Corona als Gottesgeißel?

Seuche: Zu allen Zeiten wurde angesichts von Unglücken, Katastrophen und Seuchen auch nach Gott gefragt. Will er damit die Menschen bestrafen? Jesus bezog dazu klar Stellung. Es geht nicht um das »Warum?«, sondern um das »Wozu?« einer Krise. Sie kann zur Umkehr führen.
Von Rolf Wischnath
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In der jüdischen und christlichen Religionsgeschichte waren Seuchen Zeichen dafür, dass in der Lebensart des Volkes Gottes Unerträgliches geschieht. Gott vollziehe deswegen mit einer ansteckenden, todbringenden Krankheit ein Strafgericht über Sünder und Nicht-Sünder. Es gibt dafür ein altes Wort: »Gottesgeißel«

Corona – eine Gottesgeißel? Wenn das stimmte, dann wären unaufhörliche, unvergleichlich schlimmere Seuchen auf der südlichen Hälfte der Welt besonders drastische Formen der Gottesgeißel. Die »Deutsche Welthungerhilfe« verschickte dieser Tage einen Brief mit einer Mitteilung, die viele wissen und alle wissen können: »Etwa alle 10 Sekunden stirbt ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen von Unterernährung. Über 60 Millionen Kinder in Indien leiden an Mangelernährung.« Und der Jemen? Syrien? Idlib? … die Grenze Türkei–Griechenland? Alles Gottesgeißeln?

Jesus sieht es anders: »Meint ihr, dass die achtzehn Menschen, auf die der Turm am Teich Siloah stürzte und sie erschlug, schuldiger gewesen sind als alle anderen Bewohner Jerusalems? Nein, sage ich euch; sondern wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen« (Lukas 13,4–5).

Jesus knüpft an ein Unglück an: Am Teich Siloah in Jerusalem stürzt ein Turm ein und begräbt achtzehn Menschen unter sich. Nach dem damaligen Glauben und Verstehen kann das kein Zufall sein: Ein solches Unglück kann nicht ohne den Willen Gottes geschehen. Denn Gott bestimmt ja die Todesstunde eines Menschen. Und der gerechte Gott lässt einen Unschuldigen nicht vor der Zeit sterben. Irgendetwas Unverzeihliches müssen die Erschlagenen getan haben.

»Meint ihr, dass die achtzehn Menschen schuldiger gewesen sind als alle anderen Bewohner Jerusalems?«, fragt Jesus. Mit nur einer Frage fällt er das Dogma, besondere Schuld führe zu besonderem Unglück. Es gibt keine Gottesgeißel. Gott in Christus quält und tötet nicht. Und nicht der Mensch soll Gott in Frage stellen. Vielmehr stellt Gott die Fragenden in Frage: »Wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrundegehen«, spricht Jesus.

Jesus wagt es, die Unterschiede in der Schuldfrage aufzuheben und sündige Verantwortlichkeiten bei den Opfern des Siloha-Unglücks außerachtzulassen. Die quälende Frage, warum der Allmächtige Siloha und Corona und so viel andere Massenerkrankungen und –verletzungen zulässt, werden wir nicht lösen. Sie lässt sich nicht beantworten. Sie ist auch philosophisch und theologisch noch nie gelöst worden.

Auch Jesus beantwortet die Frage nicht, warum der Turm eingestürzt ist. Darum sollten auch wir uns definitiv entschließen, eben nicht zu wissen und zu sagen, woher das Unglück seine tödliche Wirksamkeit hat und wieso es in Gottes Welt kommen kann. Und angesichts unserer Unfähigkeit, den uns in Christus unbedingt liebenden Gott in Vereinbarung zu bringen mit den Erfahrungen grenzenlosen Leids sollten wir zugeben: Wir können das nicht vereinbaren.

Wir können nur – aber was heißt hier »nur«? – darum bitten, dass Gottes Liebe uns und die anderen über Schuld und Unglück, über Seuchen und Tod hinaus trägt. Jedoch sehnsüchtig erwarten wir Auskunftslose mehr: nicht weniger als den neuen Himmel und die neue Erde und mit ihnen Gottes Antwort auf so viele Fragen.

Diese Hoffnung »auf das Ende hin« ist keine Vertröstung. Sie ist Versprechen. Und ebenso ist sie Aufforderung zu menschlicher Zuwendung. Der gekommene und kommende Christus gibt Stärkung und Weisung im Augenblicklichen. Erst hernach bewahrheitet sich die Hoffnung. Erst nach Corona, erst dereinst kommen der Wiederkommende und die neue Schöpfung. Darum bezieht sich die Frage nach dem »Warum« nicht mehr vorrangig aufs eigene Leid, sondern sie wird zur solidarischen Frage nach dem Leiden anderer. Sie sind ja mitnichten Opfer einer Gottesgeißel.

»Wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen«, warnt Jesus. Worin geschieht die Umkehr? Zunächst in der Kehrtwende des Menschen zu Gott. Der Umkehrende beginnt neu, Gott in Christus zu vertrauen und zu gehorchen. Daraufhin besteht sie in der Hinwendung zum Mitmenschen. Der Umkehrende beginnt neu, seinen Teil für eine Welt zu tun, in der Kranke getröstet und Krankheiten mit Sinn und Verstand behandelt werden. Und viele, viele Leidende – gleich woher sie kommen – müssen von uns besser aufgenommen und ernährt, geachtet und beschützt werden. Und im Absehbaren sollen Gerechtigkeit und Macht, Reichtum und Armut zu einem besseren Ausgleich kommen.

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