Betroffene nicht allein lassen

»Fall Ströer«: Landesbischof Tobias Bilz über die ans Licht gekommenen Taten des früheren Jugendwarts Kurt Ströer, das Leid der Betroffenen und die anstehenden drei Herausforderungen der Landeskirche im Umgang mit sexuellem Missbrauch.
Von Landesbischof Tobias Bilz
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»Das Ausmaß der Taten ist erschreckend«: Landesbischof Tobias Bilz ist erschüttert über den Missbrauch im Raum der Kirche. Er will das Leid der Betroffenen in den Mittelpunkt stellen. © Foto: Steffen Giersch

Wohlbach und Neudiethendorf, Hüttengrund und Dahme/Mark – mehr als zehnmal war ich als Junge und Jugendlicher mit Kurt Ströer auf Rüstzeiten unterwegs. Ich habe ihn vor meinem inneren Auge und bleibend im Gedächtnis: sein lautes Lachen und seine dynamische Art zu erzählen, seinen Eifer gegen das, was ihn ärgerte und seine Sprechweise, die Generationen von Jugendmitarbeitern nachgeahmt haben. Jetzt muss ich schmerzhaft zur Kenntnis nehmen, dass viele Rüstzeitteilnehmer, Besucher seiner Jugendabende und vor allem Teilnehmende an Einzelgesprächen andere Erinnerungen haben. Ihnen wurde von Kurt Ströer sexuelle Gewalt angetan.

Sexualstraftäter sind Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, oft beziehungsstark und von einnehmendem Wesen, Personen mit einer positiven bis faszinierenden Ausstrahlung und gutem Ruf. Ja, Kurt Ströer war ein Sexualstraftäter, daran kann kein Zweifel bestehen. Das belegen die Aussagen dutzender Betroffener genauso wie Eingeständnisse von ihm selbst, kurz vor seinem Tod. Nach damaligem und heutigem Recht hat er sich damit schuldig gemacht, indem er – seine Position als Jugendwart ausnutzend und sich durch seine Seelsorgepraxis Gelegenheit schaffend – über Jahrzehnte hinweg jungen Menschen sexuelle Gewalt angetan hat. Das Ausmaß seiner Taten ist erschreckend. Erschreckend vor allem deshalb, weil die persönliche Seelsorge als besonderer Raum des Schutzes, der Offenheit und der Zuwendung in ihr Gegenteil verkehrt wurde: Wo persönliches Heil vermittelt werden sollte, kam es stattdessen zu Übergriffen, die verknüpft mit religiöser Rhetorik ihre zerstörerische Wirkung entfaltet haben. Erschreckend aber auch, weil die Betroffenen bis heute mit den Auswirkungen zu kämpfen haben. Lebensperspektiven wurden zunichtegemacht und unauslöschbare Erinnerungen hinterlassen. Für diese Schuld gibt es keine Verjährung, die Zeit heilt diese Wunden nicht.

Als Landeskirche stehen wir nach ersten Bemühungen der Aufarbeitung vor einer dreifachen Herausforderung. Es gilt zunächst, das Leid der Betroffenen wahr- und ernstzunehmen, ihren Schilderungen Glauben zu schenken und ihren Erfahrungen das Gewicht zu geben, welches ihnen gebührt. Dafür gab und gibt es bereits Möglichkeiten und Gelegenheiten, weitere müssen gemeinsam mit den Betroffenen gefunden werden.

Hierhin gehören als Reaktion der Kirche Worte und Gesten des aufrichtigen Bedauerns und die Anerkennung des erlittenen Unrechts. Auch dieser Artikel soll dafür einen Beitrag leisten. Versuche, die Taten zu relativieren oder begangene Schuld mit segensreichem Wirken an anderer Stelle zu verrechnen, sind hier tabu. Es geht nicht um ein Urteil über die Persönlichkeit von Kurt Ströer. Es geht vielmehr darum, das Leid der Betroffenen in den Mittelpunkt zu stellen und nach Möglichkeit zu lindern.

Als Zweites muss in den Blick genommen werden, unter welchen Umständen die Taten damals stattfinden konnten. Welche Strukturen und Rahmenbedingungen haben sie ermöglicht oder begünstigt? Was wurde getan, aber auch versäumt und welche Verantwortung wurde nicht wahrgenommen? Für diesen Teil der Aufarbeitung wird die Landeskirche die Unterstützung durch unabhängige Sachverständige in Anspruch nehmen. Diese Arbeit ist auch deshalb wichtig, weil es neben der Aufklärung darum gehen muss, solche Taten in Zukunft zu verhindern.

Schließlich bedarf es auch einer theologischen Aufarbeitung. Die Verknüpfung von sexualisierter Gewalt mit geistlichem Handeln stellt eine besonders schlimme Form der Überwältigung dar – und sie wirft auch eine ganze Reihe von Fragen auf, die die Seelsorge- und Glaubenspraxis betreffen. Dabei geht es nicht nur darum, welche Rahmenbedingungen für Einzelgespräche gelten. Noch wichtiger scheint es zu sein, verbreitete theologische Grundannahmen zu überprüfen. Welches Gewicht kann ein Bekehrungserlebnis für den Glaubensweg haben und wie kommt es zustande? Welche Bedeutung haben geistliche Vorbilder oder starke Persönlichkeiten für die Glaubensentwicklung? Welche Folgen hat es, wenn in der Verkündigung mit Angst gearbeitet wird? Wir sprechen heute von geistlichem Missbrauch, wenn Personen oder Gruppen durch machtvolle Strukturen oder die Dominanz einzelner Persönlichkeiten ihrer religiösen Selbstbestimmung beraubt werden. Auch dieses Thema braucht unsere volle Aufmerksamkeit und Formate der Befassung.

Vor wenigen Wochen habe ich mit einer großen Gruppe Betroffener gesprochen. Dabei ist mir erneut bewusst geworden, wie wichtig für sie und für unsere Kirche eine konsequente Aufarbeitung ist. Das ist und wird kein leichter und auch kein schnell zu gehender Weg. Umso wichtiger ist es, dass wir ihn jetzt gemeinsam beschreiten. Die Betroffenen gehen diesen Weg schon viel zu lang allein.

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