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Wider die Vereinsamung

Alleinsein: Die Einsamkeit von Menschen wird zu einem immer größeren Problem in unserer Gesellschaft. Sie hat auch mit der materiellen Orientierung zu tun. Die Bibel könnte einen Ausweg zeigen.
Von Stephan Bickhardt
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© Foto: ArTo/Fotolia

Lassen wir nicht die Augen sinken vor dem Skandal der Vereinsamung des Menschen in der modernen Gesellschaft? Immer deutlicher wird dieses neue Elend mittlerweile beschrieben. Gleich zwei Bücher mit bezeichnenden Titeln werden dieser Tage diskutiert: »Die berührungslose Gesellschaft« von Elisabeth von Thadden und »Einsamkeit. Die unbekannte Krankheit. Schmerzhaft - Ansteckend - Tödlich« von Manfred Spitzner.

Von Thadden schreibt, dass viel Künstliches an die Stelle der früheren leibhaftigen Nähe anwesender Menschen getreten sei. Kunstlicht erwartet den einsamen Heimkehrer zu Hause, aber kein Mensch mehr. Da gibt es keinen mehr, da wird der Mensch nicht angesprochen. Der Psychiater Manfred Spitzer stellt fest, dass die soziale Isolation (Einsamkeit) die Sterbewahrscheinlichkeit des Menschen stärker erhöht als Rauchen, Alkoholgenuss, Bewegungsmangel, Übergewicht, Bluthochdruck und Luftverschmutzung. Das sind sehr ungemütliche Befunde und Annahmen.

Wenn ich höre, dass vor über einem Jahr, die britische Premierministerin ein »Ministerium gegen Einsamkeit« eingerichtet hat, dann macht sich bei mir Hilflosigkeit breit. Das britische Ministerium spricht von 9 Millionen einsamen Menschen unter den 66 Millionen Briten. Jede und jeder von uns weiß, wie Menschen in die Isolation geraten können – etwa nach einer Ehescheidung, nach einem Todesfall eines nahen Angehörigen, einem Arbeitsplatzverlust oder einem Umzug im hochbetagten Alter. Menschen fühlen sich abgedrängt, nutzlos, sind verzweifelt. Ich selbst bin in den vergangenen Jahren immer wieder erschüttert über die nicht wenigen Angehörigen, die mit dem Suizid eines nahestehenden Menschen zu kämpfen hatten. Und ich sehe in der seelsorgerlichen Begleitung, dass viele an Einsamkeit und leider auch an suizidalen Gedanken schwer und auch wirklich schmerzhaft leiden. Auch hier hilft Hinsehen, Ansprechen. Es hilft nicht: Verdrängen.

Wo bleibt das Glücklich-Sein der reinen Herzen, von dem die Bergpredigt spricht? Um die Frage nach Glück, Gerechtigkeit und Gott in unserer modernen Welt zu beantworten, hilft mir ein Blick auf einen älteren Autor. Im Jahr 1966 hielt der Sozialpsychologe Erich Fromm einen atemberaubend aktuellen Vortrag mit dem Titel: »Die seelischen und geistigen Probleme der Überflussgesellschaft«. Er spricht schon damals vom passiven, leeren, ängstlichen, isolierten und gelangweilten Menschen, den er den homo consumens nennt – den konsumierenden Menschen. In seinem Vortrag zitiert er aus dem Alten Testament: »Weil ihr keine Freude gehabt habt in der Mitte des Überflusses, deshalb seid ihr keine glücklichen Menschen« (5. Mose 28,47). Der Mensch könne heute nicht genießen, ohne etwas dafür gekauft zu haben, bemerkt Fromm.

Der Mensch erfährt in Beziehungen Heilsames und darum ist es so wichtig, mit anderen in Kontakt zu kommen. Aber – und das macht unruhig – werden nicht die Beziehungen selbst schon mehr und mehr in diese Sphäre der Verwertung, der Produktion, der Werbung, der Planung gezogen? Wo ist noch genug Vertraulichkeit, wo Spontaneität, wo Lebensmut und wo reine Freude? Wie ist der starke Rückgang des religiösen Bedürfnisses unter jungen Menschen zu begreifen? Fehlt nichts mehr?

Glücklich-Sein heißt doch: mit offenen Augen durch die Welt gehen, in erfüllten Beziehungen sich reiben und sich spüren, den Himmel als Gottes weiten Raum über mir wissen, nach Segen verlangen. Nicht homo consumens, sondern homo spiritualis sein – ein glaubender Mensch. Ist es nicht das, was wir brauchen? Ist vielleicht das Bibelwort aufzunehmen: »Geben ist seliger als Nehmen«? Wer gibt, landet beim anderen. Wer gibt, darf etwas ahnen von der herrlichen Seligkeit und von wirklicher Gerechtigkeit.

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