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Geld als Gott von heute?

Kapital: Alles tanzt heute ums goldene Kalb. Ein entfesselter Finanzkapitalismus treibt die Welt mit dem Schuldprinzip an den Abgrund. Höchste Zeit für neue Kritik am Mammon.
Von Stefan Seidel
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Die Anbetung des Geldes geschieht heute vor allem durch die starke Abhängigkeit von einem spekulativen Finanzkapitalismus. © Foto: IndianSummer/Fotolia

Die Allmacht des Geldes scheint heute an die Stelle der früher geglaubten Allmacht Gottes getreten zu sein. Die Rede vom »Totalen Markt« lege nahe, dass die wahre Macht heute in Händen Mammons liegt. Die meisten Zeitgenossen gehen lieber in Kauftempel als in die Kirche. Werbeparolen wie »Geiz ist geil« oder »Kauf dich glücklich!« scheinen die neuen Lebensmaximen zu sein. Mahatma Ghandis scheint Recht zu behalten: »Europa ist heute nur noch dem Namen nach christlich. In Wirklichkeit betet es den Mammon an.«

Doch wie total unser Tanz ums goldene Kalb wirklich ist, zeigt der Blick auf den Finanzkapitalismus. 90 Prozent der heutigen Geldströme haben sich abgekoppelt von der Realwirtschaft und dienen reinen Spekulationsgeschäften. Diesen völlig entfesselten Kasinokapitalismus hat der Theologe Eugen Drewermann nun ausführlich analysiert und kritisiert. Damit zeigt er, wo die wahren Hebel zur Behebung der heutigen Menschheitskrise liegen: nicht in mehr Abschottung oder einem künstlichen Kulturkampf. Sondern in einer politischen Zähmung des Finanzkapitlismus und einem fairen und nachhaltigen Wirtschaften.

Kapitalismus sei wesentlich eine Schuldenwirtschaft, schreibt Drewermann und erinnert an den Ursprung des Geldes im Opferkult der frühmenschheitlichen Tempel. Mittels der Opfertiere oder später des Opfergeldes wurde dort eine Schuld gegenüber den Göttern beglichen. Diese Verbindung von Geld und Opfer sei heute noch wirksam: »Es ist der alte ›Gott‹ in profanierter Gestalt, der uns im Finanzkapitalismus begegnet, und er fordert mehr Opfer denn je.«

Die eigentliche Sünde sei dabei das Zinsprinzip »im Herzen des Kapitalismus«, das »den Takt zu einem unerbittlichen Totentanz« schlage. Es bedeute die Allmacht des Schuldprinzips, einen entfesselten Wachstumszwang und letztlich die Spaltung der Menschheit in wenige Steinreiche und viele Bettelarme. Im Stile der biblischen Propheten und gleichzeitig als hochgebildeter Wirtschaftsexperte kritisiert Drewermann diese wuchernde und lebensfeindliche Wirtschaft. In Erinnerung an Entschuldungsmodelle der Bibel plädiert er für Schuldenschnitte und vor allem für eine Regulierung der Spekulationen und Preisentwicklungs-Wetten auf dem Finanzmarkt durch die Banken und Hedge-Fonds. Besonders skandalös seien dabei die Nahrungsspekulationen, also »Wetten auf Hunger«. Dabei wird beispielsweise nach Missernten in bestimmten Ländern auf einen Preisanstieg des Getreides gewettet, was die Preisentwicklung befeuert. Das sei »ein Geschäft mit dem Tod von Millionen Menschen«.

Nicht um Bankenrettung, sondern um Menschenrettung müsse es also heute gehen. Das heißt: eine Abschaffung des Kapitalismus. »Ihn zu beseitigen ist unerlässlich zur Beseitigung von Unrecht, Elend und Krieg.«

An Alternativen mangelt es nicht. Sie liegen in der Ersetzung des fiktiven Schuldgeldes durch zinsfreies Vollgeld sowie in der Stärkung lokaler und gemeinwesenorientierter Wirtschaftsstrukturen. Es könnte sein, dass die wahre Religionskritik dieser Tage in der Kritik der Banken und des Finanzkapitalismus liegt. Und dass auch die Kirche suchen sollte nach Wegen jenseits der Schuld(en).

Eugen Drewermann: Finanzkapitalismus. Kapital und Christentum Band 2. Patmos Verlag 2017, 344 Seiten, 36 Euro. 

 

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3 Lesermeinungen zu Geld als Gott von heute?
Elisabeth Heyn schreibt:
06. Mai 2018, 21:17
Johannes schreibt:
09. Mai 2018, 11:31

Das habe ich jetzt nicht verstanden, wieso Sie zum obigen Artikel den obigen Artikel verlinken?

Er hat Jehova gesagt schreibt:
19. Mai 2018, 11:53

Ich gebe zu, ich bin nicht ihre Zielgruppe. Aber zufällig ist mir dieser Artikel untergekommen und ich muß ehrlich sagen: Hut ab! Ich habe schon lange nicht mehr einen solchen Schmarrn gelesen.

> Die Allmacht des Geldes scheint heute an die Stelle der früher geglaubten Allmacht Gottes getreten zu sein.

Ja, da bin ich als Atheist oder gar Agnostiker jetzt aber auch nicht so böse drüber. Gottesstaaten und andere Leute, die im Namen ihrer Sekte meinen, die Welt bekehren zu müssen, weil sie ja die einzig wahre Wahrheit kennen, die brauche ich nicht. Sie etwa? Prima, daß wir uns soweit einig sind.

> Die meisten Zeitgenossen gehen lieber in Kauftempel als in die Kirche.

Ja. Im Unterschied zur Kirche bekomme ich in einem Kauftempel, wie Sie das nennen, mein täglich Brot und was man sonst noch so braucht. Hat ihre Kirche einen Weinkeller oder eine Feinkpostabteilung? Falls ja: Schätzen Sie sich glücklich! Unser hier haben das nicht. Essen muß ich aber und - wie gesagt - mit dem Glauben habe ich es nicht so. Ich bin mehr für's Wissen. Und ich weiß zum Beispiel, daß ich etwas essen und trinken muß, und auch etwas Bekleidung wäre nett. Man kann ja im Haus Gottes heutzutage nicht mal Jesuslatschen bekommen ... pun intended.

> »Europa ist heute nur noch dem Namen nach christlich. In Wirklichkeit betet es den Mammon an.«
> [...]

Vor allem herrscht in Europa die Aufklärung und die Trennung von Kirche und Staat. Zumindest theoretisch. Ihre Leute sind ja offenbar dabei, das wieder rückgängig machen zu wollen. Nochmal z8um mitmeißeln: Das Motto der Aufklärung ist "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!". Das schließt Glauben leider aus. Europa hat vielleicht christliche Wurzeln, aber wir wollen doch bitte mal die Kirche im Dorf lassen, um im Bild zu bleiben.

> Diesen völlig entfesselten Kasinokapitalismus

Hier sind wir uns einig. Das ist nicht gesund. Nur ob ich ihre Analysen und Schlußfolgerungen bzw. die von Hern Drewermann teilen möchte, das denke ich eher nicht. Man kann auch aus richtigen Prämissen falsche Schlüsse ziehen, zumindest das haben Sie schon mal bewiesen. Aber ist ja ne Kirchenzeitung und Drewermann ist Theologe, also muß em Ende irgendwas mit Kirche rauskommen. Schon klar. Wissen Sie was "Information Bias" ist? Oder eine Filterblase? Schon mal gehört?

> Sondern in einer politischen Zähmung des Finanzkapitlismus und einem fairen und nachhaltigen Wirtschaften. Kapitalismus sei wesentlich eine Schuldenwirtschaft [...]

Ja, gehe konform. Bis hier ist alles ok.

> [...] und erinnert an den Ursprung des Geldes im Opferkult der frühmenschheitlichen Tempel.
> Mittels der Opfertiere oder später des Opfergeldes wurde dort eine Schuld gegenüber den Göttern beglichen.

Einspruch. Wie gedenken Sie, ihre kühnen Thesen über die Entstehung des Geldes zu bewiesen? Ich habe da Anderes gehört, aber zumindest von uns beiden war wohl keiner dabei. Und auch der Herr D. warscheinlich nicht. Also bitte. Bevor ich in den Tempel latsche, muß ich doch erst mal frühstücken. Und mein Brötchen mit Auerochse tausche ich Schmied mir beim Metzger ein, indem ich ihm ein neues Messer bringe. Oder einfach dafür bezahle. DANN gehe ich in den Tempel. Wer hatte es also erfunden? Klar, der Tempel, weil draußen sind ja alle so doof, daß sie auf die Idee mit dem universellen Tauschmittel Geld nicht alleine kommen. Danke, lieber Tempel! - Das merkste jetzt selbst, oder?

> Mittels der Opfertiere oder später des Opfergeldes wurde dort eine Schuld gegenüber den Göttern beglichen.
> Diese Verbindung von Geld und Opfer sei heute noch wirksam: »Es ist der alte ›Gott‹ in profanierter Gestalt, der uns im Finanzkapitalismus begegnet, und er fordert mehr Opfer denn je.«

Ja, Geld stinkt, Geld verdirbt die Seele und den Charakter. Geld ist böse. Deswegen hat man das ja damals auch im Tempel geopofert. Weil, wer will das eklige Zeug schon haben? Bloß weg damit! Aber Hilfe ist nah! Ich bin gekommen, ich nehme deine Sorgen von Dir! Ja ich!! Überweise mir einfach dein ganzes Geld, und du bist aller Sorgen ledig. Preiset denn Herrn! Hallelujah! Ja, Du darfst mich Messias nennen ... und ja, ich spreche gewiß auch ein Gebet für dich, glaube nur daran!

> Die eigentliche Sünde sei dabei das Zinsprinzip »im Herzen des Kapitalismus«, das »den Takt zu einem unerbittlichen Totentanz« schlage.
> [...] plädiert er für Schuldenschnitte und vor allem für eine Regulierung der Spekulationen und Preisentwicklungs-Wetten
> [...] Nahrungsspekulationen, also »Wetten auf Hunger«. Dabei wird beispielsweise nach Missernten in bestimmten Ländern
> [...] auf einen Preisanstieg des Getreides gewettet, was die Preisentwicklung befeuert. Das sei »ein Geschäft mit dem Tod von Millionen Menschen«.

Schön, wir sind wieder mal einer Meinung. Ich dachte schon kurz, Du kommst vom rechten Weg ab. Das mit den "Wetten" ist aber so eine Sache. Daß man um des Profits willen die Realwirtschaft in Schieflage bringt, ist zweifellos moralisch mehr als fragwürdig und sollte unbedingt eingedämmt werden. Dennoch erfüllen Warenterminkontrakte eine wichtige Funktion: Sie verlagern nämlich das Risiko vom Erzeuger weg. Die ursprüngliche Idee dahinter ist die, daß der Bauer die Ernte bereits zu einem vereinbarten Preis verkaufen kann, wenn die noch auf dem Halm steht. Damit reduziert sich das Risiko für ihn, weil es der Kontrahent übernimmt. Der Bauer profitiert allerdings unter Umständen auch nicht von einer massiven Preisanstieg. Schlußfolgerung: Man sollte das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.

> Es bedeute die Allmacht des Schuldprinzips [...] und letztlich die Spaltung der Menschheit in wenige Steinreiche und viele Bettelarme.

Prima. Und jetzt rechnen wir mal. Wenn ich dem Steinreichen seine 7 Milliarden Steine wegnehme (mit welcher Begründung eigentlich? Ist das nicht Diebstahl? Du sollst nicht stehlen!) und die gleichmäßig verteile, dann bekommt jeder von uns einen Stein. Was genau ist jetzt anders? Außer daß Sie keinen mehr haben, auf dem Sie rumhacken können, weil ja alle ganz gerecht gleich arm sind?

> Nicht um Bankenrettung, sondern um Menschenrettung müsse es also heute gehen.

Korrekt. Bankenrettung ist scheiße, weil es völlig falsche Signale setzt.

> Das heißt: eine Abschaffung des Kapitalismus. »Ihn zu beseitigen ist unerlässlich zur Beseitigung von Unrecht, Elend und Krieg.«

Stop, stop, stop. Sie wollen schon wieder die Badewanne ... ich fasse es nicht. Da leben Sie, ich und der Herr Drewermann in einer westlich gprägten Zivilisation. Deustchland und Europa zählt zu den Gegenden weltweit, in denen Lebensstandard ud Lebenserwartung mit am Höchsten sind. Sie genießen ein Bildungs- und Gesundheitssystem, wonach sich unsere Vorfahren vor 150 Jahren noch alle Finger geleckt hätten. Die hatten keine Kauftempel, in denen man abends um 21 Uhr noch ein Brot bekommt, und keine industriell organisierte Landwirtschaft, keine Krankenversicherung und keine Arbeitslosenunterstützung. Keine Computer, kaum Telefone, keine modernen Transportmittel. Kein weltweit sofort verfügbares Wissen auf Knopfdruck.

Und sie kommen tatsächlich daher und fordern die Abschaffung des Kapitalismus? Der Gesellschaftsordnung, die trotz aller berechtigten Kritik und allen negativen Seiten zum Trotz es geschafft hat, unser aller Lebensstandard in (historisch gesehen) nur wenigen Jahrzehnten auf ein Niveau zu heben, was früher völlig undenkbar gewesen wäre? Ja, was wollen Sie denn dann? Sozialismus und Kommunismus haben genug Tote produziert, das kann es kaum sein. Eine Kirchenstaat vielleicht? Oder wollen Sie zurück zum Feudalismus, oder gleich bis in die Steinzeit? Das sähe den Brüdern uim Glauben ähnlich. Da war der Priester noch jemand, auf den alle gehört haben. Ach ja, die waren alle so herrlich doof damals. Wie sagte Ayn Rand so schön: "Ein Maharadscha braucht keine Industrie, er braucht lediglich 10.000 dumme Sklaven" - Ist es das, was Sie wollen?

Wissen Sie was? Probieren Sie es doch einfach aus: Wollen Sie Kommunismus? Ziehen Sie um nach Nordkorea. Oder, wenn Sie mehr der Naturtyp sind, an den Amazonas zu dem Eingeborenenstämmen. Sie sind mehr der Gottestyp? Kein Problem, gehn'se zum IS, die brauchen immer Freiwillige. Ist auch eine Bombenstimmung dort! Der nahe Osten steht auch noch zur Auswahl. Oder lieber afrikanische Stammeskriege? Es ist für jeden was dabei ...

Ach, sie wollen doch lieber hierbleiben? In der kuscheligen Komfortzone gemütlich die Vorzüge des Kapitalismus genießen, ein paar Bücher gegen Geld (hört,hört! Gegen GELD!!) verkaufen und derweil noch ein wenig predigen, wie schlecht es uns allen doch geht? Oh, ihr Pharisäer!

> Ersetzung des fiktiven Schuldgeldes durch zinsfreies Vollgeld sowie in der Stärkung lokaler und gemeinwesenorientierter Wirtschaftsstrukturen.

Ja, prima. Machen Sie das. Bin dafür. Deswegen muß man aber nicht gleich den Kapitalismus in Frage stellen, oder? Klar, kann man, aber das eine hat mit dem anderen nur bedingt etaws zu tun. Die Schlußfolgferung von "wir wollen Vollgeld" zu "weg mit dem Kapitalismus" ist schon etwas arg verkürzt. Dann könnte ich auch die Schließung ihrer Kirche verlangen, weil ihr Gott nicht verhindert hat, daß meine Kaffeetasse neulich umgekippt ist. Abwegig sagen Sie? Stimmt. Aber ihre Logik ist auch nicht besser.

> Es könnte sein, dass die wahre Religionskritik dieser Tage in der Kritik der Banken und des Finanzkapitalismus liegt.

So ein Quark. Da hört man förmlich den Lektor zu Drewermann sagen: "Eugen, denk daran, da muß was mit Kirche rauskommen. Denk an die Zielgruppe!"

> Und dass auch die Kirche suchen sollte nach Wegen jenseits der Schuld(en).

Na, dann suchen Sie mal schön. Sie haben noch einen weiten Weg vor sich.

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