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Tasten nach dem ferngerückten Gott

Christian Lehnert sucht in seinem Buch die Spuren Gottes in einer gottlos gewordenen Welt – und verteidigt den fremden Gott
Von Stefan Seidel
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Lange ist es her, dass es am Sonntagmorgen nur eine Beschäftigung gab: den Gottesdienst. Heute steht da anderes an: Ausschlafen, Brunchen, Ausflüge. Selbst unter Christenmenschen ist der Gottesdienst aus der Mode gekommen. Das von den Kirchenoberen ausgegebene Ziel, zehn Prozent der Gemeindeglieder im Gottesdient zu versammeln, ist vielerorts in weiter Ferne. Der Gottesdienst wirkt heute wie ein musealer Nachhall aus früheren Zeiten.

In dieser Situation macht sich der Leipziger Dichter und Pfarrer Christian Lehnert ans Werk, um den heutigen Sinn des christlichen Kultes und Gebets auszuleuchten. In seinem Buch »Der Gott in einer Nuß« folgt er dem Ablauf des Gottesdienstes – von der Eröffnung »im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes« bis zum Gebet »Christe, du Lamm Gottes ...«

Lehnert hat dazu eine lose Sammlung essayistischer Texte zusammengestellt. Es sind historische und theologische Erklärungen der Gottesdienst­inhalte. Und es sind immer wieder feinsinnig erzählte Begebenheiten aus seiner Zeit als Dorfpfarrer in Ostsachsen. Diese Geschichten stechen heraus. Sie zeigen, wie der Pfarrer heute eigentlich eine Figur ist, die wie aus der Zeit gefallen wirkt – Verwalter eines kaum mehr verständlichen Glaubensinhalts, ein Fremder in der »post­religiösen« Welt. Doch der Pfarrer und das fremdgewordene Religiöse irritieren noch. Unerklärliche Erfahrungen mit der anderen Welt und die offenen Fragen nach Gottes Führung und Erlösung geistern herum. Das nimmt den Pfarrer – und auch den Dichter – in die besondere Pflicht, die Welt offen zu halten auf das Jenseitige hin.

Es kostet einige Anstrengung, sich durch den sprachlich dichten Assoziationsstrom Lehnerts zu lesen. Aber es regt an zu fragen: Wie sehr »sprechen« die Formen des ferngerückten christlichen Glaubens heute noch? Lehnert verschweigt dabei nicht seinen Glauben, bekennt ihn sogar auf sehr persönliche und poetische Weise. Doch er geht hart mit aller Oberflächlichkeit der Kirchen ins Gericht. Er wehrt sich gegen jene Formen des Glaubens, die auf das Wohlfühlen und das Beruhigen von Fragen abzielen. Die »gnadenlose Einfalt« und »blinde Vereinswärme« eines formelhaften und routinierten Gottesdienstes sind ihm ein Graus.

Dagegen sieht Lehnert gerade in der Fremdheit der Liturgie eine Chance, die eindimensionale Wirklichkeit zu öffnen auf Gott hin. Christsein heißt für ihn: »Ich begebe mich hinein in einen Strom, der sich durch die Zeit zieht, im Gefälle auf eine kommende Welt zu.« Und das gehe nur, indem alles Begreifen überstiegen wird – und man nicht fertig wird mit dieser Welt. Die religiöse Existenz sei dabei ein Sprung ins Ungewisse. Lehnert nimmt die Zweifel ernst – sie entstehen im Angesicht des Leides. »Nur eines gilt: Nichts in der Hand zu haben. Ich glaube – ein verwandeltes Weinen.«

Gegen alle Vereinfachungen hat Lehnert ein mystisches Gedankennetz gesponnen, das den Leser in eine spirituelle Suchbewegung verwickelt. Es wird deutlich: Die richtige Deutung des Christlichen kann nur der Einzelne in seinem Leben geben.

Christian Lehnert: Der Gott in einer Nuß. Fliegende Blätter von Kult und Gebet. Suhrkamp Verlag 2017, 237 Seiten, 20 Euro.

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1 Lesermeinungen zu Tasten nach dem ferngerückten Gott
Matthias Schollmeyer schreibt:
25. Februar 2017, 11:34

VON DEN WALNUSSSCHALEN
Wir waren an diesem Tag noch nicht weit gekommen, da gelangten wir an einen blühenden Walnussbaum, der seine Äste in die Himmel ausstreckte.
Der Meister schaute die Krone des Baumes an und hob dadurch auch unsere Blicke nach oben. Schließlich hieß er uns, die Augen zum Erdboden wieder zurück zu lenken. Da lagen zwei leere Nussschalen.

Er sagte: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde! Sehet dort diese hohle Nuss, welche die Kälte des Winters in zwei Hälften gespalten hat. Sie, die einst eins war, liegt nun in zwei Teilen vor uns am Boden.“ Und siehe, er nahm die beiden leeren Nussschalen behutsam an sich, legte sie ineinander und barg das doppelte Schifflein im Bausch seines Gewandes. Dann sprach er: „Lasset uns sehen, was wir mit zwei Hälften anfangen werden. Vorerst seien sie uns Zeichen für die kommende Reise. Denn es gilt, Leeres zu erfüllen. Was zu voll ist, muss ausgeleert werden. Und oft kann Leere nur mit zusätzlicher Leere neu erfüllt werden. Weil das Erfüllte durch noch Erfüllenderes ausgeleert wird.“

Sofort suchten einige von uns mit den Augen den Erdboden ab, ob nicht auch wir eine hohle Nuss fänden. Aber wir fanden keine. Da zupfte er von den Walnussblüten einige ab und gab sie uns. Dabei sagte er: „Nehmet einstweilen diese Blüten von mir.“
Wir hielten die Blüten in der Hand und wagten den ganzen Tag über nicht, sie fortzuwerfen. Erst als es finster geworden war und keiner mehr etwas sehen konnte, ließen wir sie den Fingern unbemerkt wieder entgleiten. Viele Stunden hatten seine Blüten an unseren Handflächen gehaftet. Und die hatten von den Blüten nun dunkle Flecken bekommen.

Auf diese Art prägte sich uns der Beginn des Weges unvergesslich ein. Jenes Weges, den wir zu gehen hatten: Die Witwe des verruchten Verräters Judas aufzusuchen, um sie zu trösten. Er wollte es so und nicht anders. Oft noch lernten wir wichtige Dinge durch scheinbar unwichtige Sachen.

(aus dem Lazarusevangelium 2,1ff)

Tageslosung

Gehorsam ist besser als Opfer.

(1.Samuel 15,22)

Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.

(Lukas 11,28)

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