Danke für den Überfluss

Kaufen, wegwerfen, kaufen: Man muss nicht immer über den Überfluss schimpfen. Man kann auch dankbar für ihn sein – wenn er nicht gerade zum Gott wird.
Andreas Roth
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Beim Erntedankfest tritt das Alltägliche in blumengeschmückten Kirchen kurz heraus aus seiner Selbstverständlichkeit. Im besten Fall lässt es Staunen. Denn der Überfluss in unseren Landen ist wirklich zum Staunen. Die Ausgaben der privaten Haushalte werden in diesem Jahr wieder einmal um 1,5 Prozent steigen, sagt die Gesellschaft für Konsumforschung voraus. Allein 151 Milliarden Euro gaben die deutschen im letzten Jahr für neue Kleidung, Elektroartikel, Möbel oder Heimwerkerbedarf aus – Tendenz weiter steigend.

Die dunkle Rückseite des Überflusses ist das Wegwerfen des Alten. Aber ist das verwerflich? Gott selbst ist nicht nur ein großer Schöpfer, sondern war – zumindest eine Zeit lang, glaubt man den Deutungsversuchen im Alten Testament – auch ein großer Wegwerfer. Als seine Schöpfung aus dem Ruder lief, schickte er eine Sintflut; als sein geliebtes Volk Israel seine Liebe nicht erwiderte, lieferte er es fremden Mächten aus.

Von der Leichtfertigkeit eines Shoppers erzählen diese alten Geschichten nichts. Sie erzählen das Gegenteil: von einem Gott, dem es das Herz zerreißt, wenn er wegwirft. Und der deshalb seinen Entschluss am Ende ändert. Mit Noah und seinem Volk schließt er Frieden, will nicht mehr wegwerfen – auch all das Unvollkommene, Zerschlissene, Böse nicht. Als habe er akzeptiert, dass auch dies Teile seiner Schöpfung sind. Aus Liebe.

Dem Menschen will das nicht gelingen. Er jagt ständig nach dem Neuen, dem Vollkommeneren. Je mehr er kauft, desto mehr wirft er weg. Das kann ein Frevel sein für die Schöpfung oder für andere Menschen. Oder für die Seele. Denn das Kaufen kann etwas Religiöses gewinnen. Deshalb sagte Jesus, dass eher ein Kamel durchs Nadelöhr kommt als ein Reicher ins Himmelreich. Weil sich an den Kauf der Dinge leicht die Hoffnung knüpfen kann, dass sie Glück bringen, Harmonie, Heil. Als hätte Jesus die Versprechen der modernen Werbeindustrie geahnt.

Und deshalb erzählte er die Geschichte von einem reichen Bauern, der immer mehr an Korn und Reichtum ansammelte, um endlich Ruhe für seine Seele zu finden. Da aber sprach Gott: »Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?« (Lukas 12,20).

Müsste dann das Erntedankfest nicht besser ein Fest der Warnung vor dem Teufelskreis des Konsums sein? Der freigebige Schöpfergott würde sich wohl missverstanden fühlen. Ganz am Anfang seiner Geschichte mit den Menschen hat er ihnen ja die Gaben der Erde zum Geschenk gemacht und hat sie beauftragt, die Welt zu bebauen. Der Überfluss ist im Alten Testament eine Verheißung. Man muss nicht nach China oder Indien fahren, wo Millionen Ärmste in den letzten Jahren zu einem bescheidenen Wohlstand kamen. Auch Ostdeutsche haben erfahren, was Mangel ist und dass Überfluss eine Befreiung sein kann.

»Wenn wir Nahrung und Kleidung haben, so wollen wir uns daran genügen lassen«, schreibt Paulus an Timotheus (1. Timotheus 6,8) – und es klingt wie die früheste Begründung des Prinzips der Nachhaltigkeit. »Denn die reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Verstrickung.« In einer Welt, die unter der Ausbeutung der Schöpfung ächzt, ist das sehr modern.

Erst wenn der Mensch den Brüchen seines Lebens ohne käuflichen Trost ins Angesicht sieht – erst dann kann er auch den wahren Wert der Dinge schätzen. Der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin warb für diese Freiheit gegenüber den Dingen: frei zu sein, ihnen die Bedeutung zu geben, die ihnen zukommt – nicht mehr. Und frei zu sein, mit ihnen freigebig und weitherzig umzugehen. So wie Gott es tut in seinem Überfluss. Das ist Erntedank.

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3 Lesermeinungen zu Danke für den Überfluss
Manuel Beyer schreibt:
28. September 2014, 23:22

Ach Herr Roth, warum muss ich bei vielen Ihrer Beiträge an die Aussage von Karl Marx denken, Religion wäre Opium für das Volk?
Schließlich bin ich kein Marxist, sondern habe mit auf billigen Materialismus aufbauenden Gesellschaftsordnungen so meine Probleme. Mehr verrate ich nicht - vielleicht kommen Sie ja irgendwann selbst drauf. Papst Franziskus als Katholik hat das ja - im Gegensatz zu Ihnen - begriffen und schon oft und deutlich genug angesprochen.

Was mich stört:
Sie vermeiden es tunlichst, auch nur einen Kratzer an unser "Wohlfühl-Evangelium" heranzulassen.
Und beim Thema Überfluss fällt mir als Mensch, der noch die Fähigkeit besitzt, seinen eigenen Verstand zu gebrauchen, auch das Thema Mangel, Armut ein. Und zwar heute, genau in dieser Sekunde.

Aber bei Ihnen scheint dieser Gedanke schon lange aus dem Oberstübchen verschwunden zu sein.
Mangel, ach so, das Wort kannte damals jeder Ostdeutsche, keiner sehnt sich nach Mangel, das ist klar.
Aber sind Sie gedanklich nicht fähig, sich einen Zustand zwischen Mangel und grenzenlosem Überfluss vorzustellen? Einen Zustand, wo, weil es nicht am Material fehlt, langlebige, praktische Konsumgüter hergestellt werden, die man notfalls auch mal reparieren kann?
Bin ich irre, wenn ich mir derartige Dinge wünsche, oder ist derjenige irre, der sich ein einer Welt scheinbaren Überflusses wohlfühlt, wo teilweise die Elektrogeräte so konstruiert werden, dass sie nach Ablauf der Garantiezeit möglichst bald kaputtgehen??? Ist das irre, oder ist das normal?

Gekonnt haben Sie auch das Thema Armut in der "Dritten Welt" umschifft, und zwar mit folgender Aussage:
"Man muss nicht nach China oder Indien fahren, wo Millionen Ärmste in den letzten Jahren zu einem bescheidenen Wohlstand kamen."

Was lernen wir daraus: Armut und Mangel, das gab´s bei den bösen Kommunisten, Überfluss ist super und Millionen in China und Indien haben´s auch geschafft.
Kein Wort zu der Milliarde Menschen, die heute mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen müssen, für diese Milliarde wäre das Lesen Ihres Artikels wahrlich eine Zumutung.
Auch kein Wort zu den 40 Millionen Menschen in den USA, die nur mit Hilfe von Lebensmittelmarken überleben können, kein Wort zu Obdachlosigkeit, Drogenhandel, Prostitution, Mord und Totschlag.

Hauptsache, uns gehts gut, dann ist die Welt für uns in Ordnung. Alles andere interessiert uns nicht.
Wie gesagt: Das ist Opium fürs Volk. Und sowas macht mich traurig, weil es die christliche Idee in ihr Gegenteil verkehrt.

Andreas Roth - ... schreibt:
30. September 2014, 14:39

@Manuel Beyer: Vielen Dank für Ihre Erwiderung! Ich kann Ihre Argumente gut verstehen – und wenn Sie wirklich in mein "Oberstübchen" sehen könnten, wie Sie vorgeben, Sie wüssten, dass die Themen Armut und Mangel in Wahrheit die ersten sind, die mir zum Überfluss einfallen. Aber als Christ und Journalist will ich eben gerade kein Wohlfühl-Evangelium (ein Widerspruch in sich), auch kein Wohlfühl-Evangelium für die ewigen Kapitalismus-und-was-sonst-noch-Kritiker. Ein Journalist (und auch Christ) sollte die Dinge auch immer wieder einmal von einer anderen Seite ansehen, gerade auch von Seiten, die einem und der eigenen Weltanschauung nicht so nahe liegen. Dahin gedanklich gehen, wo es auch für einen selbst ungemütlich wird. Wo das Risiko des Irrtums am höchsten ist, aber auch die Chance auf Erkenntnis. Dann entstehen die spannendsten Gedanken. Und die spannendsten Kontroversen. Deshalb: Danke für Ihr Widerwort!

Gert Flessing schreibt:
01. Oktober 2014, 6:40

Lieber Herr Roth, Ihr Artikel ist spannend und gut. Vor allem der Hinweis darauf, das es hilft, von den Dingen frei zu warden, wenn man den rechten Maßstab für sie bekommen möchte. Erst wenn das gelingt, kann ich auch gut mit ihnen umgehen und loslassen, um andere daran teilhaben zu lassen.
Das AT versteht Segen immer auch als Überfluss in materiellem Sinne, als von Gott, in seiner Güte gegebene Fülle. Die ist nicht Selbstzweck, sondern Not - Hilfe.
Auch Paulus schreibt ja, das wir eine Fülle bekommen, die uns befähigt, zu teilen.
Natürlich kann man immer auch den Finger auf die Wunde legen, ja in ihr stochern und grämlich diese Welt und ihren Tand verfluchen. Aber ich finde Ihren Blick, der die Ausbeutung der Schöpfung nicht verschweigt, gut, den er zeigt den möglichen Ansatz zur Heilung.
Gert Flessing

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