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Wunden führen zusammen

Corona: Die Angst vor dem Virus zwingt zur Distanz zueinander. Dabei sind Sicherheit und Selbstschutz nur ein Teil der Lösung. Ein Gespräch mit der Theologin Hildegund Keul über Gott, Wunden und Wege aus der Krise.
Das Gespräch führte Stefan Seidel
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»Die Erschaffung der Maske« Aquarell von Giuseppe Veneziano, 2020 (www.giuseppeveneziano.com). © Foto: Giuseppe Veneziano

Frau Keul, die Ausbreitung des Coronavirus soll durch möglichst umfassenden Verzicht auf sozialen Kontakt verhindert werden. Sie beschäftigen sich mit dem Thema »Verwundbarkeit«, wie sollte aus Ihrer Sicht ein angemessener Umgang mit der Corona-Bedrohung aussehen?
Hildegund Keul: Die Bezeichnung »soziale Distanzierung« halte ich für falsch und geradezu gefährlich. Es geht um körperliche Distanz, nicht um soziale. Menschen haben die großartige Fähigkeit, auch mit Menschen in inniger Verbindung zu sein, die körperlich nicht nahe sind. Körperliche Distanz schließt soziale Verbundenheit keineswegs aus. Aber wir sind herausgefordert, neue Wege zu finden, diese Verbundenheit auszudrücken und im Alltag zu leben. Aus meinen Forschungen habe ich gelernt, dass Wunden Menschen untereinander verbinden. Wenn ein Unglück passiert, rücken Familien, Nachbarschaften, Gesellschaften zusammen. Das erlebe ich derzeit auch.

Zum Beispiel?
Italien macht uns vor, wie sich zutiefst verletzte Menschen nicht voneinander abschotten, sondern über Balkone hinweg und durch Fenster hindurch ihre humane Verbundenheit aktivieren. Gemeinsam erlittene und verschmerzte Wunden können Menschen zutiefst verbinden, sogar ein Leben lang.

Hätten Sie dazu vielleicht eine Idee für eine kirchliche Aktion?
Vielleicht könnten VertreterInnen der Kirchen sich vor einen Supermarkt stellen und mit Mundschutz, Handschuhen und lachenden Augen kostenlos Mundschutz an die Menschen verteilen, die einkaufen gehen. Am besten vom Schneider oder der Schneiderin um die Ecke genäht, selbstverständlich unter Beachtung der Hygienemaßnahmen und in Absprache mit der Gesundheitsbehörde. Es wäre eine freundliche Einladung: Schütze deine Nächsten wie dich selbst.

Derzeit wird versucht, Rettung auf dem Weg der Sicherheit zu erreichen. Sie haben aber immer auch für das »Wagnis der Verwundbarkeit« plädiert. Gibt es einen Ausweg aus der Corona-Krise allein auf dem Weg der Abschirmung und Sicherheit?
Die Corona-Krise bringt es ans Licht: Maßnahmen, die wir zu unserem eigenen Schutz ergreifen, bergen häufig ein Gewaltpotential, auch wenn man das nicht will. Das ist eine bittere Wahrheit. In vielen Fällen treffen sie Andere und erhöhen deren Vulnerabilität. Sie können sogar ihr Leben in Gefahr bringen. Nachdem Indien zum Schutz der Bevölkerung eine Ausgangssperre verhängt hatte, machten sich Ende März Millionen WanderarbeiterInnen zu Fuß auf den Nachhauseweg, der nichts anderes als ein Hungermarsch war. Die Schutzmaßnahmen treffen die Ärmsten der Armen am stärksten, denn sie erhöhen die Verwundbarkeit der längst schon Verletzlichen.

Auch in den Flüchtlingslagern droht eine humanitäre Katastrophe …
Ja, die mögliche Gewaltsamkeit von Schutzstrategien zeigt sich derzeit besonders dramatisch in den Flüchtlingslagern, zum Beispiel Moria auf der Insel Lesbos. Die knappen Lebensressourcen der Menschen, die dort auf engstem Raum zusammengepfercht sind, werden aufgrund der Pandemie noch knapper. Die medizinische Versorgung, eine einzige Katastrophe, wird noch katastrophaler. Hilfsleistungen kommen nicht mehr an. Die Lagergrenzen wurden nochmals verschärft, der Warenfluss und die Mobilität von Menschen nochmals eingeschränkt. Wie können Geflüchtete, die dort leben, sich und die eigenen Kinder schützen? Wenn die Pandemie ausbricht – wohin mit den Leichen, wenn es nicht einmal Kühlwagen, geschweige denn Krankenhäuser gibt? Die Zustände auf Lesbos sind wirklich dramatisch. Aber verstärkte Unterstützung ist kaum zu erwarten, denn die Länder, die sie geben könnten, sind vollauf mit Selbstschutz beschäftigt.

Was empfehlen Sie?
Ich will keineswegs sagen, dass Menschen sich nicht selbst schützen sollen. Im Gegenteil. Selbstschutz ist lebensnotwendig. Aber wir dürfen die Augen nicht davor verschließen, welche Auswirkungen unsere Schutzstrategien haben, und müssen entsprechend gegensteuern. Berührbar bleiben für die Verwundbarkeit der Anderen! Unsere eigene Verwundbarkeit spüren wir sehr schnell, das ist menschlich. Die humane Herausforderung liegt darin, wenn wir uns selbst bedrängt fühlen, die Verwundbarkeit derer wahrzunehmen, die noch viel verwundbarer sind, weil sie keine Seife und kein Wasser haben, keine Wohnung, in die sie sich zurückziehen könnten, kein Krankenhaus, wo sie gepflegt werden.

Wie könnte eine christliche Haltung in dieser Krise aussehen?
Mein Motto in der Krise ist: Schütze deine Nächsten wie dich selbst. Das ist in unserer Situation eine gute Übertragung des Gebots der Nächstenliebe. Häufig ist es aber so, dass man, um Andere zu schützen, selbst ein Risiko eingehen muss. Aber dabei darf man den Selbstschutz nicht vernachlässigen. Diesen Punkt hat meines Erachtens Papst Franziskus zu wenig beachtet, als er anfangs die Priester aufrief, zu den Kranken zu gehen. Zu den Kranken kann man nur gehen, wenn man sich selbst schützt – anderenfalls wird man selbst zur Virenschleuder. Aber würden alle Menschen, die derzeit in Medizin und Pflege tätig sind, aus Gründen des Selbstschutzes ihre Arbeit niederlegen, hätte das Virus freies Feld und leichtes Spiel. Wir dürfen uns nicht im Selbstschutz verschanzen, sondern im Bewusstsein möglicher Risse im eigenen Schutzschild Risiken eingehen, die dem Leben dienen.

Das kann gefährlich werden …
Dass das gefährlich werden kann, zeigt der Tod des chinesischen Arztes und Entdeckers des Coronavirus Li Wenliang. Souveräne Vulnerabilität sichert nicht immer das eigene Leben, aber sie praktiziert Humanität. Würden alle Menschen ausschließlich auf ihren Selbstschutz achten, lebten wir ruckzuck in einer gnadenlosen Gesellschaft. Zum Glück ist das nicht der Fall, wie all die Menschen demonstrieren, die sich beherzt den Gefahren der Pandemie stellen. Das Gebot der Nächstenliebe zeigt sich in neuer Form, selbst in den Schutzmasken, die wir bei Einkäufen tragen, was ich für sehr sinnvoll halte. Dass die Nächsten insbesondere die Notleidenden sind, hat Europa erst noch aus der Pandemie zu lernen. Auch hier ist es nicht das schlechteste Motto: Schütze deine Nächsten wie dich selbst.

Bislang herrscht hierzulande noch große Hilflosigkeit im Umgang mit der neuen Bedrohung.
Je abgesicherter eine Gesellschaft ist, desto schwieriger wird es, wenn dann doch ein Unglück passiert. Die Menschen können mit der Verwundbarkeit, die sie überraschend erfahren, oder mit den tatsächlichen Verwundungen, oft nicht angemessen umgehen. Wenn in einem Land ständig der Strom ausfällt, weiß man damit umzugehen. Wenn das eigentlich nie der Fall ist, dann aber doch passiert, sind die Konsequenzen umso schlimmer. Afrika ist ganz anders von Epidemien gezeichnet als Europa. Ja, wir sind auch herausgefordert, angemessen mit unserer eigenen Verwundbarkeit umzugehen.

Wie nehmen Sie das Handeln der Kirchen in diesen Tagen wahr? Eine Altenpflegerin war beispielsweise befremdet, »klinisch reine« Gottesdienste im Internet von Pfarrern in leeren Kirchen zu sehen, während sie täglich Haut auf Haut die bedürftigen Menschen pflegen muss …
Ich persönlich fand auch einige Reaktionen der Kirche irritierend. Wenn es nicht gelingt, in einem Gottesdienst tiefe Verbundenheit auszudrücken, ist der Gottesdienst verfehlt. Was kann die Kirche tun, damit sich eine Pflegerin im Seniorenheim von den Kirchen unterstützt fühlt? Das würde ich die irritierte Pflegerin gern fragen. Am Ostersonntag habe ich einen Gottesdienst mit dem »Catholic Women’s Council« mittels eines Internet-Video-Forums erlebt. Frauen rund um den Globus haben diese Feier miteinander gestaltet, und alle waren zuhause. Gerade das Globale hat die Verbundenheit lebendig werden lassen. Kommunikation überwindet Vereinsamung oder Abkapselung.

Und wie kann die Angst gezähmt werden, die allgegenwärtig ist?
Indem sich bewusst vor Augen geführt wird, wie privilegiert wir hier in Deutschland sind. Und wir sollten uns verbinden mit anderen Menschen: telefonieren, skypen, der Nachbarin fröhlich zuwinken, spirituelle Texte lesen, z.B. von Thomas Merton, singen, lachen, tanzen, und sich darauf freuen, dass wir irgendwann wieder Feste miteinander feiern können. Ich jedenfalls freue mich heute schon darauf, wenn ich das erste Mal wieder Gäste zum Essen einladen kann. Egal, wann das sein wird.

Buchhinweis: Hildegund Keul; Thomas Müller (Hg.): Verwundbar. Theologische und humanwissenschaftliche Perspektiven zur menschlichen Vulnerabilität. Echter verlag 2020, 19,90 Euro.

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