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Sünde? Versteh’ ich nicht

Verloren: Jesus trägt die Sünde der Welt – darum geht es in der Passionszeit. Doch immer weniger Menschen können sich darunter noch etwas vorstellen.
Andreas Roth
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© wikimedia.org; (so)

Verstehen Sie den Begriff Sünde noch? Das fragte der SONNTAG seine Leser im Internet. Und 76 Prozent der Antwortenden meinen: Ja, er ist wichtig für meinen Glauben. Nur 15 Prozent halten ihn für zu negativ und veraltet. »Außerdem ist er missverständlich und muss Außenstehenden immer erst erklärt werden«, begründet etwa Leserin Christine Krien ihr Nein.

Repräsentativ ist diese Umfrage allerdings nicht. Denn insgesamt sind es nur noch zehn Prozent, die noch persönlich an so etwas wie Sünde glauben, hat das Meinungsforschungsportal Statista bei einer Umfrage unter 1020  Deutschen im letzten Jahr herausgefunden. Die Mitgliederumfrage der EKD oder der Religionsmonitor der Bertelsmannstiftung dagegen haben gar nicht erst nach der Sünde gefragt, erklärt der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel und ergänzt: »Ich vermute, dass der Gedanke der Sünde für die meisten Gläubigen immer mehr aus dem Blick rückt.«

In Medien und in der Alltagssprache ist das Wort längst banal geworden: als Park- oder Steuersünde etwa. Oder gar als etwas Verlockendes. »Nur eine kleinere Zahl eher frommer Menschen dürfte noch ein strengeres Distanzverhältnis zur Sünde haben«, so Pickel.

Das bestätigt auch eine repräsentative Umfrage aus Österreich. Bloß acht Prozent der Befragten verbinden mit Sünde, »nicht an Gott zu glauben«. Dieser Wert liegt auf einer Ebene mit dem zu schnellen Fahren des »Temposünders« oder zu ausgiebigem Essen und Trinken. Was für die meisten Österreicher aber tatsächlich als Sünde verstanden wird: Stehlen (63 Prozent), falsche Beschuldigungen (59 Prozent) oder den Partner mit jemand anderem betrügen (54 Prozent). »Mit der Religiosität ist auch der Begriff der Sünde auf dem Rückzug«, interpretiert der Chef des Linzer Market-Instituts, Professor Werner Beutelmeyer, diese Ergebnisse seiner Umfrage.

Aber haben die Menschen damit auch vergessen, was Sünde meint? Dieser Schluss wäre voreilig. Eine Befragung von 8200 Berufsschülern in ganz Deutschland kommt nämlich zu einem anderen Ergebnis. Zwei Drittel von ihnen verbinden mit Sünde den »Missbrauch von Vertrauen«. »Sünde ist für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen allererst eine Beziehungstat im sozialen Nahbereich«, schreibt der Braunschweiger Soziologie-Professor Andreas Feige in seiner Studie. Genau darum ging es übrigens auch in der biblischen Geschichte vom Sündenfall im Paradies: um gebrochenes Vertrauen und um gebrochene Beziehungen. Und so verbinden die meisten Jugendlichen in dieser großen Umfrage mit Sünde das Fremdgehen in einer Partnerschaft, Gewalt, Lüge und Diebstahl. Traditionell Anrüchiges wie sexuelle Beziehungen vor der Ehe oder Homosexualität dagegen ist für sie am wenigsten Sünde. Denn sie gehen von Einvernehmen und Liebe aus – also von heilen Beziehungen, dem Gegenteil ihrer Vorstellung von Sünde. Gott kommt in den Antworten der jungen Erwachsenen freilich nicht vor. Also haben auch sie nur einen trivialen Sündenbegriff, weit entfernt von biblischer Tiefe? In der Bibel jedenfalls ist Gott mitten in den Beziehungen zwischen Menschen. Und Sünde ist das Zerreißen der Beziehungen – also Misstrauen, Verrat, Lüge und Gewalt, so wie in den Antworten der Umfragen. Das war bei Adam und Eva so, bei Kain und Abel, bei Jesus am Kreuz. Gott ist mittendrin und leidet mit. So wie viele Menschen heute, auch wenn ihnen der Begriff »Sünde« längst fremd geworden ist.

Die Kirche kann traurig darüber sein, dass immer mehr Menschen ihre Worte nicht verstehen. Sie kann aber auch nach dem lebendigen Kern in ihnen suchen. Sie wird bei vielen Menschen auf eine Sehnsucht nach heilen Beziehungen treffen, das zeigen die Umfragen. Das Thema der Sünde hat sich nicht erledigt.

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5 Lesermeinungen zu Sünde? Versteh’ ich nicht
Marcel Schneider schreibt:
14. Februar 2018, 19:30

Unter Sünde verstehe ich persönlich die Trennung von Gott, und diese kommt natürlich durch eine gestörte Beziehung. Deshalb denke ich, dass Herr Roth in dem Artikel das Thema Sünde vollkommen richtig dargestellt hat.
Eine Beziehung muss gepflegt werden, vor allem die Beziehung zu Gott.
Ja, es macht mich traurig, dass wir Sonntag vormittag zu den wenigen Personen, die zum Gottesdienst gehen. Die Leute schlendern in aller Ruhe zum Bäcker, ins Cafe oder gehen zum Sport, während wir, gut angezogen, weil Sonntag ist, zum Gottesdienst gehen. Nicht jede Woche, aber schon an 3 Sonntagen im Monat.
Nun ist es natürlich nicht so, dass es bessere und schlechtere Christen gibt. Es ist nicht der ein schlechterer Christ, der nur einmal pro Jahr in die Kirche geht.
Aber wenn die Beziehung zu Gott durch Gesang, Gebet und Abendmahl nicht gepflegt wird, geht sie in die Brüche.
Der moderne Mensch von heute sagt sich: "ich möchte in die Kirche gehen, wenn ICH es möchte. ICH möchte selber bestimmen, welches Event ich mir aussuche. Meine Hobbys sollen nicht drunter leiden. Ich möchte nicht zu sehr eingeschränkt werden. Es soll alles unverbindlich bleiben. Und der Gottesdienst soll mir bitte schön was "bringen". Ich bin der Herr über mein Leben und nicht ein unsichtbarer Gott".
Und diese Haltung führt dann eben dazu, dass z.B. Konfirmanden nur in den Gottesdienst gehen, um sich hinterher schnell eine Unterschrift vom Pfarrer zu holen und während des Gottesdienstes durch Handyspielen und Lachen nur stören. Sie sitzen nur Zeit ab.
Oder dass bei meiner letzten Andacht auf Arbeit von 20 Teilnehmern nur 3 oder 4 das Vaterunser sprechen wollten oder/und konnten. In einer zutiefst christlichen Einrichtung!!
Oder dass viele Leute aus dem Evangelischen Gesangbuch komplett unbekannt sind, weil es aus der Zeit gefallen wirkt, wenn man noch zum Gottesdienst geht.
Am 9.4. sind in unserer Einrichtung Wahlen zur MAV. Von 40 Mitarbeitern sind nur 11 oder 12 wählbar, weil in der Kirche. Wir wissen überhaupt nicht, wen wir wählen sollen, weil etliche der Wählbaren gesagt haben: "Ich will gar nicht in die MAV".
Wie in dem Artikel von Herrn Roth steht: diese Zustände machen mich traurig. Aber wie er feststellt: die Leute haben dennoch eine tiefe Sehnsucht nach Spiritualität, nach Annahme und Geborgenheit, sie sind Suchende. Eine Chance für die Kirche!

Marcel Schneider schreibt:
20. Februar 2018, 19:24

Ich glaube, bei Sünde ist auch das Problem, dass der Begriff so inflationär gebraucht wurde und dadurch seinen "Schrecken" verloren hat. "Verkehrssünder", "kann denn Liebe Sünde sein?", "Ein Stück Torte ist doch keine Sünde" usw...
Er hat leider mit der Lebenswirklichkeit vieler Menschen nichts mehr zu tun.
Bei uns im Haus wohnt z.B. ein Mann, der in Scheidung lebt. Er wohnt hier mit einer neuen Frau zusammen, diese hat auch ihre Kinder aus 1. Ehe mitgebracht. Und nun ist sie von ihm schwanger. Also noch in Scheidung lebend, bekommen beide ein Kind.
Mein Bauchgefühl sagt mir: ja, das ist Sünde. Aber damit kann ich dem Mann nicht kommen. Da gehen bei ihm die Rolläden innerlich runter. Der autonome und selbstbestimmte Mensch von heute hechelt nach Events, nach Selbsterfahrung, nach Kicks. Bei unserem letzten Sonntagsgottesdienst waren 31 Besucher. Zu einem Spiel von Dynamo Dresden kommen locker 16.000.
Das lässt mich ratlos zurück, und ja, auch ein bisschen traurig.

Beobachter schreibt:
20. Februar 2018, 22:17

Frage: Predigen Sie dort? Dann wundert mich gar nichts!

Marcel Schneider schreibt:
21. Februar 2018, 10:18

Werter Herr Beobachter, ich lade Sie zu einem persönlichen Treffen ein. Gerne komme ich dazu auch zu Ihnen. Haben Sie den Mut?
Nicht dass noch einer denkt, dass Sie ein kleiner Internet-Troll sind, der seine hässlichen Meinungen feige ins Internet postet und die Anonymität ausnutzt...das wollen Sie doch nicht, oder?
Ich bin gespannt!

Gert Flessing schreibt:
20. Februar 2018, 23:30

Lieber Herr Schneider,
Beziehungen scheitern. Das ist menschlich tragisch, aber keine Sünde.
Menschen gehen neue Beziehungen ein. Ob sie der Verantwortung, die Teil der Liebe ist, besser gerecht werden?
Mein Bauchgefühl ist nichts, was ich verwenden kann, wenn es um das Leben geht.
Sicher, zu einem Spiel von Dynamo kommen mehr Menschen, als zum Gottesdienst. Aber wen wundert das? Als die Kirche einst Macht errungen hat, ließ sie die "Zirkusspiele" verbieten. Die wussten, was sie taten.
Möchten Sie das gern wieder haben?
Gert Flessing

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