42

Hass gegen Helfer

Raues Klima: Sie engagieren sich im Namen ihrer Kirche für Flüchtlinge und werden dafür bedroht und beleidigt – bekommen sie genug Rückenhalt?
Andreas Roth
  • Artikel empfehlen:
Mordaufruf im Internet gegen Kirchenmitarbeiter: Unter einer Filmaufnahme des Bautzener Flüchtlingsbeauftragten Michael Beyerlein bei Youtube war dies zu lesen jetzt ist der Beitrag gelöscht. Foto: so

Keine Stunde war Michael Beyerlein nach einer Afrikareise zurück in Deutschland, da hörte er es wieder aus seinem Handy: »Du Drecksau, Du Spinner«, beschimpfte ein Unbekannter Ende Mai den Flüchtlingsbeauftragten der Landes­kirche in der Oberlausitz. Er kennt das. Als ein NPD-Funktionär ihn auf einer Integrationsmesse in Aue gegen seinen Willen gefilmt und das Video auf Youtube ins Internet gestellt hatte, schrieb ein Leser mit dem Namen »Nobbi« darunter: »Schlag sie alle tot!«

Diesen Hass kennt Gerlinde Franke schon lange. Bereits in den 1990er Jahren hat ihn die Leiterin der diakonischen Migrationsberatung in Großenhain auf ihrer beschmierten Bürotür oder in Hetzschriften in ihrem Briefkasten lesen müssen. 2015 konnte sie die Angriffe auf ihre Person dann auf Facebook finden. Da meldete sie sich von dem Netzwerk ab.

»Ein latenter Alltagsrassismus ist schon Normalität, das nehmen wir kaum noch wahr«, sagt die Landessynodale Gerlinde Franke. »Nach der Bundestagswahl ist der Hass salonfähig geworden.«

Der Bautzener Flüchtlingsbeauftragte Beyerlein klagt jetzt auf eigene Rechnung gegen den NPD-Funktionär. »Von der Landeskirche bekomme ich keine Unterstützung, keine juristische Rückendeckung, keinen Cent«, kritisiert er. »Die Kirche schützt ihre Leute nicht. Man wird krank unter diesem psychischen Druck.«

Im Landeskirchenamt indes wird diskutiert. Die einen wollen die bedrohten Flüchtlingsmitarbeiter unterstützen – die anderen verweisen darauf, dass diese bei der Diakonie angestellt seien, und überhaupt die Größe des Problems mangels einer Fallstatistik unklar sei. So ist beispielsweise der Leipziger Beauftragten für die kirchliche Flüchtlingshilfe, Ramona Baldermann-Ifland, kein Fall einer Bedrohung in ihrer Region bekannt.

»Es besteht unter den Mitarbeitern eine große Unsicherheit, wie man richtig auf Drohungen und Hass reagiert«, stellt Albrecht Engelmann fest, der Migrationsbeauftragte der Landeskirche. »Wir müssen ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wichtig es ist, solche Fälle zu dokumentieren, anzuzeigen und die Kirche mit einzubeziehen, damit eine Solidarität entstehen kann.« Eine Handreichung der Landeskirche soll im Herbst konkretes Handwerkszeug dafür mitgeben.

Michael Beyerlein braucht das nicht. Er zeigte die Drohungen gegen ihn im Internet beim Staatsschutz und beim Plattformbetreiber Youtube an – ohne Reaktion, sagt er, so wie schon bei seinen anderen Anzeigen wegen Beleidigungen und Volksverhetzung zuvor. »Es entsteht der Eindruck, dass die Staatsanwaltschaft solche Angriffe und Bedrohungen von rechts sofort einstellt.« Auch Harald Lamprecht, der landeskirchliche Beauftragte für Weltanschauungsfragen, hat schon eine Anzeige gestellt. Und auch die blieb ohne Ergebnis. Das war, nachdem er eines Nachmittags in seinem privaten Briefkasten ein in Zeitung gewickeltes stark stinkendes Aas vorfand. Später klebten Unbekannte an gleicher Stelle mehrmals Aufkleber der Identitären Bewegung und des rechten Netzwerks »einprozent.de« auf. Denn der Theologe kritisiert öffentlich Pegida & Co.

Als er sich in seinem Dresdner Heimatstadtteil Strehlen mitten in eine asylkritische Demonstration stellte mit dem Schild »Asyl rettet Leben«, schleuderte ihm ein Teilnehmer entgegen: »Wenn meiner Tochter was passiert, knall ich dich ab«. Auch den entfesselten Hass in den Kommentarspalten des Internets hat er schon zu spüren bekommen.

Harald Lamprecht will sich davon nicht einschüchtern lassen. »Sonst haben wir schon verloren«, sagt er. »Insofern erzeugen solche Aktionen mitunter eine Jetzt-erst-recht-Stimmung.«

Diskutieren Sie mit

42 Lesermeinungen zu Hass gegen Helfer
Beobachter schreibt:
05. Juni 2018, 15:40

Na gugge da!

Marcel Schneider schreibt:
01. Juni 2018, 13:40

Wie man das, was Herrn Dr. Lamprecht und den anderen Flüchtlingshelfern passiert ist, verharmlosen kann, verstehe ich nicht. Nach der Logik müsste ja ein Schwarzafrikaner, der es "wagt", tagsüber durch die Dresdner Stadtteile Prohlis oder Gorbitz zu laufen und auf den ein Pitbull gehetzt wird, so dass dieser in Todesangst auf ein Auto flüchtet, auch selber daran schuld sein.
Wenn Mitgeschöpfe angegriffen werden, zeige ich Solidarität. Und das habe ich auch Herrn Lamprecht gestern in einer Mail mitgeteilt, nämlich meine Anteilnahme und Solidarität.
Ich weiß nicht, warum in unserer Gesellschaft der Egoismus so wächst. Gestern stieg ich in einen vollbesetzten Bus ein. Im Bus stand ein junges Mädchen, dem man eine geistige Behinderung ansah. Das Mädchen zitterte und schrie, weil es Angst hatte, hinzufallen, aber keinen Sitzplatz hatte. Endlich, nach mehreren Haltestellen, erbarmte sich ein älterer Mann und bot dem Mädchen einen Sitzplatz an. Das Mädchen signalisierte, dass es geführt werden möchte. Wieder schauten alle weg, egal ob Jugendliche, Mutter mit Kind, ältere Leute. Wegschauen, das können immer alle gut.
Ich führte das Mädchen zu dem freigewordenen Sitz und schämte mich für alle anderen Businsassen.
Wer heute andere Menschen wegen ihres Aussehens, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Herkunft oder Religion diskrimiert, verächtlich macht und ausgrenzt, wie kann derjenige sicher sein, dass er nicht selber irgendwann wegen eines neuen Tatbestandes selber Opfer von Diskriminierung wird?

kein Christ mehr schreibt:
04. Juni 2018, 9:39

Vielleicht rührt die "Verharmlosung" daher, dass Besucher zuvor selbst diese "Verharmlosung" aus den Reihen der Veranstalter (dieses Mal nicht Herr Lamprecht) erlebt haben (Vorwurf, schlechte Christen zu sein wegen mangelnder Feindesliebe). Während der Projektbericht
die Dialogveranstaltungen als gelungen lobt, http://dresdenfueralle.de/das-netzwerk-dresden-fuer-alle/verein/foerderp... , distanzieren sich die Veranstalter nun selbst davon: Zitat Website Dresden für alle: "Zum Dialog gehört Klarheit hinsichtlich grundlegender Werte, wie sie etwa in unserem Grundgesetz festgehalten sind. Die Abgrenzung zu eindeutig menschenfeindlichen Positionen war nach unserer Auffassung nicht klar genug." Das nenne ich kognitive Dissonanz. Wenn die Veranstalter sich gefährden, ist das ihre Sache, aber sie tragen auch Verantwortung für die Besucher/die Gemeinde.

Gert Flessing schreibt:
04. Juni 2018, 11:52

Lieber Herr Schneider,
es geht doch nicht um ein Verharmlosen. Es geht darum, bestimmte Abläufe innerhalb der Gesellschaft klar darzustellen. Natürlich kann man sagen: "Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um."
Wer sich einer bösartigen Menge, die eben reagiert, wie eine Menge reagiert (es gibt keine Schwarmintelligenz, wohl aber eine Schwarmaggressivität), entgegen stellt, in guter Absicht oder auch aus Naivität, der kann Probleme bekommen.
Warum wundern Sie sich über den Egoismus unserer Zeit? Der Zusammenhalt ist schon recht lange nicht mehr so, wie er mal war. Ich wäre für dieses behinderte Mädchen auch aufgestanden, ja hätte ihr wohl auch auf den Platz geholfen. Aber ich zähle halt auch schon zu den "älteren Männern". Als ich jünger war, war es für mich selbstverständlich, für ältere Menschen meinen Platz zu räumen.
Ich schäme mich nicht für die anderen, die keinerlei Gefühl für Anstand mehr haben. Ich bedaure sie, denn irgendwann sind sie selbst mal dran und niemand wird ihnen helfen. Das ahnen sie im Moment noch nicht.
Gert Flessing

L. Schuster schreibt:
06. Juni 2018, 9:48

Heute, Mittwoch, 20:15 ARD der Film "Unterwerfung"
und im Anschluss hierzu "Maischberger" vielleicht passt es auch zu dem Thema hier.

Britta schreibt:
06. Juni 2018, 23:00

Es hat mir aber bisher keiner der "Helfer" gesagt, was er den Eltern der toten Mädchen, wie jetzt wieder in Wiesbaden, sagen würde...

Natürlich ist Gewalt von sog. Neonazis (wie definieren die sich eigentlich und wer legt das fest?) ebenso abzulehnen wie vom immer stärker gemästeten autonomen Block - nur sollte man mal untersuchen, was die Ursache der Spaltung/Unruhen etc. ist. Da werden Menschen aus ganz anderen Kulturkreisen ins Land gelockt, von denen nur ein kleiner Bruchteil wirklich schutzbedürftig ist, und dabei billigend in Kauf genommen, daß sich die Heimat der "schon länger hier lebenden" (schon die Nomenklatur ist bemerkenswert) irreversibel ändert und zwar zum absoluten Nachteil der indigenen Bevölkerung. Überall in der Weltgeschichte, wo sowas stattfand, endete es sehr Übel für das angestammte Volk, Parallelen gibt es z.B. im frühmittelalterlichen England, in Nordamerika, im Levante und in Nordafrika.
Ich halte es für mein Recht, mit allen demokratischen Mitteln gegen den schleichenden Heimatverlust anzukämpfen. Dabei kann man bemerkenswerte Beobachtungen über das Demokratie- und Meinungsfreiheitsverständnis jener machen, die diese beiden Sachen sonst immer wie eine Monstranz vor sich hertragen.

Manfred schreibt:
07. Juni 2018, 14:50

Liebe Britta.
Gewalt (körperliche und verbale) ist nie eine Grundlage, um etwas zu verbessern.
Allerdings kann man dies mit Wegschauen und Schönreden auch nicht.
Alle Missstände müssen rigoros benannt werden (auch mit unschönen Worten), damit wir unsere Heimat nicht verlieren.
Wie viele Gewaltakte gibt es seit 3 Jahren „zusätzlich“ zu den schon vorher vorhandenen und warum müssen wir uns damit abfinden.
Ich werde mich auch gegen alle Schönredner wehren, welche die Meinung vertreten, alles wäre nur eine Hysterie und ein Hirngespinst von Menschen, welche man mit RECHTS bezeichnen kann (weil DIESE wegsehen oder keine Antworten besitzen). Diese Art ist sehr unschön, vor dem Hintergrund der Opfer!
Menschen wollen einfach ihre Sicherheit wieder haben, die sie bis 2015 gewohnt waren.
Dieses Recht haben wir alle.

Johannes schreibt:
07. Juni 2018, 18:10

Die Frage ist eigentlich einfach zu beantworten: Unsere Regierung muss viel Geld in die Hand nehmen und eine politische Umkehr vollziehen, also den Blick und die Hilfe in der Herkunftsländer schicken: Fluchtursachen bekämpfen. Und wenn all das Geld, das in den letzten 40 Jahren in die Festung Europa gesteckt wurde, stattdessen nach dem Vorderen Orient und nach Afrika geschickt worden wäre, hätten wir das Flüchtlingsproblem vielleicht gar nicht. - Seit mindestens einem halben Jahrhundert geschieht Hilfe zu Selbsthilfe weitgehend dazu, dass die Konzerne sich selber helfen, nämlich mehr zurückbekommen, als sie als "Entwicklungshilfe" in die sog. 3. Welt geschickt haben. Das Problem liegt nicht bei dem " immer stärker gemästeten autonomen Block"; da haben sich seit vielen Jahrzehnten ganz andere gemästet..
Johannes Lehnert

Manfred schreibt:
08. Juni 2018, 11:00

Lieber Johannes.
Es ist prinzipiell richtig, Menschen in den ärmeren Ländern helfen zu wollen.
In der Vergangenheit sind sehr viele finanzielle Entwicklungshilfen geleistet worden, die aber scheinbar für die meisten Menschen nicht viel gebracht haben.
Dies muss nicht am guten Willen liegen oder an den Menschen in diesen Staaten, sondern an den teilweise korrupten Systemen in diesen Ländern.
(Zum Beispiel: https://www.zeit.de/politik/ausland/2010-09/togo-50-jahre)
Außerdem, und dies wird von den Industriestaaten weiter ausgeblendet, gibt es einen total unfairen Handel mit den Entwicklungsländern, die einfach nicht mithalten können.
Nur mit der Entsorgung des Mülls aus dem Industriestatten, können sie nicht vorankommen.
Auch die gut gemeinten solidarischen Aktionen, der gesammelten Kleidungsstücke, macht den dortigen Produzenten große Sorge, weil diese eben nicht so billig die Produkte herstellen können.
Die großen Industriestatten haben sich die Welt aufgeteilt und werden diese auch nicht rückgängig machen wollen.

Britta schreibt:
08. Juni 2018, 13:12

Ach, lieber Johannes,
der "autonome Block" wird gemästet, damit sich die, die sich jetzt schon an der Lebensarbeitsleistung der Menschen mästen, weiter mästen können. Jener trägt nämlich Gewalt gegen Andersdenkende auf die Straße, wie es offiziell mit rechtsstaatlichen Mitteln nicht möglich wäre (zumindest derzeit nicht).
Fluchtursachen abschaffen: als erstes, wie die Stuttgarter Rundschau mal richtig bemerkte, wre das: Geldzahlungen an Migranten durch Gutscheine zu ersetzen. Denn warum wollen denn alle nach Deutschland und warum wurden im vergangenen Jahr Milliarden Euro in die Herkunftsländer der Migranten (vulgo "Schutzbedürftigen") überwiesen, und hier darüber diskutiert, ob das Rentenalter weiter hochgesetzt wird, während die Infrastruktur und das Bildungswesen am Verrotten sind. Wenn ich meiner MA 100 Euro mehr Lohn zahle, bekommt sie 38,21 Euro, mich kostet das durch die Sog. AG-Beiträge mindestens 120 Euro, kein Wunder, daß Fachkräfte hier in diesem Land oft nicht mehr richtig bezahlt werden und viele fleißige Leute sogar noch "aufstocken" müssen. Mit welchem Recht werden 2-3 stellige Milliardenbeträge an Steuermitteln, die hier fleißige Leute im Schweiße ihres Angesichtes erarbeitet haben, an alle Welt ausgeteilt, selbst an offensichtliche Gefährder und Menschen, die kein Aufenthaltsrecht in unserer Heimat haben?
Kopfschüttelnde Grüße
Britta

Seiten

Folgen Sie Sonntag Sachsen:

Aktuelle Veranstaltungen
  • , – Chemnitz
  • Ökumenischer Seniorentreff
  • Gemeindezentrum Markersdorf
  • , – Dresden
  • Wort & Orgelklang
  • Frauenkirche
  • , – Leipzig
  • Adventliches Beisammensein
  • Ernst-Lewek-Saal der Kirchgemeinde St. Nikolai
Audio-Podcast

Medienbischof der EKD und Kirchenpräsident der EKHN, Dr. Volker Jung, besuchte auf Einladung des EMVD die Frankfurter Buchmesse 2018. Er stellte sein neues Buch »Digital Mensch bleiben« vor.

Der Twitter-Sonntagticker
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Dresdner Superintendent Behr will Bischof in #Greifswald werden @evlks @nordkirche_de https://t.co/br0hQvlgIO
vor 3 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
@StadtLeipzig will zukünftig ohne #Braunkohle auskommen – was mit dem Braunkohlekraftwerk #Lippendorf im Leipziger… https://t.co/VMfGRgHLof
vor 4 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Neue Aufgabe: Der frühere Innenminister Sachsens Markus #Ulbig ist neuer Vorsitzender des Dresdner Caritasverbandes… https://t.co/OIH3o76nzd
vor 5 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Sächsischer #Inklusionspreis wurde heute verliehen an Menschen, »die sich motiviert, empathisch und mutig für Mensc… https://t.co/lk9vszPf6O
vor 6 Tagen