Kohle weg, Pfarrer da

Strukturwandel: In der Lausitz begleitet Pfarrer Alexander Stokowski die Veränderungen im Zuge des Kohleausstiegs. Erster Höhepunkt: Der Lausitz Kirchentag 2022.
Uwe Naumann
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Pfarrer für eine Region im Wandel: Alexander Stokowski vor dem Schaufelradbagger 1452 nahe des Berzdorfer Sees. Er soll die Veränderungen im Rahmen des Kohleausstiegs in der Oberlausitz begleiten und gestalten. © Steffen Giersch

Im ehemaligen Pfarrhaus in Tauchritz kommt für Pfarrer Alexander Stokowski alles Wichtige seiner neuen Arbeit zusammen. Das Haus neben der Kirche trägt seit einigen Jahren den Namen »Haus am See«. Ein Pfarrer wohnt in dem kleinen Ort am Berzdorfer See zwischen Görlitz und Ostritz längst nicht mehr. Dafür aber wurde die Pfarrwohnung im Obergeschoss in die Zeit vor 100 Jahren versetzt. Die »Tauchritzer Stuben« zeigen das Leben und Arbeiten, wie es früher in dem Lausitzer Ort war. Dazu gehört auch die Braunkohle, die seit etwa 200 Jahren hier gefördert wird. Ein ganzer Raum widmet sich den Veränderungen, die der Bergbau mit sich brachte. Dabei geht es nicht nur um Landschaften – bis 2038 geht es auch um über 8000 Arbeitsplätze, die direkt an der Braunkohle hängen.

Die Veränderungen im Zusammenhang mit dem gesetzlich festgelegten Ausstieg aus der Kohleverstromung bis 2038 werden unter dem Schlagwort Strukturwandel zusammengefasst. Um die Klimaziele zu erreichen und die Kohlekraftwerke vom Netz zu nehmen, finanziert die Bundesregierung in den drei deutschen Kohlerevieren eine Strukturhilfe. Für die Lausitz erhalten Sachsen und Brandenburg sechs Milliarden Euro bis 2038.

Pfarrer Alexander Stokowski soll den Strukturwandel in der Oberlausitz kirchlich begleiten und gestalten. Der gebürtige Pole kam als Kind mit seinen Eltern aus dem oberschlesischen Kohlerevier nach Berlin. »Mein Großvater war Bergmann«, sagt der 37-Jährige. Seit einem Jahr hat er eine besondere Pfarrstelle, die an die Kohletradition anknüpft: 50 Prozent seiner Arbeit bezahlt die Landeskirche Sachsens – zumindest für sechs Jahre. Das geschieht über eine der Pfarrstellen, die unter der Marke »Kirche, die weiter geht« im Rahmen der Initiative »Missionarische Aufbrüche« in Sachsen vergeben wurden. Der Kirchenbezirk Löbau-Zittau möchte mit dieser befristeten Stelle den Strukturwandel landeskirchen- und länderübergreifend begleiten.

Auf Seiten der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (EKBO) gibt es dafür seit 2017 das »Zentrum für Dialog und Wandel« in Cottbus. Leiter Matthias Scheufele bereitet mit Alexander Stokowski den »Lausitz Kirchentag« im Juni 2022 in Görlitz vor. »Wir wollen Angebote machen, die Kraft und Zuversicht in dieser schwierigen Situation bringen«, sagt Stokowski. Jenseits des Kirchentags plant er Bildungsangebote zum Thema Strukturwandel und hält dazu Gottesdienste.

Die andere Hälfte seiner Arbeitszeit ist der verheiratete Familienvater Pfarrer für die EKBO – in der Versöhnungskirchengemeinde Görlitz. Dort bekommt er den Strukturwandel direkt in den Orten und bei den Menschen um den ehemaligen Tagebau und heutigen Berzdorfer See mit, etwa auch im 200-Seelen-Ort Tauchritz. »Ich stoße hier auf Traurigkeit, weil Menschen ihre Heimatorte verloren haben«, erzählt der Pfarrer von den Erfahrungen der Älteren. Jüngere verlieren teilweise ihre Arbeit durch den Kohleausstieg und ziehen weg. Die Abwanderung – zwischen 1995 und 2015 ging knapp jeder fünfte Lausitzer – ist nicht gestoppt.

Die Veränderungen sind vergleichbar mit dem Leipziger Land, wo das mitteldeutsche Braunkohlerevier Landschaften und dutzende Orte samt Kirchen verschlungen hat. Zuletzt kämpften die Einwohner von Pödelwitz mit ihrer Kirche gegen die Abbaggerung. Der Kohleausstieg hat sie gerettet. Die Nähe zur Großstadt Leipzig federt auch einige negative Begleiterscheinungen des Strukturwandels ab.

Alexander Stokowski erzählt von einem Gesprächsabend mit Jugendlichen. Sie hätten zum Thema Strukturwandel gesagt, dass der jetzt eher in der Niederlausitz passiere. »In der Oberlausitz hat er längst stattgefunden«, hat auch der Pfarrer schon gemerkt. Kommt er mit seiner Arbeit zu spät?

Tatsächlich sind Braunkohle-Tagebaue nur noch im Norden und auf polnischer Seite aktiv. Mit den Folgen längst geschlossener Tagebaue muss sich die Oberlausitz aber weiterhin auseinandersetzen. So wurde der Tagebau Berzdorf zwar 1997 stillgelegt und später geflutet. Doch bis jetzt ist seine Entwicklung voll im Gange: Badestrände, Hafen, Wander- und Erholungsmöglichkeiten, neue Hotels und Gaststätten. Und das ehemalige Pfarrhaus in Tauchritz, für das Heimatverein, Kirchgemeinde und der Verein Oberlausitzer Bergleute gemeinsam neue Perspektiven als »Haus am See« eröffnet haben. »Aus einer Mondlandschaft kann also auch ein Paradies werden«, sagt der Pfarrer. Diese und die christliche Hoffnung möchte er zu den Menschen tragen.

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