Gerhard Lindemann verstorben

Trauer um Dresdner Kirchenhistoriker
Stefan Seidel
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Gerhard Lindemann
Gerhard Lindemann (1962–2020) © TU Dresden/Jana Höhnisch

Plötzlich und unerwartet ist der Dresdner Kirchenhistoriker Gerhard Lindemann im Alter von 57 Jahren verstorben. Lindemann lehrte seit 2004 am Institut für Evangelische Theologie der Technischen Universität (TU) Dresden. Seine Forschungsschwerpunkte lagen in der Aufarbeitung der Kirchengeschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert sowie der Antisemitismusforschung. Als Experte dazu wirkte er in vielen kirchlichen Kommissionen mit. In der Landeskirche Sachsens hatte er zuletzt als Mitglied einer Expertengruppe mitgearbeitet, die einen Klärungsprozess zwischen christlichem Wertkonservatismus und Rechtsextremismus vorbereitet. »Mit scharfem Blick für historische Zusammenhänge und großer persönlicher Konsequenz trat Gerhard Lindemann für seine Überzeugungen ein und hat dafür auch erhebliche Nachteile in Kauf genommen«, heißt es in einem Nachruf auf der Internetseite der TU Dresden.

Auch dem SONNTAG stand Lindemann oft als Experte zur Verfügung. So mahnte er insbesondere in den Wahljahren 2017 und 2019 vor einer Verharmlosung der AfD durch kirchenleitende Äußerungen und forderte klaren kirchlichen Widerspruch zu Demokratieverachtung sowie Ausgrenzung von Minderheiten. Auch kritisierte er, die Kirchenleitung habe gar nicht oder nur zögerlich rechten Gewaltandrohungen gegen Pfarrer ihrer Landeskirche widersprochen. Die schwere kirchliche Mitschuld an der NS-Judenverfolgung war für ihn eine Verpflichtung zu Klarheit der Kirche gegenüber dem erstarkendem Rechtspopulismus. »Zeitgemäßes kirchliches Erinnern bedeutet auch, aktuellen Grenzüberschreitungen und Diskriminierungen beziehungsweise Diskriminierungsversuchen entschieden entgegenzutreten«, sagte er vor zwei Jahren dem SONNTAG. Das Institut für Evangelische Theologie an der TU Dresden würdigte Gerhard Lindemann mit diesen Worten: »Sensibel hat er Ungerechtigkeiten registriert und sich aufrecht und mutig gegen rechte und populistische Umtriebe in Kirche und Gesellschaft gestemmt.« Dabei sei er immer positiv und fröhlich gewesen. »Wer Gerhard Lindemann begegnete, traf auf einen humorvollen, hilfsbereiten und sehr herzlichen Menschen«, heißt es in dem Nachruf.

Lindemann stammte aus einem evangelischen Pfarrhaus in Niedersachsen. Nach dem Studium der Theologie in Göttingen und Heidelberg war er u.a. ab 1992 an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg tätig. 2003 kam Lindemann nach Dresden, um am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung seine Arbeit fortzusetzen. 2017 erschien das von ihm mitherausgegebene Buch »Zwischen Christuskreuz und Hakenkreuz«, in dem die Biografien von Theologen der Landeskirche Sachsens im Nationalsozialismus aufgearbeitet werden. Die TU Dresden sowie das Hannah-Arendt-Insitiut trauern um einen engagierten Kollegen und zugewandten akademischen Lehrer, heißt es in dem Nachruf. Die Landeskirche wird sich zu einem späteren Zeitpunkt äußern. Die Trauerfeier findet am 10. Juni, 12 Uhr, in der Martin-Luther-Kirche Dresden statt. Teilnehmen können bis 100 Personen (ohne Anmeldung).

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