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Historiker warnt vor Sachsen-Bashing

epd
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© Zeitgeschichtliches Forum Leipzig/Punctum/Stefan Hoyer

Der Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig, Jürgen Reiche, hat in der Debatte um Rechtsextremismus vor einer Stigmatisierung Sachsens gewarnt. Es gebe ein »Sachsen-Bashing, das völlig unangebracht ist«, sagte der Historiker der »Berliner Zeitung« (Dienstag). Zudem sei es kontraproduktiv: »Denn dieses Bashing hilft nicht, Menschen zum Umdenken zu bewegen. Da stellt sich eher Trotz ein. Die Stimmung heizt sich auf«, sagte Reiche, der das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig seit 2015 leitet.

»Dass sich die Rechtsradikalen in ihrer Dreistigkeit mittlerweile sehr viel trauen«, überrasche ihn nicht. »Die Ursache ist sicher, dass man das Thema jahrzehntelang vernachlässigt hat«, sagte Reiche weiter. In Sachsen hätten die politisch Verantwortlichen immer gesagt, es gab und gibt kein Problem rechts. Dies räche sich jetzt: »Ähnliche Probleme gab und gibt es aber auch in Westdeutschland. Angefangen beim Oktoberfest-Attentat 1980 bis hin zum NSU und dem Fall Lübcke ist das eine fatale Entwicklung.«

Reiche betonte, »es gibt zwar im Osten sehr viel rechtsradikale Gewalt. Der Rechtsextremismus ist hier auch breiter aufgestellt. Das alles kann man nicht wegleugnen.« Auf der anderen Seite wäre es aber gut, »wenn man vom Westen aus mal genauer hinsehen und zum Beispiel wahrnehmen würde, dass es auch in Sachsen viele Bewegungen und Initiativen gegen rechts gibt«. Unter anderem existiere in Leipzig eine sehr liberale und engagierte Stadtgesellschaft, die gegen rechts und für die Demokratie auf die Straße geht.

Reiche sprach sich dafür aus, sich verstärkt der Diskussion zu öffnen: »Das tun wir hier im Zeitgeschichtlichen Forum – selbst wenn es manchmal ätzend ist.« Es gebe im Osten ein riesiges Redebedürfnis über das, was war, und das, was ist: »Es ist viel ausgeprägter als im Westen. Man hat den Leuten ja auch viel zugemutet, sie vielfach überfordert und ihnen jahrzehntelang trotzdem nicht zugehört.«

Reiche wurde den Angaben zufolge 1954 in Bernburg (Sachsen-Anhalt) geboren und floh 1960 mit seinen Eltern aus der DDR. Das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig zählte im vergangenen Jahr 220.000 Besucher. Mit Ausstellungen, Veranstaltungen, Online-Angeboten und Publikationen präsentiert das Haus deutsche Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart. Das Zeitgeschichtliche Forum ist eines der vier Museen der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Die Dauerausstellung präsentiert mit mehr als 3.200 Objekten die Geschichte von Teilung und Einheit, Diktatur und Widerstand in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR.

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