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Hat die DDR-Kirche versagt?

Nicht vergangen: Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) bittet um Vergebung für ihre Schuld in der DDR – in Sachsen wird das anders gesehen. Zu Recht?
Notiert von Andreas Roth
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Auf das Wort »Buße« hat die Kirche ein Monopol. Doch wendet sie es einmal an, sorgt es vor allem für eines: Erstaunen. So geschehen zur Herbstsynode der EKM am Buß- und Bettag 2017 in Erfurt. »Wir beklagen, dem SED-Staat nicht klarer und kompromissloser entgegengetreten zu sein«, erklärt der Landeskirchenrat der EKM in einem öffentlichen Bußwort (siehe Seite 3).

Ein verhaltenes Echo darauf gab es in der sächsischen Nachbarlandeskirche. »Ich habe mich darüber gewundert. Ich wüsste nicht, dass es Anlass gibt für ein Bußwort«, sagt der frühere sächsische Landesbischof Volker Kreß mit Blick auf seine Kirche in der DDR-Zeit. »Ich konnte es nicht glauben«, meint dagegen der frühere Leipziger Bürgerrechtler Rainer Müller. »Aber besser jetzt als nie.«

Unmittelbar nach 1989 hatte die sächsische Landeskirche eine Arbeitsgruppe mit der Untersuchung ihrer Rolle in der DDR beauftragt. »Sie ist nach ehrlichem Ringen zu dem Ergebnis gekommen, dass sich die sächsische Landeskirche ziemlich wacker geschlagen hat«, bilanziert Volker Kreß, der damals als Oberlandeskirchenrat in der Kommission mitarbeitete. Auch Kirchenhistoriker wie der Dresdner Professor Gerhard Lindemann sehen die Verdienste der evangelischen Kirche in der DDR: Sie habe mitten in der Diktatur einen Raum für Demokratie, freie Debatten und oppositionelle Gruppen bewahrt, in denen Wurzeln der Friedlichen Revolution wuchsen.

»Und dennoch ist ein Bußwort auch für die sächsische Landeskirche notwendig«, meint der Kirchenhistoriker. Denn: »Es gab Disziplinierungen und Drohungen gegenüber politisch unbequemen Pfarrern und kirchlichen Mitarbeitern und wiederholte Behinderungen der Arbeit von Bürgerrechtsgruppen durch kirchliche Leitungsorgane und Amtsträger.« Ein Beispiel dafür seien die Leipziger Friedensgebete in der Nikolaikirche.

Rainer Müller war dabei, als den Basisgruppen um Pfarrer Christoph Wonneberger im August 1988 vom Superintendenten die eigenständige Gestaltung der Friedensgebete untersagt wurde. Der damalige Theologiestudent kannte so etwas schon aus seiner Heimatgemeinde in Borna. Als er dort mit anderen jungen Christen eine Umweltgruppe gründen wollte, habe sie der örtliche Pfarrer sofort eingeschränkt. »Ich empfand es immer als Frechheit, wenn die Kirchenoberen meinten, wir würden nur das Schutzdach der Kirche suchen«, sagt Müller. »Für uns war das gelebtes Christentum.«

Das mit dem Schutzdach verstanden einige kirchliche Amtsträger wie Volker Kreß, damals Superintendent in Bautzen, durchaus auch als ihren Beitrag. »Die Kirche hat ein Schild gehalten und die Pfeile abgefangen für die vorpreschenden jungen Leute und sie so gut wie sie es konnte geschützt.« Mehr als einmal habe er sich etwa bei staatlichen Stellen für Schüler eingesetzt, die durch den »Schwerter zu Pflugscharen«-Aufnäher unter Druck geraten waren.

Rainer Müller und andere Opposi­tionelle, die am Theologischen Seminar Leipzig studierten, fühlten sich indes von ihrer Landeskirche unter Druck gesetzt. Ein Oberlandeskirchenrat habe ihm im August 1989 mitgeteilt: »Ich verspreche Ihnen, dass ich mich dafür einsetze, dass Sie nicht wieder Theologie studieren werden«, erinnert sich Müller, der heute als freiberuflicher Historiker arbeitet. Begründung: seine »staatsfeindliche Einstellung« und »unverantwortliche Haltung zur Atomenergie«. Kurz vorher hatte er den Plan eines Kernkraftwerks in der Dahlener Heide öffentlich gemacht. Der SED-Staat und seine Stasi wussten die innerkirchliche Differenzen zu fördern.

»Ein Wort der Buße der Landeskirche wäre befreiend für alle Beteiligten«, sagt Müller. »Um diese Last und Schuld einmal loszukriegen. Und auch, um zu sehen, welche Menschen heute unter die Räuber gefallen sind – und was wir als Kirche für sie tun müssen.«

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64 Lesermeinungen zu Hat die DDR-Kirche versagt?
Gert Flessing schreibt:
01. März 2018, 21:26

Ich habe Herrn Kasner zwar nicht sonderlich gemocht. Er war Leiter des Predigerseminars in Templin und kein so sonderlich angenehmer Mensch.
Aber ihn zu einer solchen sinisteren Persönlichkeit hochstilisieren? Ich fürchte, das wäre zu viel der Ehre.
Schönherr hieß bei uns damals nur "der Sektglashalter".
Der "Weißenseer Kreis" hatte innerhalb unserer brandenburgischen Landeskirche keinerlei Bedeutung.
Selbst in der DDR CDU, der ich damals angehörte, gab es keine Zusammenarbeit mit diesem Kreis.
Es gab zwar, bei einigen Leuten, die Bemühung, sich von der Westkirche zu lösen. Aber da die meisten Gemeinden durchaus auf die Hilfe der Partnergemeinden angewiesen waren, z.B. wenn sie bauen wollten, hielt doch die Masse an der Gemeinschaft fest.
Vielleicht stärker, als es von der Westseite oft der Fall war.
Gert Flessing

L. Schuster schreibt:
02. März 2018, 19:52

Lieber Beobachter,
mein Vater sah diesen "Abspaltungsversuch" auch gleich sehr kritisch, ich bin also informiert aber wenn man es richtig nimmt geschadet hat es doch für mich der Kirche oder Christentum nicht.
Grade im Norden von uns, wie in Mecklenburg war es doch vielleicht die einzige Möglichkeit dort überhaupt noch von Gott normal zu reden. Ich kenne den Norden und auch Berlin.
So ist z. B. die heutige offizielle katholische Kirche in China abgespalten von Rom, nur tut dieses ja nicht in Sachen. Nichts in der Sache Roms, Gottes. "Kirche im Sozialismus" heißt auch in China nicht, dass man so tatsächlich Diktatur akzeptiert.

Beobachter schreibt:
03. März 2018, 9:00

Lieber Herr Schuster, ich bin im "Norden" aufgewachsen und habe aktiv i nder Kinder und Jugendarbeit (im Jungmännerwerk republikweit!) und in Kirchgremien mitgearbeitet! Wir wurden schon damals immer vor Kasner und Co. gewarnt und versuchten, gegen dessen und die des Herrn Schönherr Machenschaften anzuarbeiten! Wir hieleten unsere Patenschaften aufrecht! Ich möchte nicht wissen, auf wieviel"Listen" wir deshalb standen!

L. Schuster schreibt:
03. März 2018, 12:35

Lieber Beobachter,
ich habe Schönherr oder Leute wie Kasner und Co. nie richtig für voll genommen, noch interessiert es mich. Für mich war lediglich wichtig es gibt Gott, eine höhere Instanz und ohne ihm hätte ich damals wie heuten das Leben trotz Schicksalsschläge oder Belastungen selten Trübsal blasen müssen. Gott, Jesus Christus ist Liebe, Halt, Kraft, Hoffnung darum geht es doch.

B schreibt:
03. März 2018, 19:07

Da haben Sie vollkommen recht!
Und außerdem gab es viele bessere Hirten, die geschickt deren "Vorgaben" umgangen oder dagegenanarbeiteten!

Gert Flessing schreibt:
01. März 2018, 9:54

Lieber Herr Schneider,
warum sollte die Kirche eine Schuld eingestehen, die es, so, nicht gibt? Superintendenten haben auf "vorpreschende" junge Pfarrer beruhigend eingewirkt? Meinen sie das, mit gemaßregelt?
Es ist die Aufgabe eines Superintendenten, mit Pfarrern, die besondere Aktivitäten anstreben, zu reden.
Es ist die Aufgabe der Kirchenleitung, die Gemeinschaft zu wahren und zu schützen.
Es ging sehr wohl darum, auch manche Pfarrer davor zu schützen, zur Abteilung Inneres zitiert zu werden, oder "Besuch" zu bekommen.
Was wir als Kirche gewiss nicht brauchten, um die Arbeit in den Gemeinden zu machen, waren Heißsporne, die sich selbst ein Märtyrergen zugelegt hatten.
Mein Vater war Genosse und das, was man so "Wirtschaftsfunktionär" nannte. Meine Mutter war im KV unseres kleinen Ortes.
Ich bin also mit einem guten Blick auf beide Seiten des "real existierenden Sozialismus" aufgewachsen. Mein eigener Glaube stand dabei nie in Frage. Aber er war von einem gewissen Sinn für Realität geprägt.
Wir waren Kirche "im Sozialismus" und wenn uns auch so manche Vertreter der Partei, die immer Recht hatte, als einen Fremdkörper wahr genommen hatten, so wurde Kirche und Pfarrerschaft sehr stark respektiert.
Übrigens weit mehr, als heute, wo viele doch sehr angepasst reden.
Auch ich bin für die Freiheit heute dankbar. Aber so wenig, wie mich die Unfreiheit damals verführen konnte, das Evangelium zu relativieren, so wenig vermag das die Freiheit heute zu tun.
Auch heute sollten wir versuchen, in der Kirche, den inneren Frieden zu wahren.
Vorwürfe, das dieser oder jene in der DDR nicht "kämpferisch" genug gewesen sei und die suche nach einer "Schuld", halte ich für übertrieben.
Gert Flessing

L. Schuster schreibt:
01. März 2018, 14:18

Sehr richtig, Herr Flessing!
Die Kirche darf sich auch nicht eine Schuld eingestehen, die es doch überhaupt nicht gab. Schuld die ihr hier unterstellt wird ist nicht nur lächerlich, es ist Betrug. Gezielte Unwahrheit, Sünde - doch das interessiert wahrscheinlich diesen Leuten nicht. Wo es ihnen wahrscheinlich generell kaum noch interessiert "Du solllst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten". Gegen diesem wichtigen Gebot zu verstoßen, hat in der BRD nicht nur in Politik und Medien, sondern auch bei völlig normalen Leuten oft Hochkonjunktur, meist einzig um sich ein Karrierevorteil zu verschaffen und dieses Spiel sollte ein Christ nicht mitmachen.

Marcel Schneider schreibt:
02. März 2018, 9:55

Ich möchte in dem Konflikt etwas vermitteln.
Herr Prof. Lindemann, der in dem Artikel von Herrn Roth zitiert wird mit "Und dennoch ist ein Bußwort auch für die sächsische Landeskirche notwendig" ist ein westdeutscher Historiker, weder in der DDR aufgewachsen noch ostdeutsch sozialisiert. Er schaut quasi durch die Brille des Westhistorikers auf die DDR-Kirchengeschichte. Dabei entsteht folgende Gemengelage: viele hier im Forum haben die DDR-Zeit aktiv erlebt. Sie verbinden damit Emotionen und persönliche Erlebnisse. Die natürlich der Herr Prof. Lindemann nicht hat. Er kennt "nur" Fakten, Akten und hat Zeitzeugengespräche geführt. Aber er kennt nicht die Emotionen und die persönlichen Erlebnisse.
Für manche ist das nun so, als müsste erst ein kluger Professor aus dem Westen kommen und den Ostdeutschen Christen sagen, wie sie ihre Geschichte zu deuten haben. Sie fühlen sich gemaßregelt und bevormundet. Und: ein Schuldeingeständnis, ein Bußwort ist ja etwas Beschämendes. Wer gesteht schon gerne einen Fehler ein und macht sich damit klein?
Mein Vorschlag: schreiben Sie doch Herrn Prof. Lindemann: gerhard.lindemann@tu-dresden.de
Ich weiß, dass er schnell und umfassend auf Mails antwortet und immer an Austausch interessiert ist. Er ist ein ganz lieber Zeitgenosse! Beide Seiten werden bestimmt dazulernen!

Beobachter schreibt:
02. März 2018, 14:37

Frage; Wer hat denn hier einen Konflikt mit dernn Lindemann? Der Mann hat doch nur angelesene Fakten weitergegeben (und wahrscheinlich auch noch Geld damit verdient! Das sei ihm doch gegönnt. Er hat wenigstens beide Seiten erähnt, während einige Leute nur immer eine Seite sehen (wollen)!
Zumal sich Leute, die zum Ende DDR noch nicht mal 10 Jahre alt waren, sich da doch sehr zurückhalten sollten, bervor sie uns eins vom Pferd erzählen wollen!

Manfred schreibt:
03. März 2018, 9:01

Sehr geehrter Herr Schneider, in ihrem Beitrag haben Sie etwas geschrieben, über das Sie einmal ernsthaft nachdenken sollten!
***Wer gesteht schon gerne einen Fehler ein und macht sich damit klein?***
Ich habe in meinem Leben IMMER Fehler zugegeben, wenn ich welche gemacht hatte! Ich habe mich NIE klein gefühlt, sondern befreit und etwas klüger.
In unserer Familie gibt es keine Lügen.
Vielleicht sind wir auch nicht klug genug, uns zu merken, wem hat man welche Version der Lüge erzählt!
Die Diskussion wer hat zur DDR-Zeit nicht genug getan, bringt nichts und ist auch nicht ehrlich.
Heute schauen doch schon wieder sehr viele Menschen in ganz Deutschland von den armen Menschen weg.
Wir werden schon wieder "umerzogen", damit die Wirtschaft und der Profit läuft.
Die Entwicklungsländern werden weiter ausgebeutet und um die flüchtenden Menschen soll sich gefälligst das Volk kümmern.
In der EU soll ein Einheitsmensch entstehen, ohne Rücksicht, auf diese Menschen.
Allerdings wird der Wiederstand immer größer, so dass die Hoffnung besteht, dass die Menschheit zurück zur Vernunft finden wird.
Wir können auch als Nationalstaaten sehr gut miteinander leben.

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