Gerechter Erntedank

Fair handeln: Unser Wohlstand und die Fluchtgründe vieler Menschen sind zwei Seiten einer Medaille. Warum Dankbarkeit und Gerechtigkeit zusammengehören – und was Christen tun können.
Andreas Roth
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Saat für ein gutes Leben: Eine Inderin liest roten Reis aus für die Saatgutbank von Navdanya, die Kleinbauern nutzen. Unterstützt wird das Projekt von »Brot für die Welt«. © Thomas Lohnes/Brot für die Welt

Es gibt viel zu danken in einem reichen Land wie Sachsen. Das Erntedankfest ist eine gute Gelegenheit. Wohlstand aber hat auch einen Preis. Gezahlt wird er von Menschen in fernen Ländern. Immer mehr von ihnen wollen nach Europa kommen. Viel ist von der Bekämpfung der Fluchtursachen die Rede – aber was geschieht tatsächlich außer Abschottung?

»Es hängt in einer globalisierten Welt vieles so eng zusammen, dass unser Einkaufsverhalten auch als Kirche Auswirkungen hat auf ganz andere Regionen«, sagt Doris Kriegel von der Arbeitsstelle Eine Welt der sächsischen Landeskirche. »Wir haben eine Verantwortung, wir machen uns mitschuldig.« Mitschuldig an der Ausbeutung von Menschen für billige Produkte, an der Ausbeutung von Rohstoffen, an der Ausbeutung des Klimas.

»Es gibt Fluchtursachen, die mit unserem Einkaufsverhalten auch in Kirchgemeinden etwas zu tun haben« meint auch Andreas Dohrn, Pfarrer an der Leipziger St. Petri-Kirchgemeinde. Deshalb hat deren Kirchenvorstand zusammen mit der benachbarten Bethlehemgemeinde vor zwei Jahren einen Beschluss gefasst, der weit mehr sein soll als hin und wieder ausgeschenkter fair gehandelter Kaffee: Sämtliche Einkäufe der Gemeinden sollen sich an sozialen und ökologischen Kriterien orientieren. Ob Papier, Holz, Pfla-stersteine, Reinigungsmittel oder Kleidung – eine verbindliche Liste zeigt die Alternativen. Als bundesweit erste Kirchgemeinde bekam sie dafür das Siegel »Zukunft einkaufen«.

Nun gehen die beiden Kirchgemeinden noch einen Schritt weiter. Zusammen mit der evangelischen Studentengemeinde und der katholischen Propstei-Gemeinde werden sie am 23. Oktober bei einem ökumenischen Nachhaltigkeitsfest eine Internet-Einkaufsplattform aus der Taufe heben. Unter dem Namen »Einkaufsnetz Leipzig« soll sie Kirchgemeinden eine soziale und umweltbewusste Beschaffung ermöglichen. Es könnte ein Modell werden für andere Kirchenbezirke. »Wenn auch kirchliche Kindergärten und Schulen, diakonische Pflegeheime und Krankenhäuser mitmachen, kommen richtig interessante Größen zusammen«, hofft Pfarrer Andreas Dohrn. »Das hat viel Potential.«

Die Wirklichkeit ist freilich ernüchternder. Zwar schenkt das Landeskirchenamt nur noch fair gehandelten Kaffee und Tee aus und die Landessynode hat sich erst im Frühjahr einen ganzen Tag mit globaler Gerechtigkeit beschäftigt. »Aber es sind nur sehr wenige Kirchgemeinden, die tatsächlich konkrete Schritte gehen«, sagt Doris Kriegel, die in einer bis Mai 2017 befri-steten Projektstelle Gemeinden auf diesem Weg berät. »In der Landeskirche nehme ich nur wenig Unterstützung für das Thema wahr.« In der Diakonie sei das nicht anders. Einen in Dresden geplanten ökumenischen Praxistag zum sozial-ökologischen Einkaufen musste sie in der vergangenen Woche absagen – mangels Interessenten.

Ein Gegenargument hört Doris Kriegel immer wieder: Ein fairer Einkauf sei kein Kernthema für Kirchgemeinden – ganz anders etwa als Mission und Gemeindeaufbau. »Es ist für mich ein hoch theologisches Thema«, erwidert die Leipziger Theologin. »Ich kann nicht vom barmherzigen Samariter predigen und damit nur meinen direkten Nachbarn im Blick haben. Nicht in der heutigen Welt.«

Diese theologischen Fragen und die praktischen Fragen des Einkaufs sind für Pfarrer Andreas Dohrn letztlich dieselben. »Wenn man sich die Gerechtigkeitsbegriffe im Alten und im Neuen Testament anschaut, sieht man: Gottes Gerechtigkeit und die menschliche Gerechtigkeit sind miteinander verwoben. Dafür aber ist erstaunlich wenig Schwung bei diesem Thema in der Landeskirche. Was ist da los?«

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2 Lesermeinungen zu Gerechter Erntedank
Gert Flessing schreibt:
22. September 2016, 21:47

Was aber, wenn ich so in der "einen Welt" aufgehe und dabei meinen direkten Nachbarn aus dem Blick verliere?
Wir leben hier, in unseren Gemeinden, auch und gerade, mit dem Pflicht, das Mögliche zu tun. Dort zu helfen, wo es machbar ist.
Gewiss ist der faire Kaffee nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Wenn es um Holz oder Steine geht, bestimmt die Notwendigkeit und der Preis das Handeln.
Ansonsten nehmen viele Gemeinden die Not der Welt schon wahr.
Aber wir werden kaum in Afrika etwas bewirken.
Dafür aber sind, zumindest hier, im Umfeld, viele Gemeinden in der Rumänienhilfe tätig. Das ist zwar nicht ganz so exotisch, aber genau da, in diesem Land, liegt vieles im Argen und sind Not und Elend nicht weniger beheimatet, wie in manchen afrikanischen Gegenden.
Gert Flessing

Britta schreibt:
27. September 2016, 8:40

Als er den Verletzten beim Gastwirt abgeliefert hatte, besann sich der barmherzige Samariter eine Weile. Warum hatten die Räuber - viele gegen einen - diesen Menschen so zugerichtet? Da gab es die, de im Tempel lehrten, die seit geraumer Zeit verlauten ließen, daß er durch seinen Wohlstand andere arm mache. Und diese müssten sich dann, um zu überleben, von den Reichen holen, was sie zum Leben brauchten.
Sein Leben lang war er Disziplin gewohnt. Er stand immer weit vor Sonnenaufgang auf und ging seiner Arbeit nach, die er unter vielen Entbehrungen in frühester Jugend erlernt hatte. Sicher, schon damals gab es Gleichaltrige, die ihn dafür verlachten. Oftmals sahen ihn seine Kinder wenig, da er hart und lange arbeitete.
In einem Anflug von Zweifel beschloß er jedoch, nach den Räubern zu suchen. Vielleicht konnte er klären, was er nicht verstand: wieso sollten die Früchte seiner harten Arbeit diese arm machen? Vielleicht wußten sie nicht richtig, wie man es anstellt, mit Arbeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen? Er ging also den Weg zurück an die Stelle, wo er den Verletzten fand. Er wollte, daß die Räuber nicht mehr Räuber sein mußten, wenn er schon an deren Elend schuldig sein sollte. Am Wegesrand fand er niedergetretenes Gras und abgebrochene Zweige, und er folgte der Spur. Dann fand er sie nach einigem Suchen - oder sie fanden ihn. Johlend umringten sie ihn. Als er seine Frage stellen wollte, stellte er fest, daß viele ihn nicht verstanden. Schon machten sie sich an seinem Gepäck zu schaffen. Endlich war da einer, der wie der Hauptmann aussah. Dem rief er seine Frage zu: Warum tut ihr das? Warum arbeitet ihr nicht? Da fing der Hauptmann an zu lachen: weil es genau solche Dummköpfe wie dich gibt: sie arbeiten von früh bis spät, haben kaum Zeit für ihre Familie, haben weniger Kinder und lassen uns freiwillig gewähren. Sie haben noch ein schlechtes Gewissen, wenn ihnen eingeredet wird, daß es uns schlechtginge, weil sie es mit ihrer Arbeit zu einem gewissen Wohlstand gebracht haben.
Da wurde der Samariter zornig und traurig zugleich, denn Ihm war nun klar, daß es Menschen gab, die nicht auf ehrliche Weise ihren Lebensunterhalt verdienen wollten, sondern ihr Leben lang auf Kosten anderer lebten, auch wenn sie es sich mit Gewalt holten. Nur nutzte ihm diese Erkenntnis nichts mehr, denn das letzte, was er verspürte, war ein Schlag gegen den Kopf und ein Zerren an seinen Kleidern....
Einige Wochen später zog ein Mann entlang des Weges, sich ständig ängstlich umschauend. Denn er war vor kurzem hier überfallen worden und suchte nun nach seinem Retter. Aber er fand ihn nicht mehr.

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