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Kirchentanker mit Beibooten

Pfingsten feiert das Wachstum der Gemeinden – doch die Landeskirche schrumpft. Kann sie von expandierenden Freikirchen etwas lernen?
Andreas Roth
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Ein Supermarkt für die Frohe Botschaft: Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Schneeberg hat die Filiale eines Handelskonzerns in der Erzgebirgsstadt gekauft, weil ihr bisheriges Haus die Menschen nicht mehr fasst. Über 200 Mitglieder zählt sie heute – vor vier Jahren waren es 156. Ein steiles Wachstum.

»Junge Menschen und die Gaben des Heiligen Geistes sind in den Mittelpunkt unserer Gemeinde gerückt«, erklärt der Schneeberger Baptisten-Pastor Michael Kuhn. Gottesdienste mit Bands und Theaterelementen, eine große Jugendarbeit, Heilungen, spektakuläre Taufen im Schneeberger Filzteich. »Auf einmal passiert etwas, Menschen werden berührt. Und das zieht wie ein Magnet«, sagt Michael Kuhn. »Da wird das Göttliche greifbar.«

Ein Drittel der neuen Gemeindemitglieder seien zuvor Atheisten gewesen, schätzt der Pastor. Ein weiteres Drittel komme aus der Landeskirche. Das sorgt durchaus für Spannungen unter den Konfessionen vor Ort. »Das Gemeindewachstum ist auch mit Schmerzen verbunden auf beiden Seiten«, sagt Michael Kuhn. Nicht zuletzt, weil manch traditioneller Freikirchler angesichts dieser Neuorientierung die Gemeinde verlässt – in Richtung Landeskirche.

Die 53 sächsischen Gemeinden des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, zu dem die Schneeberger gehören, haben die Zahl ihrer über 4470 Mitglieder in den vergangenen Jahren nahezu stabil gehalten. Angesichts des Bevölkerungsrückgangs ist das ein Wachstum. Die Gründe dafür hat Professor Ralf Dziewas von der freikirchlichen Theologischen Hochschule Elstal untersucht.

»Christliche Gemeinden können durchaus wachsen, wenn es ihnen gelingt, ihr Gemeindeleben an den Bedürfnissen junger Menschen auszurichten«, lautet sein Fazit. »Schließlich ist selbst die Generation, die heute in den Ruhestand kommt, bereits mit der Musik der Rolling Stones aufgewachsen und singt und hört lieber Popsongs als Choräle.«

Die Landeskirche könne durchaus manches von wachsenden Freikirchen lernen, meint Manja Erler, Referentin für Gemeindeaufbau im sächsischen Landeskirchenamt. »Freikirchen können sich stärker auf bestimmte Zielgruppen fokussieren – da sind wir wie ein großer Dampfer nicht flexibel genug. Wir brauchen ein paar Beiboote, um in jede Bucht von anderen Milieus zu kommen.« Mit der Zwickauer Lutherkirchgemeinde und der »Bunten Kirche« in der Dresdner Neustadt gibt es Experimente. Doch sie sind winzige Ausnahmen in der über 700 000 Mitglieder großen Landeskirche.

Natürlich: Auch sie gewinnt neue Mitglieder – nur eben deutlich weniger als sterben oder austreten. Die Begeisterung vieler Engagierter in Freikirchen und eine Atmosphäre der Einladung dort hält Manja Erler für beispielhaft.

Im Dresdner Plattenbauviertel Gorbitz hat sich die pfingstkirchliche Oase-Gemeinde vor zwölf Jahren in einem ehemaligen Jugendclub gegründet. Sie eröffneten eine Kleiderkammer für Arme und schufen Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche. Jetzt kommen jeden Sonntag über 60 Besucher zum Gottesdienst. Die Mitgliederzahlen der Pfingstgemeinden in Sachsen wachsen auf über 1916.

»Wir haben uns bewusst entschieden, unsere Gottesdienste nicht für uns selbst angenehm zu machen mit unseren Traditionen«, sagt Pastor Rainer Klotz. »Sondern wir fragten uns: Wie machen wir ihn für Außenstehende attraktiv?« Auch hier lautet das Rezept: zeitgemäße Musik und verständliche Alltagssprache. »Wir können auch nicht 9.30 Uhr anfangen, denn da schlafen die Leute noch«, sagt der Pastor. Also beginnt der Gottesdienst halb elf. Und danach gibt es ein gemeinsames Mittagessen.

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3 Lesermeinungen zu Kirchentanker mit Beibooten
Leserin schreibt:
13. Mai 2016, 11:40

Würde nicht ein Zu-sehr-Andienen andererseits Menschen abschrecken? Auch ich bin mit Beatles und Stones aufgewachsen und höre trotzdem lieber Choräle als Christrock. Und wenn der Gottesdienst erst nachmittags endet, dann muss der Sonntagsausflug ausfallen. Statt dessen Gruppenzwang auch beim Mittagessen. Dabei haben wir noch gar nicht über Inhalte gesprochen, m.E. der entscheidende Unterschied in der Bedeutung von Gesetzestreue vs. Rechtfertigungslehre.

tommy schreibt:
13. Mai 2016, 21:40

Liebe Leserin, villeicht besuchen Sie mal einen Gottesdienst in einer "anderen" Gemeinde, wir sind auch ab und zu in einer Freien Gemeinde. Sicher gibt es dort auch was, was mir nicht so gefällt, doch in vielen traditionell evang. Gemeinden wird das Niveau am niedrigsten Besucher festgemacht, es ist alles Friede Freude Eierkuchen! Über anspruchsvolle Themen wird oft nicht gepredigt, um niemanden vor den Kopf zu stoßen. Leider, leider! In Freien Gemeinden werden auch heiße Eisen angepackt, neue Wege versucht. Der Erfolg gibt ihnen Recht, wenn sie nach außen gehen, Neues pflügen. Jeder kann sich ja die Gemeinde suchen, die ihm zusagt.
Tommy

Thomas aus Leipzig schreibt:
14. Mai 2016, 23:42

Ich habe die Amtskirche verlassen, als die Sünde auch im Pfarrhaus einziehen konnte.
Und es gibt für mich keinen Grund, der Amtskirche wieder beizutreten.
Herzlichst aus Leipzig
Thomas

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