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Dienende Kirche werden

Innerlich wachsen: Das Schrumpfen der Kirche kann auch eine Chance zum Neuanfang sein, fand der Theologe Dietrich Bonhoeffer – für eine bescheidene Kirche des Betens und der Tat.
Notiert von Andreas Roth
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Prophet einer schrumpfenden Kirche: Der lutherische Theologe Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) sah die Zukunft in einer nicht herrschenden und bescheidenen »Kirche für andere«.

Propheten kann man gernhaben. Sie sind schon tot, weit weg, die Schärfe ihrer Worte ist zu frommer Besinnungsliteratur geronnen. Weh tun sie nicht mehr. Dietrich Bonhoeffer ist so ein Prophet, ihm ergeht es nicht anders. Dabei hätte er seiner evangelischen Kirche einiges zu sagen. Nähme sie es ernst, würde es schmerzhaft.

Dass Bonhoeffer ein Prophet war, zeigen allein schon die Zahlen: Auch Sachsens Landeskirche schrumpft und schrumpft, in den nächsten 23 Jahren um weitere 40 Prozent, so die Prognose der Kirchenleitung. Trotz Reformprozessen, trotz Luther-Dekade, trotz allerlei Konzepte zum Gemeindewachstum. Bonhoeffer hat diese Entwicklung vor über 70 Jahren vorausgesehen: »Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein.«

Bonhoeffer schrieb diese Zeilen in Nazi-Haft, er hatte eine Kirche vor Augen, die Hitlers Helfern kaum widerstand. Doch seine Diagnose der inneren Schwäche seiner Kirche greift viel tiefer – und trifft auch heute. »Die Kirche der Priester will etwas sehen. Sie will nicht mehr warten. Sie will selbst ans Werk gehen, selbst handeln, selbst tun, was Gott nicht tut«, predigte Bonhoeffer über die Geschichte vom Priester Aaron und dem goldenen Kalb. »Als solche Kirche kommen wir immer wieder zum Gottesdienst zusammen.« Die Wurzel allen Übels in der Kirche sieht Bonhoeffer in der »Anbetung der Kraft« und im »Illusionismus«. Heute ließe sich übersetzen: In der Annahme, mit noch so ausgefeilten Konzepten zum Gemeindewachstum ließe sich der Trend noch umkehren und die Kirche könnte so bleiben, wie sie ist.

Kann sie eben nicht, entgegnete Bonhoeffer. Sie soll es auf keinen Fall. »Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist«, beginnen seine berühmten Zeilen aus dem Gefängnis. »Um einen Anfang zu machen, muss sie alles Eigentum den Notleidenden schenken. Die Pfarrer müssen ausschließlich von den freiwilligen Gaben der Gemeinden leben, eventuell einen weltlichen Beruf ausüben. Sie muss an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend.«

Das ist radikal. Es verlangt Umstürzendes von den Pfarrern – aber mehr noch von den Gemeinden. Salz der Erde statt Betreuungskirche. Mit vollem Risiko. Ist das nur die Spinnerei eines aufrechten, aber etwas weltfremden Theologen hinter Gittern? Nein, glaubt die kleine Schar des sächsischen Ablegers der Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft, die kurz vor ihrer Auflösung mangels Mitstreiter Ende letzten Jahres noch ein Arbeitsheft für Gemeindekreise und Schulen zum Kirchen-Begriff des großen Theologen herausbrachte.

Der Prophet Bonhoeffer öffnet wie alle Propheten einen Horizont. Er zeigt Möglichkeiten, die im Klein-Klein der Sachzwänge als undenkbar gelten. »Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Chri­stentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun.« Und das können Christen selbst im kleinsten Dorf und ohne kirchlichen Apparat. »Nicht durch Begriffe, sondern durch Vorbild bekommt ihr Wort Nachdruck und Kraft.«

Der Prophet Bonhoeffer war auch ein großer Realist. Was er erhoffte: »Aus der ungeduldigen Kirche wird die Kirche des stillen Wartens.« Für ihn war das sehr viel.

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6 Lesermeinungen zu Dienende Kirche werden
Gert Flessing schreibt:
02. Februar 2017, 6:43

Wie erlebe ich Kirche vor Ort, in der Gemeinde, wenn nicht als "dienende Kirche"? Vor allem im ländlichen Raum trägt sie auch die Nöte und Sorgen der Menschen.
Wie oft sitzen Menschen, die echte Probleme haben, hier und sprechen sich ihren Kummer von der Seele. Sie werden beraten und, wenn nötig an die Diakonie vermittelt.
Von denen, die, weil da ein Todesfall war, hier nicht nur eine Grabstelle, sondern ein Gespräch und Trost erfahren, will ich nicht reden. Es sind beileibe nicht nur Kirchenmitglieder, die sich hier aussprechen können.
Voraussetzung dafür ist aber, das jemand da ist. Die Tür muss sich für die Menschen öffnen und sie müssen hinein genommen werden.
Vielleicht sollten wir wirklich keine "ungeduldige Kirche" sein. Wir schauen auf Zahlen und Statistiken, wie die Schlange auf das Kaninchen. Wird damit Zuversicht in den Gemeinden verbreitet?
In den Gemeinden liegt ein großes Potential. Noch ist es da und es besteht nicht nur in denen, die im Mewis erfasst sind. Es besteht ebenso in denen, die "mal so" vorbei kommen, die, obwohl sie lange von der Kirche weg sind, Spenden für Rumänien oder für Flüchtlinge bringen.
Es besteht in denen, die ich bei Konzerten treffe, die in unserer Kirche stattfinden und denen, die bei runden Geburtstagen zusammen sind und sehen, das sich Pfarrer und Bürgermeister kennen und verstehen.
Solche Treffen würden z.B. schon nicht möglich sein, wenn ich in meinem, einst erlernten Beruf, arbeiten würde.
Also Vorsicht bei dem, was wir wollen.
Gert Flessing

Andreas Reinhold schreibt:
02. Februar 2017, 8:26

Richtig! Die Chance der Kirche liegt im Kleinerwerden. Und was macht die Kirche? Propagiert Fusionen zu Megagemeinden, baut Verwaltungspaläste und bauscht den Bürokratenapparat künstlich auf. Falsch!

Gert Flessing schreibt:
03. Februar 2017, 13:39

Da haben wir das frühere Thema wieder: ". Die Pfarrer müssen ausschließlich von den freiwilligen Gaben der Gemeinden leben, eventuell einen weltlichen Beruf ausüben."
Wenn wir das Pfarramt nicht mehr haben, dann benötigen wir auch keine Superintendenten mehr und keine Kirchenleitung und keine Juristen und keinen hauptamtlichen Bischof. Dann haben wir auch keine Landeskirche mehr, sondern nur noch Gemeinden, die je nach ihren Gegebenheiten, existieren oder dahin vegetieren.
Dann haben diejenigen, die Kirche schon immer weg haben wollten und es in der DDR nicht geschafft haben, gewonnen. Denn solch eine Kirche ist keine Stimme mehr in der Gesellschaft.
Gert Flessing

Andreas Reinhold schreibt:
04. Februar 2017, 19:08

Iwo, die Frage ist nicht ob, sondern wie. Wenn die 2. und 3. Leitungsebene bei ihrer dienenden Funktion (Subsidiaritätsprinzip) bleiben würde, wäre alles in Ordnung.

Gert Flessing schreibt:
05. Februar 2017, 21:36

Lieber Herr Reinhold,
der Versuch, Regionen zu schaffen, die über eine bestimmte Zahl von Gemeindegliedern verfügen, ist nicht so schlecht, wie es, im ersten Moment, aussieht.
Voraussetzung für ein Gelingen ist, das alle bereit sind, an einem Strang zu ziehen und die Kräfte der Region zu bündeln.
Voraussetzung ist allerdings auch, das die Seite der Landeskirche genügend Spielraum gibt, damit das, was gemacht werden soll, auch wachsen kann.
Dazu gehört, das sich nicht Pfarrhaustüren schließen. Damit meine ich, das es vor Ort Menschen, auch ehrenamtliche, geben muss, die als Ansprechpartner zu bestimmten Zeiten der Woche da sind. Das halte ich für wichtiger, als das man immer und jederzeit an jedem Ort einen Pfarrer zu sitzen hat.
Wir haben die Möglichkeit einer Vernetzung über das Internet. Leider gibt es immer noch Kollegen, die sich dem verweigern.
In einer Region muss das klappen, dann sind Informationen in allen Gebieten und bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, verfügbar.
Schon jetzt müssen Dienste, über einen längeren Zeitraum hin, geplant werden. Taufen manchmal mit einem halben Jahr Vorlauf. In einer Region muss das eine Grundvoraussetzung werden, denn nur so können alle zu ihrem Recht kommen, Mitarbeitende ebenso, wie Gemeinden.
Was wir brauchen, ist Geduld im Miteinander und recht viel Fantasie. Es geht ja nicht um uns, egal, welchen Dienst wir versehen. Es geht um die Menschen, die wir mit unserem Dienst erreichen wollen.
Gert Flessing

Andreas Reinhold schreibt:
06. Februar 2017, 13:00

Lieber Herr Flessing,
gegen Regionalisierung ist solange nichts einzuwenden, wie sie - wie Sie richtig feststellen - den Menschen vor Ort dient. Leider wird in vielen Fällen die Einrichtung größerer Einheiten aber aus rein wirtschaftlichen Interessen heraus betrieben, um z.B. Kosten zu sparen - und das in Zeiten, in denen wir die höchsten Kirchensteuereinnahmen verzeichnen! Es wird kein Spielraum geschaffen, sondern an der Basis gekürzt, um damit andere Projekte zu finanzieren (welche ich meine, habe ich weiter oben benannt). Man beklagt Pfarrermangel, gleichzeitig weigert man sich aber, Menschen mit theologischer Ausbildung niederschwellig in den Dienst zu nehmen. Man spricht von Beteiligungskirche, wenn sich aber Widerstand gegen Fusionen, Gebäudeschließungen und Stellenabbau regt, ist es mit der Beteiligung nicht mehr weit her. Dass sich Kirche über die Zukunft Gedanken darüber machen muss, ist klar. Aber an vielen Stellen wird über die Köpfe der Gemeindeflieder hinweg entschieden und mancherorts so rigoros verfahren, dass nicht wenige das Weite suchen. An einem Strang zeihen ist wünschenswert, aber man darf dabei nicht das Gefühl hinterlassen, andere über den Tisch ziehen zu wollen.

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