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Kein Grund zur Reue?

Wir lieben die reuigen Sünder, ihr Fall ist unterhaltsam – die Reue lieben wir Perfektionisten nicht. Petrus war auch so ein Perfektionist im Glauben. Und wurde zum Verräter.
Andreas Roth
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In der Bahn fällt ein abfälliges Wort über den Mann, der fast zwei Sitze braucht – man kennt ihn aus der Schule, und man schweigt. Ein Bettler steht am Straßenrand, man streitet sonst gern für Gerechtigkeit in der Welt – und man weicht seinem Blick aus. Der Chef reißt ein paar Witze über Kollegen, die es immer noch nicht kapiert haben – man gehört lieber zu den Stärkeren, auch gegen die eigene Überzeugung. Man hört es nicht. Aber es könnte ein Hahn krähen.

Petrus hat ihn gehört, damals in Jerusalem vor dem Haus des Hoheprie­sters. In diesem Moment wurde ihm offenbar, dass er zum Verräter geworden war. Dabei war er doch ein Bekenner, ein Mutiger, der den Polizisten und ihrem Gefangenen Jesus gefolgt war. Dann aber im Hof des Priesterhauses geriet er in den Strudel. Als ihn die Diener am Feuer dort nach Jesus fragten, antwortete Petrus: »Ich kenne diesen Menschen nicht«. Drei Mal. War es Angst? Oder der Wunsch, dazuzugehören? Nicht anzuecken oder niemanden zu brüskieren?

Dieser Strudel ist tödlich, zumindest für die Wahrheit. Der Strudel des Verrats dreht sich und zieht Ideale und Beziehungen hinab. Seine bevorzugten Lebensgebiete sind Gebäude der Macht. Die offensichtlichen Orte: Politik, Unternehmen, große Organisationen – sie brauchen die Unterordnung und mitunter den Verrat an sich selbst oder anderen als ihr Schmiermittel. Dann gibt es noch die vielen kleinen, privaten Verrate. Schließlich die gut getarnten: Die einem höheren Guten dienen sollen – und oft noch abgründiger sind. Möglich, dass uns Judas darüber etwas hätte sagen können.

Bei Petrus krähte der Hahn. Und er weinte bitterlich. Heute liebt man die Reumütigen. Die zerknirschten Gefallenen. Über Ulli Hoeneß soll jetzt ein Film gedreht werden. Margot Käßmann – Stichwort Rotwein und rote Ampel – ist längst die Hausheilige der deutschen Protestanten.

Man liebt die Reumütigen heute, wenn sie gefallen sind. Weil das der Unterhaltung dient. Und auch, weil sie ein Spiegel sind für das, was im eigenen Inneren vergraben ist: All das, was zu bereuen wäre – und für das Mut und Kraft fehlen, es nach außen zu tragen. Die Reue aber liebt man nicht.

Petrus hörte wenigstens den Hahn. Heute hört man kaum noch Hähne. Reue scheint wie ein unmodernes Relikt, wenn das erste Gebot auf Arbeit und zuhause lautet: Du sollst perfekt sein! Perfekt heißt vollendet. Nichts soll schiefgehen, scheitern ist nicht eingeplant. Jüngst erst zeigte eine medizinische Studien, dass die Seele von immer mehr Kindern in Deutschland unter dem Leistungsdruck kapituliert.

Das Ergebnis im Großen: Ein griechischer Finanzminister, der vor laufender Kamera etwas Offensichtliches – und sei es ein geradegezeigter bedenklicher Fingerzeig – abstreitet. Auch unter deutschen Politikern eine weitverbreitete Strategie. Siehe Wulff, siehe von Guttenberg. Journalisten geben sich Mühe, da nicht abzufallen. Andere Berufe im Verborgenen sicher ebenso. Genau wie Lügner, Fremdgeher, Unfallflüchter aller Art. Sie bereuen erst, wenn es zu spät ist.

Jesus hat all dieses Leugnen vorausgesehen. Er kennt das, weil er die Menschen kennt. Zu Petrus, diesem Perfektionisten im Glauben, sagte er: »Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.«

Daran musste Petrus denken, als er ein drittes Mal abgestritten hatte, Jesus zu kennen. »Und der Herr wandte sich um«, schreibt Lukas, »und sah Petrus an«. Ein Moment der Erkenntnis. Man stellt sich Jesu Blick voller Vorwurf und Enttäuschung vor. Vielleicht ist es aber auch ein wissender Blick: So ist der Mensch, und nicht anders.

Petrus weint. Der Panzer der Perfektion springt auf. Die Risse und Wunden werden sichtbar. Im barmherzig wissenden Blick Jesu, im selben Moment, ist all das aufgehoben.

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