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In unvollendeter Mission

Diakonie: 150 Jahren wird die Innere Mission in Sachsen alt – ihre Erfolge, aber auch ihre Herausforderungen sind jung geblieben. Und fordern neue Antworten.
Andreas Roth
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© Steffen Giersch

Ungezählt sind die Menschen, die Hilfe fanden bei Sachsens Diakonie. Das ist das Wichtigste. Zählbar dagegen sind die Herausforderungen, vor denen die evangelische Sozialarbeit im Freistaat an ihrem 150. Geburtstag steht. Es sind fast die Gleichen wie am Anfang ihrer Geschichte.

»Die Problemlage im Jahr 1867 unterscheidet sich nicht sehr von unserer Situation heute«, sagt die Dresdner Historikerin Bettina Westfeld, die die 150-jährige Geschichte der Inneren Mission in Sachsen zum Jubiläum in einem Buch beschreibt. Schon damals schwand die Bindung an die Kirche – und soziale Probleme drängten. Und schon im Umfeld der Gründung des Hauptvereins der Inneren Mission in Sachsen am 30. September 1867 zeigte sich noch etwas: eine Distanz zwischen Kirchgemeinden und Diakonie.

Mancher Pfarrer fürchtete durch die soziale Arbeit eine »den Glauben bedrohende Vielgeschäftigkeit«, andere sahen das »Ansehen der geistlichen Ämter geschmälert«, wieder andere sorgten sich um das lutherische Profil. Von Anfang an finden sich in den Akten Klagen über das Desinteresse von Kirchgemeinden gegenüber der diakonischen Arbeit. Als der Landesverband die Gemeinden 1901 um Spenden für seine wachsende Arbeit bat, kamen ganze 769 Mark zusammen. Die Folge dieser Distanz: die Diakonie wurde eine Sache von Profis, ausgebildet in eigenen Einrichtungen. Ein Werk mehr neben als in den Kirchgemeinden.

»Doch die Organisation der Inneren Mission als Verein, der in die Landeskirche eingebunden ist und zugleich ein freies Spielbein hat, erwies sich als sehr erfolgreich«, stellt die Historikerin Bettina Westfeld fest. Eine Spannung aber bleibt bis heute: Darf Kirche den Auftrag Jesu, Menschen in Not zu helfen, so einfach an die professionelle Diakonie auslagern?

Die Innere Mission wuchs schnell. Und ging dafür auch manchen Pakt mit dem Kapital ein. Auch dessen Kehrseite zeigte sich schnell. Schon 1899 geriet der Dresdner Stadtverein für Innere Mission durch den Bau seines Vereinshauses in finanzielle Turbulenzen, die seine gesamte Arbeit in den Abgrund zu reißen drohten. Zehn Kirchgemeinden sprangen schließlich mit einem Darlehen in der für damalige Verhältnisse gigantischen Summe von 250 000 Mark bei, wogegen sich an der Kirchenbasis durchaus Protest gemeldet hatte. Die aktuelle Debatte um die Gründung der Diakoniestiftung in Sachsen, die mit Millionen Euro notleidende Kliniken auffängt, klingt da vertraut. Und stellt eine ganz ähnliche Frage: Umfasst der diakonische Auftrag Jesu auch die Gründung von Konzernen und riskante Geschäfte?

Spätestens mit ihrem Einsatz für Verwundete auf den Schlachtfeldern im Krieg gegen Frankreich 1870/71 ging Sachsens Diakonie noch eine weitere Verbindung ein: die mit dem Staat. In der Weimarer Republik verflocht sie sich vollends mit dem staatlichen Wohlfahrtssystem. »Die Innere Mission hat schnell gemerkt, wie begrenzt freie Spenden und Finanzierungsmöglichkeiten durch die Landeskirche sind. Deshalb brauchte sie ein gewisses staatliches Wohlwollen«, sagt die Hi­storikerin Bettina Westfeld. Die Schattenseite: In der Weltwirtschaftskrise geriet sie zwischen die Mahlsteine eines ausblutenden Wohlfahrtsstaates. Heute navigieren Diakonie-Manager wieder zwischen dem wachsenden Kostendruck auf dem Sozialmarkt und ihrem evangelischen Auftrag.

In den Monaten vor dem 150. Diakonie-Geburtstag sind all diese Fragen wieder lauter gestellt worden. »Die Landessynode sollte intensiv über das Verhältnis von Kirchgemeinden und Diakonie diskutieren«, fordert die Hi­storikerin, die zugleich Vizepräsidentin der Synode ist. Wäre es sogar einen Gesprächsprozess mit den Gemeinden wert?

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