Als die Bibel neu zur Welt kam

500 Jahre Luther-Bibel: 1522 übersetzte Martin Luther auf der Wartburg meisterhaft das Neue Testament ins Deutsche, damit es allem Volk zugute käme – eine weltverändernde Tat, die 2022 gefeiert wird.
Von Jochen Birkenmeier
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Als der Schriftsteller Senthuran Varatharajah jüngst von der Wartburg zurückkehrte, wo er sich in den Fußstapfen Martin Luthers auf eine mehrwöchige Zwiesprache mit der Lutherbibel eingelassen hatte, staunte er rückblickend über die »Masse an Himmel«, die ihn auf der Burg umgeben und »jedes Mal sprachlos gemacht« habe. Auch Luther wähnte sich 1521, hoch droben auf der Wartburg, dem Himmel nah und entrückt ins »Reich der Vögel« – sprachlos war der Reformator allerdings nie. Im Gegenteil: Nach eigenem Bekunden schrieb er seit seiner Ankunft »ohne Unterbrechung«, wenngleich unter enormen körperlichen und seelischen Belastungen, die er als Anfechtungen des Teufels verstand. Das sicherlich bedeutendste Ergebnis dieser schwierigen, aber außerordentlich schöpferischen Zeit ist die Übersetzung des Neuen Testaments.

Luther begann sie nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf Bitten seiner Wittenberger Weggefährten – insbesondere Philipp Melanchthons –, die er Anfang Dezember 1521 heimlich besucht hatte. Ihrem Drängen kam Luther nach seiner Rückkehr auf die Wartburg schließlich am 18. Dezember nach: Von diesem Tage sind zwei Briefe überliefert – einer an Johannes Lang in Erfurt, in dem er den Beginn der Bibelübersetzung ankündigt, und ein zweiter an Wenzeslaus Link in Nürnberg, in dem er berichtet, dass er mit der Arbeit schon begonnen habe. Sie dokumentieren den Startpunkt eines Projekts, das Luther sein ganzes Leben lang begleiten sollte und das er als Kern- anliegen der Reformation betrachtete: »Wenn doch jede Stadt ihren eigenen Dolmetscher hätte und dies Buch allein in aller Zunge, Hand, Augen, Ohren und Herzen wäre!« Die Wittenberger rannten also offene Türen ein: In seiner »Weihnachtspostille« hatte Luther bereits verkündet, dass Gläubige auf die besten Predigten und theologischen Auslegungen verzichten könnten, wenn sie in der Lage wären, die Heilige Schrift selbst zu lesen. Das Psalmwort »Könnte ich doch hören, was Gott der HERR redet« (Ps 85,9) verstand Luther daher als Auftrag, die Bibel auch jenen zugänglich zu machen, die Latein, Griechisch und Hebräisch nicht verstanden – damit sie Gottes Wort »selbst fassen, schmecken und dabei bleiben.«

Das Übersetzen war allerdings schwieriger als angenommen: Am 14. Januar 1522 bekannte Luther in einem Brief an Nikolaus von Amsdorf, dass er sich »eine Last aufgeladen habe, die über meine Kräfte geht«. Die Übersetzung des Alten Testaments stellte er deshalb zurück und schlug vor, die Übertragung der gesamten Bibel als Gemeinschaftsprojekt anzugehen: Sie sei »ein großes Werk und wert, dass wir alle daran arbeiten, weil es ein Werk für die Öffentlichkeit ist und dem Heil aller dienen soll.« Das Neue Testament aber bewältigte er selbst, mit großer Disziplin und atemberaubendem Tempo, innerhalb von nur 73 Arbeits- tagen. Nach seinem Abschied von der Wartburg am 1. März 1522 überarbeitete Luther sein Manuskript mit Hilfe Melanchthons. Es erschien im Herbst desselben Jahres als »Septembertestament« und kurz darauf, wegen des großen Erfolgs, in verbesserter Auflage als »Dezembertestament«. Die Wirkung dieser Bibelübersetzung war enorm: Sie schuf nicht nur einen neuen Zugang zur Heiligen Schrift und die Grundlage einer gemeinsamen deutschen Schriftsprache, sondern inspirierte auch volkssprachliche Bibelübersetzungen in vielen anderen Ländern Europas.

Luthers epochale Leistung ist für den Freistaat Thüringen Grund, 2022 ein Jubiläumsjahr unter dem Titel »Welt übersetzen« zu begehen und neben der Macht der Sprache auch Übertragungen in Musik, Literatur und Kunst in den Blick zu nehmen. Seien Sie deshalb herzlich eingeladen, im kommenden Jahr die Kraft des Wortes neu zu »schmecken« und die »Masse an Himmel« selbst zu erleben!

Jochen Birkenmeier ist wissenschaftlicher Leiter des Eisenacher Lutherhauses.

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