»Fragt mich, noch bin ich da!«

Holocaust-Gedenktag: Auch mit über 90 Jahren berichtet der Überlebende Abba Naor vom Grauen des NS-Terrors, den er und seine Familie erlitten. Er ist einer der letzten lebenden Zeitzeugen.
Von Anja Boromandi
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Zeitzeugnis: Der Holocaust-Überlebende Abba Naor erzählt Schülern (Foto von 2018), was er und seine Familie in der NS-Zeit erleiden mussten. Er war unter anderem im Ghetto Kaunas und KZ Stutthof. © Foto: Anja Boromandi

In der Ferdinand-von-Miller-Realschule in Fürstenfeldbruck warten die Schüler gespannt auf Abba Naor. Er ist einer der letzten Überlebenden des Konzentrationslagers Dachau, außerdem Vizepräsident des Internationalen Dachau Komitees. Akkurat im Anzug, mit roter Krawatte, betritt der Mann von kleiner Statur den Klassenraum. Trotz seines hohen Alters wirkt er energisch.

Er beginnt zu erzählen. Von Litauen, dem Land, in dem er geboren wurde. Von der Stadt Kaunas, wo er mit seinen Eltern und den beiden Brüdern zunächst eine unbeschwerte Kindheit erlebte. »Wir waren eine ganz normale Familie. Mein Vater hatte in der litauischen Armee gekämpft, war bei der freiwilligen Feuerwehr. Von Politik und dem, was um uns herum passierte, hatten wir Kinder ja keine Ahnung.« Das änderte sich schlagartig mit Hitlers Überfall auf Russland am 22. Juni 1941. Um sich vor den Bombardierungen zu schützen, floh Naors Familie zunächst zu Fuß ins 80 Kilometer entfernte Vilnius und versteckte sich dort in einem Keller, bevor sich ihr Vater entschloss, nach Kaunas zurückzukehren. Doch dort war nichts mehr wie zuvor. Als Abba Naor sich dem alten Elternhaus näherte, schrie die Nachbarin, die er bislang immer nur freundlich kannte: »Aha, die Juden kommen zurück.« Daraufhin, so Naor, seien sie bei einer Tante untergekommen. Einige Tage später kam eine Anordnung der SS-Führung. Sie mussten ihre Wohnung verlassen und in eines der beiden umzäunten Ghettos umziehen. Naor schildert den Alltag dort. Erzählt davon, wie Eltern ihre Kinder zum Einkaufen schickten, weil sie dachten, ihnen könne nichts geschehen. 26 wurden geschnappt und erschossen. Unter ihnen war auch Abba Naors älterer Bruder. »Wir wollten das nicht glauben und hofften lange, dass er eines Tages zurückkommen würde.« Sie warteten vergebens. »Von ursprünglich 60 000 jüdischen Kindern aus Litauen überlebten am Ende nur 350. Ich war eines davon …«

Auf der Wand hinter Abba Naor erscheint das Bild eines Mannes in SS-Uniform. »Karl Jäger wollte Litauen so schnell wie möglich ›judenrein‹ haben erklärt Naor. Jäger habe darüber Buch geführt, denn man kann Menschen ja nicht einfach so umbringen, ohne zu wissen, wer sie waren«, bemerkt er bitter. Das nächste Foto zeigt Berechnungen zum Ghetto Kaunas, die Jäger Anfang 1942 handschriftlich gemacht hat. Zahlen über die Todesstatistik. »Ich frage mich immer wieder, ob seine Hand nicht gezittert hat, als er das schrieb«, überlegt Naor laut. Bis 1959, berichtet er noch, lebte Jäger als freier Mann, erst dann wurde er verhaftet. Dann beging er Selbstmord.

Naor bleibt bei einer Schülerin stehen und betrachtet ihre zerlöcherte Jeans. »Warum hast du eine kaputte Hose an? Dafür zahlt man Geld? Ist das Mode?« fragt er mit gespielter Entrüstung. Die Schüler lachen. Dann wird er wieder ernst. Am 28. Oktober 1941 mussten sich alle Ghettobewohner auf einem Platz versammeln. Stundenlang standen sie da. Dann begann die Selektion. »Die Männer, die über Leben und Tod zu entscheiden hatten, haben nicht gesprochen. Sie haben nur nach rechts oder links gezeigt. An diesem Tag wurden fast 10 000 nach rechts geschickt, von 22 unserer Familienmitglieder waren wir nur noch 15.« Er habe gehört, dass die Leute erst Gruben ausheben mussten und dann erschossen wurden. »Einzig die kleinen Kinder hat man verschont. Die hat man nicht erschossen …« Die Schüler atmen durch. »… die hat man lebendig in die Gruben geworfen,« fügt er hinzu. Entsetzen in den Gesichtern der Jugendlichen. Es ist schwer auszuhalten, was Abba Naor sagt. Er mutet ihnen viel zu. »Ich frage mich immer, wenn ich es ausspreche: Glaubt ihr mir das? Dass ein Mensch so zu einem anderen Menschen ist? Dabei erzähle ich euch nur einen Bruchteil von dem, was ich erlebt habe.«

Dazu zählen auch seine Erinnerungen an die Zeit in verschiedenen Konzentrationslagern. Am 26. Juli 1944 musste Abba Naor im KZ Stutthof, das im heutigen Polen liegt, mit ansehen, wie seine Mutter und sein jüngster Bruder in einer Kolonne abtransportiert wurden. »Sie kamen nach Auschwitz und wurden am selben Tag vergast«, sagt er tonlos.

Das letzte Kapitel seiner Odyssee sei der Todesmarsch an die Schweizer Grenze gewesen. Es habe geregnet und geschneit, neun Tage und neun Nächte lang. Verpflegung null. »Manche Frauen am Straßenrand wollten uns Brot und Wasser geben, sie wurden vertrieben.« Viele Bilder haben sich in seinem Kopf eingebrannt. So wie die von dem toten Pferd am Straßenrand, aus dem Mitgefangene von ihm mit bloßen Händen versucht hätten, Fleisch zu reißen und zu essen. Einige wurden dabei erschossen. Am nächsten Tag, dem 2. Mai 1945, wurde Abba Naor von der US-Armee unter General Dwight D. Eisenhower befreit.

Was er nach der Befreiung zuerst gemacht habe, will ein Schüler von ihm wissen. »Gegessen«, lautet seine knappe Antwort. Nein, er meine die Jahre danach, hakt der Junge nochmal nach. Da sei er nach Israel gegangen, war beim Unabhängigkeitskrieg dabei und habe danach für den israelischen Geheimdienst gearbeitet.

Naor packt seine Unterlagen zusammen. Er muss zu seinem nächsten Termin. In der Gedenkstätte von Dachau warten Mary Jean Eisenhower und Merrill Eisenhower Atwater auf ihn, die Enkelin und der Urenkel von General Eisenhower, dem späteren US-Präsidenten. Für Naor ein ganz besonderer Moment, an den er damals sicher nie geglaubt hätte – die Nachkommen des Mannes zu treffen, der ihm sozusagen seine Freiheit schenkte. Genau an dem Ort, an dem er so gelitten hat. Hat er damit nie Probleme gehabt, ausgerechnet dorthin zurückzukehren? »Ach wissen Sie, als ich damals zum ersten Mal die Einladung zur Teilnahme an der Gedenkfeier in Dachau bekam, meinte ich zu meiner Frau: ›Schau mal, diesmal sogar mit Rückfahrkarte.‹ Und ich muss Ihnen sagen, auch die Essensverpflegung ist dort inzwischen deutlich besser geworden.«

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