9

Das andere Clausnitz

Die Bilder von der Wut gegen Asylbewerber im erzgebirgischen Clausnitz kamen bis Norwegen - dort hofft der Pfarrer Michael Hoffmann auf ein anderes Clausnitz. Er kommt selbst aus der Gegend und weiß, was das Erzgebirge Flüchtlingen zu verdanken hat - und was es mit ihnen gewinnen kann.
Michael Hoffmann
  • Artikel empfehlen:
Der aus dem Osterzgebirge stammende Theologe Michael Hoffmann arbeitet als Gehörlosenseelsorger in der lutherischen Kirche Norwegens.

Am Freitag vor den Winterferien wurde ich von Gemeindemitgliedern in Norwegen angesprochen: „Clausnitz, Rechenberg-Bienenmühle, ist das nicht da wo du herkommst? Was passiert dort eigentlich? Du hast doch nicht etwa vor, deine Kinder in den Ferien dort hin zu schicken?“ Am Montag haben die Ereignisse im Erzgebirge bereits das öffentlich-rechtliche norwegische Fernsehen erreicht.

Ja, ich komme von dort, nicht direkt aus Clausnitz, aber auch aus Rechenberg-Bienenmühle, das gemeinsam mit Clausnitz und Cämmerswalde zu einer Kirchgemeinde gehört. Es gibt sie immer noch, die Möglichkeiten für das andere Clausnitz. Viele der Dörfer um Clausnitz herum und vielleicht auch Clausnitz selbst würde es ohne Flüchtlinge gar nicht mehr geben. Im 17. Jahrhundert waren es tschechischsprachige Flüchtlinge, die den durch Pest und Krieg verwüsteten Dörfern im Erzgebirge zu neuem Leben verhalfen und sogar neue Dörfer gründeten.

Die erzgebirgische Weihnachtskultur lässt sich nicht nur auf die Bergleute, sondern auch auf diese Flüchtlinge zurückführen und würde es ohne diese so nicht geben. Zugezogene verändern die Kultur und verändern ein Dorf. Ich kann die Sorgen und Ängste vieler Erzgebirgler vor diesen Veränderungen verstehen. Ich kann verstehen, dass man nach den Ereignissen der Silvesternacht skeptisch gegenüber unverheirateten jungen Männern ist. Was ich nicht verstehen kann, ist das, was am Abend des 18. Februar dort geschehen ist: Die Flüchtlinge, die kamen sind Familien und junge Frauen.

Ich kenne das andere Clausnitz. Ich weiß von Menschen, die sich für die Flüchtlinge engagieren und im Heim helfen. Sie schreien nicht, sondern helfen still. Auch eine Demonstration für die Flüchtlinge hat es bereits gegeben. Doch davon schreiben die meisten Medien nichts. Ich möchte dem anderen Clausnitz Mut machen: Die Flüchtlinge sind keine Gefahr, sondern eine Möglichkeit: Die Bäckerei in Cämmerswalde steht leer und verfällt, vielleicht ist unter den Flüchtlingen ein Bäcker, der den alten Ofen mit etwas Hilfe wieder in Schwung bekommt?

Nicht alle Betriebe im Ort haben einen Nachfolger. Vielleicht gibt es unter den Flüchtlingen tüchtige Handwerker oder Freiberufler, wie Ärzte, die der Landflucht entgegenwirken können? Vielleicht ist der Junge, der von Polizisten aus dem Bus gezerrt wurde, der dringend gesuchte tüchtige Lehrling des Handwerksmeisters nebenan? Die Flüchtlinge haben bereits einen langen Weg hinter sich gebracht. Warum sollten sie nicht auch noch den Rest des Weges, die Integration in Deutschland, bewältigen? Auch wenn nicht jeder sie mit offenen Armen empfangen kann, jeder kann und sollte eine helfende Hand dazu reichen. 

Die Ereignisse vom 18. Februar sind ungeheuerlich, erschrecken mich und machen mir Angst. Doch noch immer glaube ich die Erzgebirgler zu kennen. Sie sind ein störrisches Volk und tun sich schwer mit Veränderungen. Doch wen sie einmal akzeptiert und ins Herz geschlossen haben, für den stehen sie ein. Ich bitte sie alle und besonders meine ehemaligen Nachbarn, meine Bekannten, Schulkameraden und Freunde: Nehmt die Flüchtlinge an! Seht sie als Möglichkeit, nicht als Bedrohung! Steht für sie ein! Ihr Aufenthaltsstatus ist, nach allem was ich weiß, nicht geklärt. Sie sind noch unsicherer als ihr. Sie wissen auch jetzt noch nicht, wie es für sie weitergeht. Vielleicht kommt morgen schon wieder ein Bus, um sie wieder weg- und in eine ungewisse Zukunft zu bringen. Sollte dies geschehen, dann hoffe ich, dass die Medien von einer Menschenkette berichten, die sich dagegen wehrt, dass jemand „unsere Flüchtlinge“ holen will. Es scheint im Moment unsichtbar zu sein, doch es gibt es, das andere Clausnitz.

Der in Sachsen geborene Theologe Michael Hoffmann ist in der lutherischen Kirche Norwegens zuständig für die überregionale Arbeit mit gehörlosen Menschen.

 

 

Diskutieren Sie mit

9 Lesermeinungen zu Das andere Clausnitz
A.Rau schreibt:
26. Februar 2016, 12:19

Da haben also 100 - vermutlich überwiegend stinknormale - Erzgebirgler lauthals geschimpft und einen Bus ca. zwei Stunden aufgehalten. Verletzte gab es keine, Sachschaden auch nicht. Über mögliche Auslöser für dieses Ereignis erfährt man praktisch nichts.

Vor einigen Jahren fanden öfters Castor-Transporte statt. Dort wurden nicht nur Straßen sondern auch Eisenbahngleise tagelang blockiert. Das hat niemanden groß aufgeregt. Auch heute ist das Wegtragen von Blockierern eine Art Dienstsport für Polizisten. Blockaden gehören ganz selbstverständlich zu unserer (linken) Demokratie. Wenn aber paar Leutchen den falschen Bus blockieren, verfällt die halbe Republik in Schnappatmung + selbst das das öffentlich-rechtliche norwegische Fernsehen rümpft die Nase?

Wohlgemerkt: Was da in Clausnitz geschehen ist, muß man (vermutlich) kritisieren. Es ist aber unfassbar, mit welch unterschiedlichem Mass da gemessen wird. So lange Immigranten derart extrem bevorzugt behandelt werden, solange wird der Frust (nicht nur) der Erzgebirgler weiter wachsen.

Martin Meißner schreibt:
26. Februar 2016, 17:20

"Da haben also 100 - vermutlich überwiegend stinknormale - Erzgebirgler lauthals geschimpft und einen Bus ca. zwei Stunden aufgehalten." Soweit geh ich mit.

A.Rau schreibt:
26. Februar 2016, 12:31

Spaßeshalber noch eine schöne Meldung:

"FULDA. Weil er in einem ICE beim Onanieren erwischt wurde, ist gegen einen 22 Jahre alten Asylbewerber aus Eritrea Strafanzeige erstattet worden. Der Mann war am Dienstag von einer Zugbegleiterin dabei ertappt worden, wie er sich in dem Zug von Frankfurt am Main nach Kassel selbst befriedigte. Da er zudem keine Fahrkarte besaß und auch kein Geld hatte, um ein Ticket nachzulösen, mußte er den ICE in Fulda zur Prüfung seiner Identität verlassen.
„Dabei stellten die Bundespolizisten fest, daß der Mann bereits 189 Strafanzeigen wegen Erschleichen von Leistungen und über 40 Diebstähle auf seinem Straftatenkonto hat. Hinzu kommen weitere Taten wie Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung“, teilte die Bundespolizeiinspektion Kassel mit.
Gegen den Asylbewerber wurde nun ein weiteres Strafverfahren wegen Erschleichens von Leistungen und exhibitionistischer Handlungen eingeleitet. Nach Abschluß der Überprüfung und Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft Fulda kam der 22 Jahre alte Eritreer wieder auf freien Fuß."

Wohlgemerkt: Nicht dieser Mann ist das Problem! Das Problem ist, dass solche Leute in Deutschland absolute Narrenfreiheit besitzen - während z. B. Falschparker nichts zu lachen haben.

Gast schreibt:
26. Februar 2016, 14:10

Hat dieser Quatsch auch nur irgendeine Zeile mit dem Artikel zu tun?!!

Gast schreibt:
26. Februar 2016, 17:44

Selbstverständlich. Zweierlei Mass. Ausländische Multistrafstäter sind besser gelitten als einheimische unbescholtene Demonstranten. Jawoll.

A.Rau schreibt:
28. Februar 2016, 9:43

Lieber 1. Gast,

ich kann Ihnen das gerne erklären. Zunächst aber noch eine kleine Zuspitzung.

Angenommen, in einer Kneipe käme es zu einer Prügelei. Dann könnte Folgendes passieren:
1. Deutscher schlägt Deutschen. Das interessiert keinen.
2. Ausländer schlägt Ausländer. Das interessiert keinen.
3. Ausländer schlägt Deutschen. Das interessiert keinen.
4. Deutscher schlägt Ausländer. Die halbe Republik schreit Zeter und Mord.

Wen wundert’s, wenn bei derart grotesk unterschiedlichem Mass zumindest einigen Deutschen die Galle überläuft?

A.Rau schreibt:
28. Februar 2016, 9:46

Lieber 1. Gast,

nun zur Sache. Goethe war es wohl, der schrieb: „Was von den Vätern du ererbt, erwirb es, um es zu besitzen.“ Das dürfte auch für den Rechtsstaat gelten. Auch der ist kein unverlierbarer Besitz, sondern muss immer wieder neu „erworben“ werden. Und dazu gehört u. a. 1. das Recht muss von den Staatsbürgern verstanden, akzeptiert und mitgetragen werden; und 2. der Staat muss das Recht durchsetzen. In beiden Punkten gibt es in Deutschland Defizite. Zu 1. z. B. einen undurchdringlichen Paragraphen-Dschungel; der verbreitete Eindruck, dass Täter besser behandelt werden als Opfer bzw. dass viele Täter mit keinen oder viel zu geringen Strafen davon kommen. Zu 2. z. B. das Desinteresse bzw. die Überforderung der Polizei bei der Aufklärung usw.

In diese Situation hinein kommen nun die Immigranten. Und dadurch werden die Defizite – zumindest gefühlt - spürbar verstärkt. Ausländer werden bevorzugt behandelt bzw. für die gilt gar kein Recht, d. h. die können machen, was sie wollen. So seien im Januar mehr als 50 Prozent von ihnen ohne Papiere und damit praktisch illegal ins Land gekommen. Konsequenzen keine. In Köln war die Polizei vor Ort und konnte nichts ausrichten bzw. wurde ausgelacht. Konsequenzen lächerlich. Es ist viel von mysteriösen No-Go-Areas die Rede. Konsequenzen keine. (Nur am Rande ein Zitat: „Die Kieler Polizei war Ende Januar unter Druck geraten, nachdem bekannt wurde, dass sie Asylbewerber ohne Ausweispapiere oder behördliche Registrierung bei einfachen Delikten wie Ladendiebstahl oder Sachbeschädigung nicht strafrechtlich verfolgt. Begründet wurde dies mit dem angeblich zu hohen Aufwand.“)

Früher wurde dem Rechtsstaat vorgeworfen: Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen. Heute muss man zusätzlich noch feststellen: Die Rechten hängt man, die Linken lässt man laufen. Und: Die Deutschen hängt man, die Ausländer lässt man laufen.

Mit anderen Worten: Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat. Doch der wandelt sich zunehmend in einen Gesinnungsstaat. Und der sucht von seinen massiven Problemen abzulenken, indem er mit hysterischem Lärm über zufällige Sündenböcke herfällt.

(Zugegeben: Das Problem ist weniger die Justiz. Die hält noch einigermaßen stand. Das Problem ist das „System“: Politik, Medien, Kirchen ...)

A.Rau schreibt:
29. Februar 2016, 11:28

Lieber 1. Gast,

spaßeshalber noch ein Nachtrag: Seinerzeit bin ich eines abends in der DDR zu Bett gegangen - und am nächsten Morgen in der BRD aufgewacht. Doch jetzt, einige Jahre später, wache ich wieder in der DDR auf und zwar an jedem Morgen.

Denn in der DDR wimmelte es überall von Leuten, die ganz genau wußten, was richtig und was falsch, was gut und was böse war. Nicht nur in Politik und Medien, sondern auch in Schulen, Betrieben und sonstwo rannten solche Leute rum. Wer anderer Meinung war, wurde von ihnen verteufelt als Klassenfeind, als "gegen den Frieden" oder was auch immer. Heute ist es nicht anders. Es wimmelt überall von Leuten, die ganz genau wissen, was richtig und was falsch, was gut und was böse ist. Wer anderer Meinung ist, wird verteufelt als Rechter, Rassist, krank (-phober) oder was auch immer. Von einer sachlich-diferenzierten Betrachtung der Probleme kaum eine Spur stattdessen wachsende "Schwarz-Weiß-Rudelhysterie".

Es tut mir leid, aber diese Dummheit nervt - damals wie heute.

Zitierer schreibt:
01. März 2016, 20:15

"Der Ruf 'Wir sind das Volk' wurde im Oktober 1989 von über 70000 Menschen durch die Straßen Leipzigs getragen und war ein Symbol gegen die Herrschaftsdiktatur des SED-Staates. Jetzt brüllten 100 dumpfbackene Krakeeler in Clausnitz den gleichen Spruch und fühlten sich als Sieger und in der Mehrheit gegen 20 Flüchtlinge in einem Bus! Schon allein das Zahlenverhältnis sagt aus, wer das Volk in Wahrheit ist. Nicht diese widerlichen Volksverhetzer, die dann noch gern den anderen Pegida-Spruch 'Volksverräter' skandieren. Mehr fällt ihnen in ihrer Dummheit nicht ein. Ich fühle mich von diesem Volk nicht vertreten. Und was macht die Politik und das Innenministerium? Es ermittelt zuerst gegen die Polizei und die Flüchtlinge. Umgedreht wird ein Schuh draus, zuerst muss gegen die Brüller und Volksverhetzer ermittelt werden, sonst fühlen sich diese noch bestätigt." (H. Sch.)

Folgen Sie Sonntag Sachsen:

Aktuelle Veranstaltungen
  • , – Chemnitz
  • Orgelkonzert
  • Ev.-Luth. Schloßkirche
  • , – Dresden
  • Seniorenkreis
  • Christuskirche Strehlen
  • , – Leipzig
  • Ökumenischer Gottesdienst
  • Nikolaikirche
Audio-Podcast

Der Twitter-Sonntagticker
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Der Dresdner #Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt soll neuer #Superintendent in #Leipzig werden. Feydt werde sich… https://t.co/mNByBsB7QY
vor 5 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Sachsens Landesbischof Carsten #Rentzing hat seine Mitgliedschaft in einer #Burschenschaft verteidigt –… https://t.co/V8EU7K7Vcj
vor 6 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
#Leipzig eröffnet #Lichtorte - wie in der #Nikolaikirche. Es folgen nun an jedem Montag bis zum 9. Oktober weitere… https://t.co/cyCjhwEfiJ
vor 16 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Sachsens Bischöfe #Rentzing und #Timmerevers zur Wahl/ Fotos unseres Fotografen aus dem Landtag gestern Abend… https://t.co/Z78bbUtQbd
vor 20 Tagen