Mutiger vorangehen!

Neujahrs-Interview: Landesbischof Tobias Bilz will mehr Mut beim Klimaschutz – auch auf Kirchendächern – und mehr Flexibilität bei Arbeitszeiten. Er wünscht sich, dass Menschen keine Angst vor Verantwortung haben.
Katharina Rögner (epd)
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Ermutigung zum Gottvertrauen: Sachsens Landesbischof Tobias Bilz (58) wünscht sich im Neujahrsgespräch, dass es keine Angst vor Verantwortung gibt. Gerade in der jüngeren Generation sieht er jedoch ein Ringen mit Überforderung und Zukunftsängsten. Foto: epd-bild/Heike Lyding
Ermutigung zum Gottvertrauen: Sachsens Landesbischof Tobias Bilz (58) wünscht sich im Neujahrsgespräch, dass es keine Angst vor Verantwortung gibt. Gerade in der jüngeren Generation sieht er jedoch ein Ringen mit Überforderung und Zukunftsängsten. © epd-bild/Heike Lyding

Herr Landesbischof, es geht Ihnen ähnlich wie der Berliner Ampelregierung: Seit Ihrem Amtsantritt ist Krisenmodus angesagt – erst Corona, jetzt Krieg in der Ukraine mit spürbaren Folgen wie der Energiekrise. Wie wirkt sich das auf das Bischofsamt aus?
Tobias Bilz: Die jeweils aktuellen Probleme sind immer dominant. Aber wenn wir früh aufstehen und sich die Sorgen einstellen, sollten wir uns im Klaren darüber sein, dass die meisten Menschen auf der Welt gern unsere Probleme hätten. Die Aufgabe eines Bischofs ist immer eine doppelte: Zum einen muss er die Menschen zusammenhalten und zum anderen versuchen, Orientierung zu geben. Das ist in Krisenzeiten ebenso notwendig wie sonst.

Welche Themen stehen bei Ihnen derzeit ganz oben auf der Agenda?
In bestimmten Situationen erleben wir, dass Texte plötzlich Gewicht gewinnen. Bei mir ist es derzeit der Satz aus der Weihnachtsgeschichte: »Fürchtet euch nicht!« Sehr viele Menschen haben aktuell mit Ängsten zu tun. Das grundsätzliche Sicherheitsgefühl ist erschüttert und wird zunehmend von einer diffusen Angst abgelöst. Krisen erledigen sich nicht von selbst und können oft nicht sofort beendet werden. Ich wünsche mir für die Kirche, aber auch für die Gesellschaft, dass Menschen jetzt keine Angst vor Verantwortung haben. Als Kirche ermutigen wir zu Gottvertrauen.

Wie schlägt sich das von Ihnen beschriebene »erschütterte Sicherheitsgefühl« in der Seelsorge nieder?
Seelsorge bezieht sich immer auch auf die ganz persönliche Situation der Menschen. Mir fällt auf, dass vor allem die jüngere Generation mit Überforderung kämpft und von Zukunftsängsten geplagt ist. Menschen, die Angst haben, brauchen Zuhörer und Verständnis.

Sie wollten sich mit einer Vertreterin der Klimaschutzbewegung »Letzte Generation« treffen – fand das Gespräch inzwischen statt?
Bisher nicht, aber meine Einladung steht. Ich habe Verständnis für diese jungen Menschen geäußert. Ich möchte gern, dass wir – bevor wir Urteile sprechen oder Dinge sehr schnell rechtlich einsortieren, was natürlich auch sein muss – dass wir nach den Motiven der Menschen fragen. Warum tun sie etwas? Es ist die Aufgabe der Kirche, Dinge anzusprechen, die in den Herzen der Menschen sind.

Wie schätzen Sie die Aktionen der Klimaaktivistinnen und Klimaaktivisten ein?
Die Klimaproteste sind zunächst vor allem ein Signal: Wir stören euch in eurer Art und Weise, einfach weiterzumachen, weil wir das Gefühl haben, dass notwendige Veränderungen nicht konsequent genug angegangen werden. Die Blockaden auf Straßen und Flughäfen – das sind sehr symbolische Handlungen. Natürlich gilt Recht und Gesetz in unserem Land. Diese jungen Menschen wollen aber keine andere Gesellschaft bauen oder die freiheitlich-demokratische Grundordnung abschaffen. Der zivile Ungehorsam ist für sie eine Möglichkeit anzuzeigen, wie es ihnen geht.

Bekommen Sie für diese Haltung viel Kritik?
Ich würde sagen, es hält sich die Waage. Die einen sagen: »Vielen Dank, dass Sie das Anliegen sehen.« Die anderen fragen: »Was wird passieren, wenn wir Rechtsbruch gutheißen?« Die Frage des Rechts ist meiner Meinung nach noch nicht abschließend beantwortet. Sie ist aber wichtig. Ich versuche darüber hinaus im Blick zu behalten, worum es eigentlich geht.

Die Landeskirche wollte Empfehlungen zum Umgang mit der Energiekrise herausgeben. Wie weit sind Sie gekommen? Bleiben sächsische Kirchen in diesem Winter kalt?
Die Landeskirche hat für Kirchgemeinden die grobe Linie gezeichnet. Ich scheue mich davor, den Leuten im Einzelnen zu sagen, wo sie sparen sollen. Das muss man vor Ort entscheiden. Was ich aber wahrnehme ist, dass das ohnehin gemacht wird – auch ohne Ansage von oben, weil die Menschen ein hohes Verantwortungsbewusstsein haben.

Sollen vor dem Hintergrund knapper werdender Ressourcen dann nicht doch Kirchen aufgegeben oder zumindest verpachtet werden?
Das ist aktuell kein Thema. Aus der akuten Krisensituation zu schließen, Kirchen abgeben zu müssen, ist zu kurzfristig gedacht. Das machen wir nicht. Wenn wir das tun, dann muss langfristig geschaut werden, was wir an Kirchen haben und halten können und was nicht. Aber im Moment ist das kein Thema.

Etwa 90 Prozent der sächsischen Kirchen stehen unter Denkmalschutz. Landesdenkmalpfleger Furkert sieht darin eine Hürde, Anlagen für erneuerbare Energien auf Kirchendächern zu installieren. Wie sehen Sie das?
Ich denke, dass der Denkmalschutz und die energetische Nutzung von Kirchendächern zusammengedacht werden müssen und nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten. Die Kirchen sind nicht nur historische Gebäude, sondern sie spiegeln immer auch das Leben der jeweiligen Gegenwart wider. Viele Kirchen wurden über die Jahrhunderte umgebaut und modernisiert. Sie sind also auch gewachsene Gebäude. Sie verändern sich je nachdem, wie die Gemeinde in ihnen lebt. Wir brauchen eine Kombination – von dem, was wir erhalten wollen und was wir aktuell in diesen Gebäuden tun möchten.

Also plädieren Sie dafür, bei diesem Thema mutiger voranzugehen?
Ja, genau. Eine lupenreine Restauration historischer Gebäude, die dem gegenwärtigen Leben nicht entspricht, muss sich fragen lassen, ob dann aus der Kirche nicht ein Museum wird. Kirchen sind Orte geistlichen Lebens. Das Historische hat ohne Frage seinen Wert. Aber aus idealtypischen Anschauungen heraus sollte man nicht Dinge blockieren, die heute wichtig und notwendig sind.

Im Herbst hat in Dresden ein Treffen aller Pfarrerinnen und Pfarrer der Landeskirche stattgefunden. Was wurde ihnen gespiegelt?
Es ist wichtig, dass alle in einer Dienstgemeinschaft unterwegs sind. Der Teamgedanke ist entscheidend, gerade wenn Stellen nicht besetzt sind und ausgeglichen werden müssen. Nicht alle Bedingungen sind optimal, aber die Mehrheit nimmt mit einer hohen Zufriedenheit ihren Dienst wahr. Die Vakanzen sind aber schon ein Problem. Wir als Kirche müssen überlegen, wie wir junge Menschen für die kirchlichen Berufe gewinnen können.

Da sind wir beim Thema Nachwuchssorgen. Wie gehen Sie damit um?
Es gibt aktuell insgesamt weniger junge Menschen als noch vor Jahren. Dann kommen naturgemäß auch weniger Menschen für den Pfarrberuf infrage. Berufe, die einen starken persönlichen Einsatz fordern, haben es ohnehin schwerer, Nachwuchs zu gewinnen als andere. Da unterscheidet sich das Bäckerhandwerk nicht vom kirchlichen Personal oder von Ärztinnen und Ärzten. In diesen Berufen muss man überdurchschnittlich viel geben. Junge Leute setzen heute aber andere Prioritäten, schauen zum Beispiel stärker nach Rahmenbedingungen und wollen ausreichend Zeit für die Familie haben. Darauf muss reagiert werden.

Wie gehen Sie als Landeskirche mit der Überforderung von Pfarrerinnen und Pfarrern wegen zahlreicher Dienste um?
Vor dem Hintergrund der Gefahr von Überforderung und Burnout müssen wir uns neu fragen, was die Aufgaben eines Pfarrers oder einer Pfarrerin sind. Auch für die Gemeindepädagogik trifft das zu. Wir müssen nach dem notwendigen Kerngeschäft fragen und das Profil schärfen. Dagegen kann ein Teil der Verwaltungsaufgaben abgegeben werden. Wir wollen Arbeitsstrukturen schaffen, die für die Beschäftigten mehr Flexibilität ermöglichen – etwa in der Arbeitszeit.

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