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O Haupt voll Blut und Wunden

Passion: Karfreitag zeigt, dass Gott auch im Leiden und Sterben anwesend ist – er geleitet hindurch. Paul Gerhardts Passionslied führt hinein in dieses Geheimnis – und kann aus Todesängsten reißen.
Von Fulbert Steffensky
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Jesus
© Foto: PD

Wenn wir die Lieder von Paul Gerhardt (1607–1676) singen, sind wir Christen des 21. Jahrhunderts zu Gast in fremden Zelten. Wir teilen nicht alle theologischen und weltanschaulichen Horizonte dieses Dichters. Wir erlauben uns, Lieder zu singen und Texte zu sprechen, die nicht die unseren sind. Diese Lieder sind das Gottesgespräch unserer Toten, nicht nur das von Paul Gerhardt. Viele nach ihm haben gesungen »O Haupt voll Blut und Wunden« oder »Ich steh an deiner Krippen hier.«

Wir sind Gast dieser Lieder. Unser Gaststatus macht es uns möglich, in den alten Zelten der Hoffnung zu wohnen. Wir geben unsere eigenen Horizonte nicht auf, und wir versteifen uns nicht auf sie, weil sie allein zu kläglich sind. Wir lassen uns von ihnen in den Glauben unserer Väter und Mütter ziehen. Wir müssen sie nicht mit uns selber füllen, mit unserem eigenen kläglichen Geist und Glauben.

Wir glauben den Toten ihren Glauben, und so können wir leichter glauben. Wir glauben Paul Gerhardt seinen Glauben. Er teilt ihn mit uns, wie man Brot teilt, und so muss man nicht nur sein eigener Glaubensmeister sein. Ein Lied singen, heißt, etwas von sich selber dazu zu geben. Auf diese Weise wird man heimisch in dem Lied.

Ich sage es an einem eigenen Beispiel: »O Haupt voll Blut und Wunden« und vor allem die beiden letzten Strophen »Wenn ich einmal soll scheiden« und »Erscheine mir zum Schilde« habe ich am Sterbebett meiner Frau gesungen. Sie selber hat es gesungen, als sie vom Tod ihres Bruders hörte. So wurden wir heimisch in diesem Lied, und keine theologischen Bedenken konnten uns davon abhalten, es zu lieben und zu singen.

Paul Gerhardt sieht sich in den er­sten drei Strophen hinein in das Leiden Christi. Er sieht das Haupt von Dornen zerschunden, er sieht das Angesicht, so schändlich zugericht; er sieht, wie die Farbe der Lippen verschwunden ist vor des blassen Todes Macht. Er will nicht von ihm gehen, wenn ihm das Herze bricht. Das Mitleid ist nicht alles. Gerhardt beschreibt als Grund des Leidens die Menschenschuld. Nein, das ist zu theologisch und abstrakt formuliert. Er sagt »Ich«, und er erkennt seine Schuld als Ursache des Leidens Christi: »Ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast.«

Die Erkenntnis der Menschenschuld ist nicht die alles bestimmende Hauptsache. In Christi Leiden findet der Dichter sein Heil, und so dankt er ihm von Herzen für seines Todes Schmerzen. Er findet sich selber geborgen in jenem Tod. Und schließlich wird ihn das Bild jenes Leidenden selbst aus den Todesängsten reißen, wenn ihm am allerbängsten wird um das Herze sein. Vielen Christen ist diese Sühnetheologie fremd, und man kann diese Fremdheit nicht so leicht aufheben. Mich versöhnt die Stimmung dieses Liedes. Sie ist nicht dunkel, es ist beinahe ein Liebeslied. Es singt, dass Christi Mund ihn gelabt hat mit süßer Kost. Der Sänger will Christus fassen in Arm und Schoß, wie es ein Liebender tut. Er erlebt die Leiden Christi nicht als ein furchtgeschüttelter Sünder, sondern als ein Liebender.

Es kann sein, dass wir das Leiden Christi nicht mehr so zweckhaft und juristisch formulieren, wie es die alte Sühnetheologie getan hat. Aber welch ein zärtlicher Gedanke: Gott bleibt angesichts der Leiden, der Schuld und der Tode der Menschen nicht in kühler und überlegener Distanz. Er verhüllt sich in Christus in unser eigenes Schicksal. Sein Haupt ist voll Blut und Wunden wie das von so vielen Menschen. Sein Augenlicht wird schändlich zugerichtet wie das von vielen Menschen, und seine Lippen werden blass wie die von allen Toten. Nein, Blut erlöst nichts. Kein Tod ist gut, auch nicht der Tod des Gerech­ten. Gut aber ist die Güte, die nicht aus unseren Menschenschicksalen weicht, sondern sie teilt bis zum letzten ­Atemzug.

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