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Jesus wär’ heute ein Linker

Käßmann trifft Gysi: Vor dem Leipziger Kirchentag trafen sich die Reformationsbotschafterin und der Linken-Politiker in der Messe­stadt und diskutierten über die Kraft des Glaubens auch für Atheisten, Waffenexporte, politische Konsequenzen aus dem Evangelium – und warum es so schwer ist, die Welt zu verändern.
Die Fragen stellte Uwe Birnstein
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Gregor Gysi und Margot Käßmann
Nicht weit entfernt: Reformationsbotschafterin Margot Käßmann und Linken-Politiker Gregor Gysi. © C. Busse

Frau Käßmann, Herr Gysi, muss man Christ sein, um die Welt zu verändern oder besser zu machen?

Käßmann: Ein Humanist oder ein Mensch, der aus politischen Gründen die Welt verändern will, kann das genauso gut tun, wie ein Christ. Ich will auf jeden Fall die Welt verändern, aus Glaubensüberzeugung.

Gysi: Der Charakter eines Menschen ist wichtig, es gibt auch Christen und Nichtchristen, die das nicht wollen. Aber ich kann sagen, die Welt zu verändern ist sehr schwer. Das kann ich ihnen nach 69 Jahren sagen.

Herr Gysi, Sie haben gesagt, Sie sind dankbar dafür, dass es Kirchen gibt. Wenn wir die Kirchen und Religionsgemeinschaften nicht hätten, hätten wir keine moralverbindenden Normen und das sei ein großer Wert?

Gysi: Als Kind erinnere ich mich an die »10 Gebote der moralischen Gesellschaft« von Walter Ulbricht – mein Vater erklärte mir, was daran, jüdisch-christlich sei – auch sie waren darauf angewiesen. Meine Wertschätzung für Kirche und Religion habe ich meinen Eltern zu verdanken. Wir haben, wenn wir unterwegs waren, immer Kirchen besucht.

Frau Käßmann, die Religion ist wichtig für Herrn Gysi, würden Sie das umgekehrt auch so sagen – die Linken sind wichtig für eine Gesellschaft?

Käßmann: Ja, das denke ich schon, ich lebe gern in einer Gesellschaft, in der es in einer Demokratie Vielfalt geben kann. Ich finde nichts langweiliger als eine einheitliche Gesellschaft, ebenso wie eine Einheitskirche oder Einheitspartei. Es tut unserem Land gut, dass wir verschiedene politische Parteien haben. Was mir gefällt an den Linken, ist die Kritik an den Waffenexporten, das ist eine Position, die ich als Christin gut finde. Das treibt mich echt um. Ich kann nicht verstehen, dass wir über die Kriege dieser Welt wie in Syrien klagen und gleichzeitig sind wir auf Platz drei der Waffen­exporte und verdienen Geld an diesen Kriegen. Das regt mich auf, das ist ein Punkt, wo ich mich mit der Linken gut verständigen kann.

Gysi: Ich verlange immer ein Logik. Wir haben militärisch im Nahen Osten nichts zu suchen. Wir brauchen hohe Diplomatie. Ich bin da im Moment etwas hilflos. Zum Optimismus brauche ich sehr viel Kraft, die fehlt mir zur Zeit.

Welche Rolle spielen die christlichen Kirchen im Nahen Osten bei der Befriedung dieser Region?

Käßmann: Die Christen leben dort in einer extrem angefeindeten Situation. In Ägypten und auch in anderen Ländern gehen die Gläubigen in die Gottesdienst, obwohl sie wissen, das könnte sie das Leben kosten. Ich bewundere den Mut. Das treibt mich an, etwas verändern zu wollen. Luther hat gesagt, dass wir auch zornig sein dürfen. Das Evangelium ist für mich sehr politisch. Selig sind die, die Frieden stiften, das hat auch eine politische Haltung zur Konsequenz. Sie gehört zum Christsein dazu.

Gysi: Wir haben das aktive und passive Wahlrecht, ab dem 18. Lebensjahr – jeder ist aufgefordert, sich einzumischen. Als ich jung war, dachte ich: Christenverfolgung – das gab es im Mittelalter. Doch das erleben wir wieder. Früher war ich davon überzeugt, dass die Zivilisation immer nach vorn geht. Heute bin ich mir nicht mehr sicher. Es kann auch richtig rückwärts gehen. Das beunruhigt mich.

Herr Gysi, Sie haben mal gesagt: würde Jesus heute leben, Jesus wäre ein Linker?

Gysi: Ja, das war in einem Gespräch mit Schorlemmer, der sagte, Jesus wäre heute in der SPD, ich sagte, er wäre ein Linker – jedoch ein sehr kritischer.

Käßmann: Ich bin nicht so pessimistisch, weil ich viele junge Leute sehe. In Wittenberg sind zur Zeit Freiwillige aus aller Welt, sie leben als Christen zusammen und haben ein globales Weltbild im besten Sinn. Ich setzte darauf, dass sie die nationalistischen Gedanken aus dem Weg räumen. Die jungen Leute werden das auf ihre Weise lösen. Sehr gut vernetzt. Wenn es in Stalingrad Videos gegeben hätte, dann wäre der Krieg ganz schnell zu Ende gewesen. Weil die Leute gesagt hätten, das kann nicht sein. Diese Informationsmöglichkeiten sind auch positiv.

Gysi: Da stimme ich ihnen zu. Das Internet hat demokratischen Gehalt, weil es Herrschaftswissen abschafft.

Käßmann: Das ist sehr reformatorisch. Weil es jeder lesen und jeder schreiben kann.

Gysi: Die Jugend ist auch meine Hoffnung, was die EU betrifft. Stellen Sie sich vor, wir führen den Grenzbaum wieder ein und die Visumspflicht. Das kann sich unsere Jugend nicht mehr vorstellen. Sie braucht dieses Mitein­ander, die europäischen Strukturen, sie ist viel internationaler. Schon deshalb müssen wir die EU retten. Der zweite Grund: es gibt keinen Krieg zwischen den Ländern der EU. Wir dürfen sie nicht kaputt machen. Kaputt machen will sie die Rechte, daran dürfen wir uns nicht beteiligen.

Kommen wir zum Thema 500 Jahre Reformation.

Gysi: Was hat eine Reformationsbotschafterin eigentlich zu tun?

Käßmann: Ich habe fünf Jahre lang das Reformationsfest vorbereitet, Vorträge und Predigten gehalten, Texte geschrieben, die Partnerkirchen auf der Welt besucht, habe erzählt, was wir in Deutschland machen, dass wir 2017 international feiern wollen. Und ich bin Vorsitzende der Vorbereitungsgruppe für die Weltausstellung in Wittenberg. Da wird es ab 20. Mai 16 Wochen lang Diskussionen zu verschiedenen Themen geben. Ich wünsche mir, das von dem Jubiläum ein Aufbruch ausgeht: Wo brauchen wir Reformation in der Kirche, in der Gesellschaft heute? Wir feiern international und ökumenisch. Es kommen die Partnerkirchen, wir diskutieren: Wo müssen wir uns heute verändern? Auch die Schattenseiten werden thematisiert, auch die anderen Reformatoren sind Thema.

Warum unterstützt der Bundestag das Jubiläum?

Gysi: Es ist ein wichtiges gesellschaftliches Ereignis, da will jeder mitmachen.

Käßmann: Es hat auch inhaltliche Gründe: Unser Land ist ohne die Reformation undenkbar: Das Bildungssytem der Volksschule für alle, die Sprache – lutherische Begriffe prägen uns bis heute – die Meinungsfreiheit, die Religionsfreiheit gehen darauf zurück.

Gysi: Ich glaube, die Frage der Reformation ist sehr aktuell – wir brauchen heute eine Reform – das ist auch der Grund, warum das Thema aktuell viele Menschen beschäftigt. Damals gab es eine Weltveränderung. Warum soll es die heute nicht wieder geben.

Ist die Kirche auch reformbedürftig?

Käßmann: Auf jeden Fall. Das wussten schon die Reformatoren, sie muss sich beständig erneuern! Heute geht es darum, zu überlegen: Wie können wir Kirche und Gottesdienste so lebendig gestalten, dass die Leute gerne kommen?

Buchhinweis: »Die Welt verändern. Was uns der Glaube heute zu sagen hat«, hrsg. von Margot Käßmann und Heinrich Bedford-Strohm; Evangelische Verlagsanstalt Leipzig. 320 Seiten, 22 Euro.

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2 Lesermeinungen zu Jesus wär’ heute ein Linker
Britta schreibt:
02. Juni 2017, 8:07

Wunschdenken! Auf solch billige Kategorisierung ließe sich Jesus ganz bestimmt nicht ein. Jesus ist ein Gerechter, der über links, rechts und "mitte" steht und sich um die kümmert, die in den kümmerlichen, z.T. verlogenen Ideologien keinen Platz haben!

Manfred schreibt:
23. August 2017, 17:28

@Britta, leider haben die einfachen Menschen auch heute keine wirkliche Heimat. Wobei der Heimatsbegriff zurzeit in jede mögliche Richtung verbogen wird. Die 2 Personen im Artikel können zwar aus einer sicheren Daseinsberechtigung alles erklären, aber dies wird sehr vielen Menschen nicht wirklich weiterhelfen. Wenn Menschen einmal an der Macht sind, vergessen sie fast alle Werte. Weder die Kommunisten, noch die Kirche hat die Gerechtigkeit vorleben können.

Tageslosung

Sein Zorn währet einen Augenblick und lebenslang seine Gnade. Den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens ist Freude.

(Psalm 30,6)

Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.

(Epheser 2,8)

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