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Durchkreuzter Advent

Erwartung: Menschen wollen einfache Klarheit, das zeigte zuletzt die US-Wahl – bloß keine Überraschungen. Doch Gott kommt ganz unerwartet in die Welt.
Andreas Roth
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Advent ist Warten. Und eigentlich glauben wir auch in diesem Jahr genau zu wissen, worauf: Menschlich auf Gemütlichkeit und Kerzenlicht, im Glauben auf festliche Gottesdienste und Gottes Nähe in den vertrauten kirchlichen Farben. Und auch politisch war das Erwartete bis vor Kurzem klar: Ein Donald Trump wird nie US-Präsident, Großbritannien wird nie die EU verlassen, dieses Phänomen, das Populismus genannt wird, wird wieder vergehen.

Menschen lieben es übersichtlich. Erwartbar. Sie brauchen klare Bilder von sich, von der Welt, auch von Gott. Sie brauchen eine klare Perspektive – in der sie selbst natürlich auf der richtigen Seite stehen. Alles andere wäre zu verwirrend. Kaum auszuhalten. Der beruhigendste Advent wäre eine Ankunft an einem Ort, der schon lange bekannt ist. Und der genau hier wäre.

Auch Zacharias war so ein Mensch. Ein hoher Beamter im Religionsapparat, wahrscheinlich ein gelehrter Theologe dazu. Nur leider kinderlos. Als ihm beim Gottesdienst am Altar des Jerusalemer Tempels der Engel des Herrn erschien und ihm die Geburt eines Sohnes ankündigte, der Großes tun sollte, da konnte es der Priester nicht glauben. Er war alt, seine Frau auch – so etwas kann nicht sein. Unvorstellbar. »Du wirst stumm werden und nicht reden können bis zu dem Tag, an dem dies geschehen wird«, antwortete ihm der Engel, »weil du meinen Worten nicht geglaubt hast«.

Gott selbst brachte den gelehrten Theologen, den hohen Religionsbeamten zum Schweigen. Für neun Monate. Es ist die erste Adventsgeschichte der Bibel. So kommt Gott in die Welt. So anders. So unklar.

Menschen aber wollen Klarheit. Sie brauchen sie. Wie sehr, zeigt dieses zu Ende gehende Jahr. Die kaum zu überblickenden Folgen der Globalisierung und Digitalisierung, die kaum zu entwirrenden Konflikte und Kriege weltweit, die kaum zu verstehenden Prozesse der Politik wie beim Handelsabkommen TTIP, die sich wandelnden Werte, das Gefühl, nicht gehört und hilflos zu sein – all das füttert Ängste und Wut. In den USA wie in Europa.

Unter evangelischen Christen scheinen diese Ängste zumindest in Amerika sogar besonders groß zu sein. 54 Prozent der weißen Protestanten und sogar 70 Prozent der weißen Evangelikalen meinten bei einer aktuellen Umfrage, dass sich die Kultur und Lebensart überwiegend zum Negativen verändere – Andersgläubige, Konfessionslose, Schwarze und Einwanderer sahen die Dinge deutlich positiver. Die US-Präsidentschaftswahl spiegelte das genau: 60 Prozent der Protestanten stimmten für Trump – unter Juden, anderen Religionen und Konfessionslosen wählte ihn weniger als ein Drittel. Auch unter deutschen AfD-Wählern sind evangelische Christen stark vertreten. Auf der Suche nach einem Ausweg aus den Ängsten. Nach einer neuen Klarheit.

Die Klarheit des Advents ist ganz anders. Der fromme Josef wollte seine Verlobte Maria schon heimlich verlassen, weil er nicht verstehen konnte, dass sie vor der Hochzeit schwanger war. »Fürchte dich nicht«, sprach der Engel des Herrn zu ihm im Traum. »Sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.« (Matthäus 1). Und die schwangere Maria sagte im Advent über Gott: »Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.« (Lukas 1). Völlig unwahrscheinlich. Umstürzend. Das ist Advent.

Erst nachdem all das gesagt und der Wegbereiter dieses umstürzenden Jesus mit Namen Johannes geboren worden war, erst dann durfte der Theologe Zacharias wieder sprechen. Gott hatte alles durchkreuzt. Und es war gut.

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4 Lesermeinungen zu Durchkreuzter Advent
Gert Flessing schreibt:
23. November 2016, 14:08

Lieber Herr Roth,
manchmal wünschte ich mir so einen Engel, der die Leute zum Schweigen bringt. Aber er sollte sich nicht nur der populistischen Schreihälse annehmen, sondern auch derer, die, auf der anderen Seite, oft große Vereinfacher sind. "Wir schaffen das." Das ist ein schöner und Mut machender Satz - wenn man dazusagt, wie es denn geschafft werden kann.
Wenn es denn denen, die das Chaos sehen und zweifeln, erklärt werden kann.
Aber dazu muss man genau hin hören und vernünftig reden.
Die Angst kann ich Menschen nur nehmen, wenn ich sie anhöre und bereit bin, mich mit ihren Ängsten auseinander zu setzen.
Jeder Seelsorger dürfte das wissen. Am Anfang steht das Hören und nicht das Urteil, weil das Gehörte nicht ins eigene Bild passt.
Ich wünsche mir von unserer Kirche, eine Adventszeit, die besinnlich ist, die still ist, um hinhören zu können und die Menschen, gerade die verängstigten Menschen, hinhören zu lassen.
Hinhören auf das, was es da an Schönem, gerade in unserem Land, gibt. Bis hin zu dem Licht in der Dunkelheit und den Worten von der Geburt des Heilandes.
Oh, Gott bringt Klarheit. Wir müssen sie nur wahrnehmen.
Gert Flessing

Beobachter schreibt:
24. November 2016, 8:40

Ein paar Versatzstücke, die mir Hoffnung machen:

"Auch unter deutschen AfD-Wählern sind evangelische Christen stark vertreten, "die das Chaos sehen und zweifeln". Auf der Suche nach einem Ausweg aus den Ängsten. Nach einer neuen Klarheit."

»Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.« (Lukas 1). Völlig unwahrscheinlich. Umstürzend. Das ist Advent."

"Advent ist Warten. Und eigentlich glauben wir auch in diesem Jahr genau zu wissen, worauf: Menschlich auf Gemütlichkeit und Kerzenlicht, im Glauben auf festliche Gottesdienste und Gottes Nähe in den vertrauten kirchlichen Farben. "
Und eben nicht auf politische, bisweilen diskriminierende, Reden!

manuel schreibt:
24. November 2016, 8:49

Ach, lieber Herr Roth,
diese Vereinfachungen in der geistlichen Botschaft - sie gehen mir so auf die Nerven: Advent steht gegen Trump und Vereinfachungen, Gott bringt den hohen "Beamten aus dem Religionsapparat" und Theologen zum Schweigen. Ach - das war ja wieder so "unerwartet" - und so "unberechenbar". In nur wenigen Zeitungen kann man den Gehalt mancher Artikel so leicht vorhersagen wie in einer Kirchenzeitung. Das ist doch auch alles so vereinfacht - was Sie hier schreiben. Hören doch auch Sie bitte mal auf mit diesen billigen politischen Vereinnahmungen von Heilsgeschichte und Gott. Sie neigen doch nicht weniger zu Simplifizierungen wie ein DTrump - nur eben aus einer vermeintlich fortschrittlichen / städtischen Perspektive. Und Sie reklamieren für sich, dass Gott natürlich gegen Trump und die AfD in Deutschland sei. Ich glaube, es wäre ein großer Schock für Sie, wenn Jesus käme und auch für AfD-Wähler ein Ohr hätte. Dann stünde vielleicht im Sonntag: "Skandal: Dieser nimmt die Populisten an und isst mit ihnen."
Ich habe Advent nie als ruhig und beschaulich und in Erwartung des Vertrauten erlebt. Für mich war Advent immer das Kommen des Fremden, das Kommen Gottes - und das sehnsüchtige Warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, dem wir hier entgegengehen - und versuchen, mit allen Lichtern und Schmuck, Liedern, Gottesdiensten und Gebeten diese fremde kommende Welt schon ein wenig abzubilden. Das finde ich außerordentlich bewegend und faszinierend, auch wenn den wenigsten Menschen dieses Anliegen auch so wichtig sein wird wie mir.
Ich wünsche Ihnen manche ruhigen Momente in der Adventszeit - und ein inneres Besinnen auf das Kommen Gottes - ER kommt. Lassen Sie es sich mal abseits von allem Wunsch, einen griffigen Artikel darüber schreiben zu müssen - einfach durch den Sinn gehen.
Ihnen eine gesegnete Adventszeit. Jesus kommt.

Johannes schreibt:
27. November 2016, 12:00

Ich verabschiede mich zum Forum-Adventsfasten. Bis dann.
Johannes Lehnert

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