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Worte zum Leben

Erinnerung: Die Dichterin Rose Ausländer verstarb am 3. Januar vor 30 Jahren. Ihre Gedichte sind Wortkunstwerke, die das Leben anzunehmen helfen – und das Glück im Zerbrechlichen suchen.
Von Stefan Seidel
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Dichterin des Dennoch: Rose Ausländer (1901 1988), Porträt aus Jugendjahren. © Foto: Rose Ausländer-Gesellschaft e.V.

Dass Rose Ausländer (1901 bis 1988) die NS-Juden­verfolgung überlebte, grenzt an ein Wunder. Dass sie trotz dieses Traumas derart lebensbestärkende Gedichte schrieb, fast noch mehr. Am 3. Januar vor 30 Jahren ist Rose Ausländer in Düsseldorf gestorben – und hat ein bis heute vielgelesenes Lyrik-Werk hinterlassen. In dem Hörbuch »Wirf deine Angst in die Luft« kann man diesem noch einmal auf besondere Weise nachspüren.

Ihre schmalen, funkelnden Gedichte sind von zeitloser Gültigkeit. In ihrer konzentrierten Klarheit und Leichtigkeit und Lebensbejahung vermögen sie Hoffnung und Mut zu stiften für das Wagnis des eigenen Lebens. Sie selbst konnte sich dabei nicht erklären, warum sie trotz der »eingebrannten Jahre« der Shoa derart lebensgläubige Lyrik verfassen konnte – sie nahm es als Wunder. »Ich verliere mich im Dschungel der Wörter – finde mich wieder im Wunder des Wortes«, schrieb sie einmal.

1901 als Kind jüdischer Eltern im österreichisch-ungarischen Cernowitz geboren, wanderte sie 1921 in die USA aus, kehrte allerdings 1939 zurück nach Czernowitz, um die kranke Mutter zu pflegen. Als die Nationalsozialisten 1941 die Stadt besetzten, wurde sie in das Ghetto gesperrt. Dem Tod entkam sie in einem Kellerversteck. Nach der Befreiung übersiedelte sie nach New York und 1965 nach Düsseldorf. Hier wuchs ihr dichterisches Werk zum Lebenswerk heran. Die bekanntesten Gedichtbände heißen »Blinder Sommer« (1965), »Mutterland« (1978) und »Mein Atem heißt jetzt« (1981).

Es waren die Worte, die Rose Ausländer überleben ließen. Und es waren Worte, die sie weitergeben wollte. »Ich Überlebende / des Grauens / schreibe aus Worten / Leben«, heißt es in ihrem Gedicht »Mutterlicht«. Diese Bewegung des Schöpferischen riss sie zurück ins Leben – und ließ sie an einen Sinn glauben. Dabei waren ihre Worte erdverbunden. Sie wollte vom Wahrnehmen des Elementaren Trost ablesen. Sie erkannte die einfach-schwere Wahrheit, dass das Geheimnis des Lebens im Augenblick liegt: »Die Vergangenheit / hat mich gedichtet / ich habe / die Zukunft geerbt / Mein Atem heißt / jetzt«.

Obwohl sie mit religiösen Bekenntnissen zurückhaltend umging, kann man doch in der von ihr vollzogenen heilenden Bewegung der Worte eine Ahnung vom großen Ganzen bekommen. »Und Gott gab uns das Wort und wir wohnen im Wort // Und das Wort ist unser Traum und der Traum ist unser Leben«, heißt es im Gedicht »Das Wort«.

Ihr letztes Lebensjahrzehnt verbrachte sie in einem Zimmer im Altenheim – und schuf hier noch einen bedeutenden Teil ihres Werkes. Der gibt noch einmal Zeugnis vom Glauben an die verwandelnde Kraft in jedem Einzelnen. Vielleicht drückt sich in der schöpferischen Fähigkeit der Schöpfer im Geschöpf aus. Und er gab den Menschen Worte, damit sie nicht zerbrechen.

Rose Ausländer: Wirf deine Angst in die Luft. Griot Hörbuch 2017, 16,95 Euro.

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