Die Menschen aufwecken

Singender Sucher: Liedermacher Bob Dylan ist 80 Jahre alt geworden. Sein höchst erfolgreiches Werk zeugt auch von einer lebenslangen Suche nach Gott. Dessen Gnade und Liebe sind für Dylan zentral. Aber festlegen lässt sich der Sänger und Nobelpreisträger in Sachen Religion nicht.
Von Uwe Birnstein
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Bob Dylan
Bob Dylan auf seiner lebenslangen Tournee durch die ganze Welt: Hier bei einem Auftritt 2015 beim Festival de Pedralbes in Barcelona. © akg-images/Album/Martí E. Berenguer

Protest-Sänger«. »Folk-Barde«. »Rock-Poet«. »Wiedergeborener Christ«. Bob Dylan hat während seiner Karriere viele Etiketten ertragen müssen. Souverän hat er sie allesamt abgeschüttelt. Ihm macht es Freude, die Erwartungen seines Publikums zu enttäuschen. »The Times, They Are a-Changing« – »die Zeiten ändern sich« – bleut er seinen Fans seit 1964 ein. Denn die bedrängten ihn oft mit Buhrufen und gnadenlosen Pfiffen, er möge doch gefälligst wieder zum jungen Mann mit Klampfe, Mundharmonika und Weltverbesserer-Pathos werden.

Bob Dylan, alias Robert Allen Zimmerman wurde 1941 in Duluth (im US-Bundesstaat Minnesota) geboren. Seine jüdischen Großeltern waren aus Russland und der östlichen Türkei in das Land eingewandert. Folk-Musik prägte ihn. So ehrlich und unverblümt wollte er auch singen. Mit 19 Jahren suchte er sein Glück in New York; im Künstler-Viertel Greenwich Vil­lage tauchte er in die Welt der kreativen Intellektuellen ein. Bob Dylan nannte er sich fortan, spielte Konzerte in kleinen Clubs und galt als Geheimtipp. Harry Belafonte erkannte sein Mundharmonika-Talent und holte ihn ins Studio. Schnell wurde Dylan als eigensinniger Folksänger berühmt. Mit Westerngitarre trat er auf großen Festivals auf, auch im August 1963 beim »Marsch auf Washington«, bei dem Martin Luther King seine berühmte Rede »I have a dream« hielt. Mit nasal-sehnsüchtiger Reibeisenstimme sang Dylan Songs über Krieg und Frieden und über das Schicksal der Mühseligen und Beladenen dieser Welt. »Blowin’ in the Wind«, später auch »Knockin’ On Heaven’s Door«, wurden zu Hymnen der weltweiten Friedensbewegung.

1965 tauschte Dylan die akustische gegen eine elektrische Gitarre aus und spielte fortan seine Songs auch in rockigen Versionen. Dieser Wandel brachte seine Fans erstmals gegen ihn auf. Doch der Status einer Protest-Ikone behagte ihm nicht, er wollte sich weiterentwickeln. Bei Auftritten in England beschimpften ihn Fans als »Judas«. Ein Motorradunfall unterbrach 1966 jäh seine Karriere. Dylan zog in ein Dorf nahe Woodstock, widmete sich ganz seiner Frau und seinem Sohn, für den er das fromme Segenslied »Forever Young« schrieb: »May God bless and keep you always« – »möge Gott dich segnen und immer behüten«. Für viele seiner Songs bediente er sich aus der Schatzkiste der biblischen Tradition. Es entstanden geniale, bisweilen auch surrealistische Wort-Collagen, die viele Deutungen erlauben. Irdische Gerechtigkeit und das Jüngste Gericht sind für ihn wichtige Themen. Daneben singt Dylan herzerweichende Liebeslieder, bei denen man oft nicht weiß: Besingt er die Liebe zu einer Frau – oder die zu Gott?

1979 bekehrte sich Dylan zu Jesus. In einer Lebenskrise hatte sich der Musiker von fundamentalistischen Christen betören lassen. Auf seinen CDs und bei Konzerten wirkte er nun fast wie ein Missionar, forderte die Menschen zur Entscheidung auf: »Wem dienst du – Gott oder dem Teufel?« (»Gotta Serve Somebody«) Nach drei Jahren war diese Phase ausgestanden. Ein Dylan lässt sich nicht einfangen.

Großartige tiefsinnige CDs erschienen danach, auf denen er mit dem Zeitgeist und der bleibenden Ungerechtigkeit, mit sich selbst und auch mit Gott ins Gericht geht. Aber er ist sich sicher, »dass es einen großen göttlichen Sinn hinter allem« gibt. Die Komplexität und Tiefe seiner Texte – Gedichte und Lieder – überzeugte 2016 auch das Nobelpreiskomitee und verlieh ihm den Literaturnobelpreis.

»I Contain Multitudes«, singt Dylan auf seiner aktuellen CD »Rough And Rowdy Ways« (2020), was sich in etwa übersetzen lässt mit »in mir sind viele«. Das wirkt, als wolle er seinen Fans nochmal klipp und klar erklären: Den Bob Dylan, den sie sich zurechtgezimmert und -geträumt haben, den gibt es so nicht. »I’m just like Anne Frank, like Indiana Jones / And them British bad boys, The Rolling Stones«, singt er. Das muss man erstmal schaffen: Die Grausamkeit der Nazi-Gewaltherrschaft mit hollywoodesker Erlösungskultur und Rockmusik in einem Atemzug zu nennen, ohne in Sarkasmus oder Oberflächlichkeit abzugleiten. Dylan formuliert mit wachrüttelnder Unbekümmertheit eine tiefe, selten ausgesprochene Lebensweisheit: In jedem Menschen schlummern viele Seiten, die ihr Recht einfordern. Manche scheinen so gegensätzlich, dass sie gedanklich und emotional kaum zusammenzubringen sind. Eine Lebenskunst ist es, sie miteinander zu versöhnen. Bob Dylans Lieder und sein bewegtes Leben zeigen: Bei dieser Aufgabe hilft dreierlei. Erstens die Musik. Zweitens die Rückbesinnung auf biblische Spiritualität. Und schließlich der Glaube an einen gnädigen Gott.

Lese-Tipp: Uwe Birnstein: »Forever Young, Bob Dylan!« Wie der Rock-Rebell Gott sucht, Eigen- sinn lebt und den Frieden besingt. Verlag Neue Stadt 2021.

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