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Die Leere nach Gott

Gott in der Gegenwart: Die Religion hat sich verflüchtigt. Wir leben in einer Zeit »nach Gott«, sagt der Philosoph Peter Sloterdijk. Doch die Religion ist für ihn nicht tot – vielmehr ein neuer Bündnispartner.
Von Stefan Seidel
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Wo Gott war, ist für viele Zeitgenossen heute nichts mehr. Gleichwohl ist die Suche nach dem Höchsten nie zu Ende gegangen. Das Bild »Die Weltheit der Welt« (2010) des Leipziger Künstlers Hans Aichinger könnte als Frage nach den geistigen Zielen des heutigen Menschen interpretiert werden. © © courtesy REITER Leipzig I Berlin

Die Sache mit Gott scheint sich für viele Zeitgenossen erledigt zu haben. Gott spielt schlicht keine Rolle mehr in ihrem Leben – und das nicht nur im zwangsatheisierten Osten Deutschlands, sondern beinahe im ganzen christlichen Abendland. So wundert es nicht, dass einer der wichtigsten zeitgenössischen Philosophen seinem aktuellen Buch den Titel »Nach Gott« gibt.

Peter Sloterdijk diagnostiziert darin eine »Götterdämmerung«: dass Gott durch den Siegeszug der aufklärenden Moderne verblasst sei. »Im Wesentlichen ist das Verblassen irreversibel, weil die moderne Zivilisation durch ihre Kunst, ihre Wissenschaft, ihre Technik und ihren Medienbetrieb so viel künstliches Licht erzeugt, dass Gottes Licht daneben fahl erscheint«, schreibt er und bescheinigt der Religion, dass sie nachhaltig erodiert ist.

Auch wenn es derzeit wieder mehr oder weniger zaghafte Lebenszeichen des Religiösen geben mag, bleibe die Welt doch eine durch die Wissenschaft entzauberte Welt. Im täglichen Leben bleiben Staat und Kirche getrennt – Religion hat sich privatisiert oder verflüchtigt.

Doch Sloterdijk dämmert es, dass möglicherweise durch die scharfe Religionskritik der Aufklärung das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde. Der Mensch hat nicht nur die gängelnde Bindung an die Religion verloren, sondern damit auch gleich noch Gott und die Seele. Denn beide gelten fortan nur noch als innerweltlich erklärbare Phänomene. Gott und die Seele wurden ebenso gründlich säkularisiert wie die Gesellschaft. Sloterdijk nennt das »nach-metaphysische Radikalverweltlichung«: es gilt nur, was wissenschaftlich wahr ist. Die Welt wird absolut gesetzt – und jede »überwelthafte Instanz« ist verabschiedet.

Die Folgen für die Religion sind dramatisch: »Eine verwirrende Hyperimmanenz tut sich auf, in der die traditionellen Reden vom Transzendenten den Anschluss an den Weltlauf verloren haben; sie klingen heute wie ferne Folkloren oder wie Tafelmusik für die Ohren von Herren und Knechten, die es nicht mehr gibt. (...) Kein weltüberlegener Gott gibt uns als jenseitiger Alliierter Abstand von der absoluten Welt – wir fallen ihrem Riesentreiben anheim.«

Der »rationalistische Skeptizismus« der Aufklärung war nicht nur segensreich, stellt Sloterdijk fest: »Unter seiner Vorherrschaft haben sich die metaphysisch unmusikalischen und religiös analphabetischen Menschen im Übermaß vermehrt, eingepfercht in die Plattenbauten der Entgeisterung, zu denen unseligerweise heute auch oft die Universitäten rechnen, bis hinein in die philosophischen Fakultäten.«

Nach Gott kommt nicht die große Erfüllung, sondern eher die große Leere – obgleich Sloterdijk nie die Errungenschaften der gewonnenen Selbstbestimmung des Menschen in Abrede stellt. Doch es entsteht die Frage, ob der Mensch heute glücklicher ist. Sloterdijk diagnostiziert in der Gegenwart eine Dauererregtheit und permanente Hysterie, in der das »Selbstsein« verstanden werde als »der unbegeisterte

Konsum der eigenen Erlebnismöglichkeiten – als Endverbrauch an Chancen und Ressourcen durch deren Eigentümer«.

Eigentlich könnte in einer solchen »entgeisterten« Situation die Stunde der Kirchen schlagen. Doch diese sieht Sloterdijk nach dem »Kälteschock der Moderne« in einem desolaten Zustand. »Inzwischen haben die Apparatkirchen selbst, die reformatorischen wie die römische, eher subkulturellen Charakter angenommen; sie sind vorwiegend zu Filteranlagen für Eigennachwuchs geworden und haben ihre Kompetenz, die Liebesprozessionen in den natürlichen Gesellschaften zu moderieren, eingebüßt; ihre Willkommenheißungen wirken auf die meisten Zeitgenossen wie Ausladungen (...).«

Man könnte als Kirche diese Analyse brüsk als Polemik zurückweisen. Man könnte aber auch den wahren Kern darin sehen. Sind Theologie und Kirche nicht zu Echokammern geworden, in denen man nur um sich selber kreist und zu viele Energien in Rechthabereien verschwendet? Vielleicht könnte das Jesuswort wiederentdeckt werden: »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.« Und die Kräfte könnten in die Bewahrung der Erde und die Förderung einer Kultur der Anerkennung Anderer fließen.

In zarten Linien skizziert Sloterdijk eine Zukunftsperspektive. Wenn wir heute »nach Gott« leben und sich die Aufklärung im 20. Jahrhundert müde gesiegt hat, besteht kein Anlass mehr für den »antireligiösen Reflex«, für Grabenkämpfe zwischen »Aufgeklärten« und »Religiösen«. Er wirbt dafür, offen zu werden für »den Sinn für das Mögliche, das Außergewöhnliche, das Wunderbare und das Absurde«. Er lädt die Religionen ein, Bündnispartner im Einsatz für die Erhaltung der Zivilisation zu werden. Das ist wirklich ein neuer Ton in der Philosophie.

Peter Sloterdijk: Nach Gott. Glaubens- und Unglaubensversuche. Suhrkamp 2017, 364 S., 28 Euro.

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