Im aufrechten Gang zur Einheit

30 Jahre Einheit: Als sich am 3. Oktober die beiden deutschen Staaten wiedervereinigten, erreichte ein Jahr rasanter Veränderungen seinen Höhepunkt. Bei allem, was nicht perfekt war oder ist, bleibt dieser Tag ein Grund zum Danken.
Von Markus Meckel
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© Foto: picture alliance / dpa | Fabian Sommer

Wie die Kerzen des Herbstes 1989 wurde der Runde Tisch zum Symbol für die Gewaltlosigkeit des Prozesses der Befreiung aus einer Diktatur. Nach Jahrzehnten der kommunistischen Diktatur wurde die DDR mit der freien Wahl am 18. März durch die Selbstbefreiung ihrer Bürger zu einer Demokratie. Die DDR war aber eben nicht nur eine Diktatur gewesen, sondern war Teil Deutschlands, das nach dem Zweiten Weltkrieg und all den furchtbaren Verbrechen von den Siegermächten geteilt wurde. Beide deutschen Staaten gehörten jeweils den feindlichen Blöcken des Kalten Krieges an. Im Spätherbst 1989, als die Freiheit die Oberhand gewann und die Menschen die Angst verloren hatten, zeigte sich schnell, dass die große Mehrheit der DDR-Bürger die deutsche Einheit wollte. So prägten die Perspektive der Einheit und der Streit, wie diese zu erreichen wäre, schon auf dem Weg zur freien Wahl die öffentliche Debatte.

Die im Spätsommer 1989 aus den kleinen Gruppen der demokratischen Opposition entstandenen Bewegungen und Parteien, die in der Friedlichen Revolution zu den wesentlichen politischen Kräften wurden, kämpften für Freiheit und Demokratie. In der Frage der Einheit waren sie gespalten. Als die Frage nach dem Weg zur Einheit Anfang 1990 mehr und mehr ins Zentrum rückte, verloren diese Kräfte immer mehr an Rückhalt. Die Menschen in der DDR schauten zunehmend nach Westen, setzten ihre Hoffnungen auf die Bundesregierung mit Helmut Kohl an der Spitze. Die Koalitionsparteien in der Bundesrepublik verbündeten sich nach anfänglichen Bedenken mit den Blockparteien in der DDR, die bis dahin fest an der Seite der SED gestanden hatten. So gewannen diese haushoch die ersten freien Wahlen, hatte doch die westdeutsche Bundesregierung diesen alle Unterstützung zugesagt, vor allem die Währungsunion.

Die erste in der DDR frei gewählte Regierung übernahm nun den Wählerauftrag, die deutsche Einheit anzustreben und damit sich selbst abzuschaffen. In den »Zwei-plus-vier«-Verhandlungen galt es, die Akzeptanz der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs für die Einheit zu erhalten. Hier waren schwierige sicherheitspolitische Fragen zu lösen. Mit der Bundesregierung wurden die nötigen Verträge verhandelt, der zur Währungsunion wie der zur Vereinigung beider deutschen Staaten. Es galt ja, die völlig anders strukturierte und gestaltete Gesellschaft der DDR in die Rechtsstrukturen der Bundesrepublik einzugliedern. Hier gab es vielfältige Diskussionen. Sollte wirklich einfach alles aus dem Westen übernommen werden? War im Osten wirklich alles schlecht? Konnte nicht auch Neues entstehen?

Die Verhandlungen waren umstritten und von der DDR-Bevölkerung selbst wenig geachtet. Bei vielen galten sie als Zeitverschwendung und Verzögerung der Einheit. Gleichzeitig waren sie von der manchmal gnadenlosen Dominanz des Westens geprägt. Das Ergebnis dieser Verhandlungen und der Entscheidungen der am 18. März gewählten Volkskammer war die deutsche Einheit am 3. Oktober 1990.

Was auch immer sonst gesagt werden kann, der Weg in die Einheit war der aufrechte Gang der DDR-Bürger in diese von ihnen gewünschte Einheit. Auch wenn nicht alle Träume wahr wurden, ist es doch die Glücksstunde der Deutschen im 20. Jahrhundert zu nennen: wir Deutschen in Freiheit und Demokratie vereint, mit der Zustimmung unserer Nachbarn, und das 45 Jahre, nachdem wir so viel Schrecken über ganz Europa gebracht hatten! Welch ein Grund zur Dankbarkeit!

Markus Meckel war letzter DDR-Außenmininister. Von ihm erschien in diesem Jahr das Buch »Zu wandeln die Zeiten« (EVA).

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