso soll Gott in den Herzen ankommen können. Doch wie zeitgemäß ist das Warten heute noch?

Bereits im September bieten Supermärkte Lebkuchen an, geschmückte Tannenbäume stehen in Geschäften lange vor Heiligabend. Ganz zu schweigen davon, dass das Sparen aus der Mode gekommen ist: Acht Prozent der Deutschen leben dauerhaft im Dispo-Kredit. »Kaufe jetzt und zahle später«, ist die gängige Verlockung.

»Es ist irritierend, dass wir trotz moderner technischer Hilfsmittel und mehr verfügbarer Freizeit uns heute permanent unter Zeitdruck befinden«, sagt Christian Kurzke, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Meißen. »Wenn wir an der Supermarktkasse warten müssen, reagieren wir gereizt, weil uns das private Zeit klaut.« Das sei eine Form von Egozentrismus.

Der Advent wird zum Event und ist vollgestopft mit Terminen. Frank M. Lütze, Professor für Religionspädagogik an der Universität Leipzig, hält dagegen: »Gerade das Warten – die Besinnung, die Selbstzurücknahme, die Konzentration – steigert das weihnächtliche Erleben«, erklärt er.

Zeit des Innehaltens, des steten intensiven Reflektierens des eigenen Tuns, findet auch Kurzke wichtig: »Es sollte eine tägliche Praxis werden und nicht nur dienstags im Yogakurs stattfinden.«

Lange wurde im Advent gefastet. Er galt als Buß- und Vorbereitungszeit auf das Weihnachtsfest. In der Alten Kirche waren es ähnlich der Passionszeit sogar 40 Tage. Wer sechs Wochen Verzicht übt, kann die Feier danach mehr genießen. Das Wartenkönnen und die Vorfreude – Psychologen nennen sie Belohnungsaufschub – sind wichtige Fähigkeiten. Das zeigte das bekannte Marshmallow-Experiment des Wissenschaftlers Walter Mischel bereits in den 1960er Jahren. Seitdem wurde es immer wieder mit Vierjährigen wiederholt: Die Versuchsleiter stellten den Kindern eine Süßigkeit vor die Nase. Sie erklärten ihnen, dass sie eine zweite Portion holen und wenn das Kind warte, könne es beide essen. Wer das süße Stück aber sofort verspeiste, bekam kein weiteres.

Walter Mischel fand heraus, dass die Kinder, die ihre Wünsche sofort befriedigten, auch später eine schlechtere Selbstkontrolle besaßen und Schwierigkeiten hatten, mit Stress umzugehen. Die Kinder, die durch teils kreative Lösungen der Versuchung widerstanden – manche schlossen die Augen oder fingen an zu singen – seien im späteren Leben erfolgreicher. Das in diesem Jahr auf Deutsch erschienene Buch von Mischel »Der Marshmallow-Test« legt nahe, dass wir Strategien der Selbstkontrolle lernen könnten. Der Advent ist ein gutes Übungsfeld dafür.

Neben Adventskalendern, die Kindern helfen, das lange Warten auszuhalten, sei es wichtig sich klarzumachen, dass Erwachsene Vorbilder seien, so Lütze. »Anstatt dass wir uns abhetzen, sollten auch wir uns von Kindern und Jugendlichen überraschen lassen«, so der Religionspädagoge. Denn Warten bedeute eine Grundhaltung im Leben, die wir vor Weihnachten wieder bewusst einnehmen könnten: »Das wertvolle Warten vetraut darauf, dass uns Gutes geschieht, auch wenn wir nicht wissen, was genau kommt.«

In diesem Jahr bestehe, so Lütze, die Chance, dieses Gottvertrauen in Bezug auf die ankommenden Flüchtlinge anzunehmen, auch wenn die Zukunft unplanbar bleibt. Sicher wird sie anders als wir sie uns vorstellen. Vielleicht werden wir dabei aber überrascht.

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12 Lesermeinungen zu Vorfreude, schönste Freude
Beobachter schreibt:
09. Dezember 2015, 16:04

Davon ist stark auszugehen, daß so mancher noch ganz gewaltig" überrascht" wird!

Robert schreibt:
10. Dezember 2015, 7:49

+++ Wurde gelöscht. Thema des Kommentars ist nicht Inhalt des Artikels. +++

Beobachter schreibt:
10. Dezember 2015, 13:55

Warum. Wenn Sie schon alles mit dem Thema "Flüchtlinge" in Verbindung bringen, müsen Sie damit rechnen, daß darauf reagiert wird. Das beinhaltet dann auch Warnungen vor dem Islam und dessen (für Weihnachten ankekündigten!) "Überraschungen"!

Nörgler schreibt:
10. Dezember 2015, 13:49

Lieber SONNTAG,

meinen Sie wirklich, es sei eine Lösung, den Kopf in den Sand zu stecken?

DER SONNTAG schreibt:
10. Dezember 2015, 14:02

Sehr geehrter »Nörgler«,

bitte entschuldigen Sie, die Löschung Ihres letzten Kommentars war nicht beabsichtigt. Er war mit einem anderen Kommentar verknüpft, der gelöscht wurde. Leider kann der Vorgang nicht rückgängig gemacht werden.
Wieso meinen Sie, dass der SONNTAG den Kopf in den Sand steckt? Schreiben Sie uns doch hierzu bitte ein E-Mail an redaktion(at)sonntag-sachsen.de. Wir sind für Kritik offen und können gemeinsam sicherlich eine Lösung finden.

Viele Grüße
die Redaktion

Nörgler schreibt:
11. Dezember 2015, 18:43

Lieber Sonntag,

der Kopf im Sand bezog sich auf meinen letzten, den gelöschten Kommentar. Wenn das Löschen ein Versehen war, dann betrachten Sie den Sand bitte als weggefegt.

L. Schuster schreibt:
11. Dezember 2015, 21:18

"In diesem Jahr bestehe, so Lütze, die Chance, dieses Gottvertrauen in Bezug auf die ankommenden Flüchtlinge anzunehmen, auch wenn die Zukunft unplanbar bleibt." Mann sollte hier erstens, etwas ehrlicher sein, denn dieser Spruch drückt auch nur Ratlosigkeit aus, einer komplizierten Situation die wir so nur in Deutschland gegenüber stehen und ohne das ein Ende in Sichtweite ist, der "24.12" fehlt einfach.
Wer bisher geglaubt hat, dass die Flüchtlingskrise kompliziert ist, der kann derzeit beobachten, dass es jeden Tag noch komplizierter geht und dieses mit diesen Spruch abzutun, ist zweitens oft nur der Ausdruck unserer großen Bequemlichkeit.
Dabei ist es doch unser Auftrag uns Gedanken zu machen!
Auch wenn unseren Ratlosen uns in so einer Situation manövriert haben, dass wir nur sehr schwer oder nicht mehr rauskommen und z. B. wen wir den Erfolg des Front National in Frankreich in Deutschland noch spüren werden.

Leserin schreibt:
11. Dezember 2015, 23:05

Der 24.12. fehlt? Wie wärs mit Frieden in Syrien (und der Ukraine), aus Europa kehren viele gut ausgebildete liberale laizistische, Muslime zurück, die viele christliche und jüdische Freunde gefunden haben. Auch weibliche Imame sind darunter, um die jungen Demokratien in Nahost zu bereichern. Völlig ohne Angst fliegen wir mal auf Besuch zu unseren neuen Freunden. Manche bleiben auch, es gibt viele Mischehen, die Moscheenlandschaft in D hat sich ausdifferenziert. Noch nicht am 24.12., jedenfalls nicht an diesem. Halten wir so lange Fasten noch durch?

Johannes schreibt:
11. Dezember 2015, 23:51

Mir gefällt das gut, weil von einigen Schreibern hier die Hoffnung, dass in Europa gemachte Erfahrungen mit Freiheit und Demokratie Rückwirkung auf Herkunftsländer haben können, als Dummheit oder gezielte Verdummung beschrieben werden. Ich bin dankbar für die Aussicht, dass Zurückkehrende die jungen Demokratien in Nahost bereichern können.
Danke, liebe Leserin

Beobachter schreibt:
12. Dezember 2015, 8:32

Schönes Weiterträumen (bis es kracht!)!

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