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Vertraut den neuen Schwellen

Neu anfangen: Der Schulanfang bedeutet für Kinder und Eltern Freude und Neugier. Aber auch Abschied und Loslassen. Er verlangt Vertrauen – und Trauer. Der Glaube an den Gott der Bibel kann dabei eine Hilfe sein.
Von Stefan Seidel
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Am Sonnabend ist es wieder soweit: knapp 40 000 Kinder werden in Sachsens Grundschulen eingeschult. Rund 700 von ihnen beginnen ihre erste Klasse in evangelischen Grundschulen.

Es ist die erste große Schwelle im Leben der Kleinen. Die Zeit des reinen Kinderspiels ist vorbei – nun treten stärker als vorher Lernaufgaben und Pflichten auf den Plan. Die Zuckertüte mag den Schritt über die Schwelle versüßen – doch es gibt auch einen Preis, der zu entrichten ist. Für Kinder gilt es Abschied zu nehmen vom lei­stungsfreien Dasein. Nun müssen sie auch »liefern« – und werden bewertet.

Und auch für die Eltern verändert sich beim Schuleintritt ihres Kindes einiges. Es gilt, wieder ein Stückchen mehr loszulassen – und die nächste Lebensphase anzunehmen. Die Schwelle des Schulanfangs erinnert an das Grundgesetz des Lebens: »Ständig verlieren wir etwas, müssen wir loslassen, verzichten, uns voneinander trennen, etwas aufgeben. Immer wieder ist das Leben verändert, müssen wir Vertrautes verlassen, uns den Veränderungen stellen«, schreibt die Psychologin Verena Kast. Das Leben des Menschen sei geprägt von dauernden Abschieden und müsse »abschiedlich« gelebt werden: immer bereit, etwas Liebgewonnenes oder Gewohntes zurückzulassen und immer bereit, schöpferisch auf Veränderungen zu reagieren.

Und so sei auch der Schuleintritt eine »Wegmarke der Ablösung«. Verena Kast weist darauf hin, dass zur Bewältigung dieser dauernden Veränderungen vor allem zwei Fähigkeiten nötig sind: Trauern und Vertrauen.

Helfen kann dabei das Meditieren biblischer Geschichten. Viele handeln von Aufbruch, von Loslassen, vom Weitergehen. Da ist zum Beispiel der Auszug des Volkes Israels aus Ägypten. In einer Situation des Haderns und Sorgens sprach Gott zu Moses: »Sage den Kindern Israels, sie sollen weiterziehen.«

Für Pfarrer Thomas Schönfuß steckt in solchen Geschichten eine große Kraft. »Der Gott der Bibel ist ein Gott, der mitgeht«, sagt er. »Aus dieser Glaubensgewissheit heraus kann ich mich neuen Wegen öffnen. Ich kann darauf vertrauen, dass ich dabei nicht allein bin.«

Doch da der Mensch bisweilen dem Wort allein nicht traut, empfiehlt Schönfuß auch kleine Rituale. Zum Beispiel, sich am Morgen oder bei anderen Neuanfängen zu segnen mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes. »Ich berühre dabei Stirn, Brust und beide Schultern. Es ist eine Tauferinnerung und sagt mir: Ich gehöre zu Christus, er ist bei mir«, so der Leiter des Hauses der Stille in Grumbach. Oder man nimmt sein Kind angesichts der Schwelle zu einer neuen Situation in den Arm und spricht ein Gebet.

Und gleichzeitig sollte laut Verena Kast auch darauf geachtet werden, dass genügend Raum zum Ausdrücken der Trauer gewährt wird. Hierfür kann auf die Kraft der Tränen vertraut werden. Die Tränen erinnern an die Grundwahrheit des Lebens, wie sie der Philosoph Heraklit einmal ausgedrückt hat: »panta rhei« – »alles fließt«. Alles ist in stetem Wandel. Mit den Tränen der Trauer vertraut man sich dem Fluss des Lebens an und lässt sich von ihm über die Schwellen tragen.

Und man kann dabei auch erkennen: es zerfließt nicht alles. Da ist viel, was bleibt – eine Bindung, eine Beziehung auf neuer Ebene, eine Hoffnung. Der Lebensfluss wird am Ende nicht versickern, sondern einmünden in Gottes unendlichen Ozean – das ist die Hoffnung des Glaubens, dass es ein Ziel gibt, an dem Gott einst alle Tränen von den Augen abwischen wird.

Es ist gut, sich nicht alleine auf dem Weg dorthin zu wissen – und sich der Begleitung Gottes zu vergewissern im Segen oder im Abendmahl. So könnte sich der Schulanfangsgottesdienst sogar als hilfreicher beim Schwellenübertritt erweisen als die Zuckertüte.

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