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Der Preis des Geldes

Griechenlandkrise, Schuldenkrise, Bankenkrise: Überall geht es um Kredite und Zinsen. Und um das Leben von Millionen. Die Bibel sagt Eindeutiges dazu – nur hört es kaum einer.
Andreas Roth
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© Astrid Gast - Fotolia.com

Plötzlich war der Finanzminister da. Es war der erste Abend des G7-Finanzgipfels in Dresden Ende Mai, Griechenland das heimliche Topthema. Und Wolfgang Schäuble fuhr in die Dreikönigskirche, um das Wort Gottes zu hören. Es steht geschrieben im 3. Buch Mose, Kapitel 25: »Und du sollst zählen sieben Sabbatjahre, siebenmal sieben Jahre«, steht da. »Es soll ein Erlassjahr für euch sein. Da soll ein jeder bei euch wieder zu seiner Habe und zu seiner Sippe kommen.«

Ein göttlicher Schulden-Schnitt. »Man wird die Probleme des globalisierten Finanzsystems nicht umstandslos durch den Rückgriff auf biblische Zeiten vor 3000 Jahren lösen können«, predigte Sachsens Landesbischof Jochen Bohl auch dem deutschen Finanzminister. »Die Bibel macht deutlich, dass es ein Gebot der Humanität ist, die Schuldner als Mitmenschen, als Nächste zu sehen und sich ihnen zuzuwenden.«

Bohl plädierte wie die von vielen Christen mitgetragene Kampagne erlassjahr.de für ein faires Insolvenzverfahren für Staaten. Wenige Tage später auf dem Stuttgarter Kirchentag soll sich der Bundesfinanzminister dieser Idee gegenüber nicht abgeneigt gezeigt haben.

Während Familie und Sexualität mit hoch wogenden Gefühlen an der Bibel gemessen werden, bleibt es bei Geldfragen merkwürdig ruhig – obwohl Schulden- und Bankenkrisen ebenso wie mangelnde Gerechtigkeit Millionen Menschen weltweit ganz hautnah berühren. Und obwohl die Bibel in diesen Geldfragen überaus eindeutig ist. Eindeutig kritisch.

Nicht nur bei Schulden, sondern auch beim Zins. Und die biblischen Autoren wurden im Laufe der Jahrhunderte immer kritischer. Denn es begann sich in ihrer Zeit eine Wirtschaft zu entwickeln, in der Geld und Boden zur Handelswaren wurden – und die Reichen immer reicher, die Armen aber immer ärmer. Die von Gott gewollte Gerechtigkeit zerriss.

Im ältesten biblischen Zinsverbot galt der Schutz vor Wucher erst nur dem unmittelbar Nächsten und wurde dann ausgeweitet auf das ganze Gottesvolk (Mose 22,24). In später entstandenen Texten gilt es dann sogar für Kredite an Fremde und Einwanderer (3. Mose 25, 35). Die Propheten und Psalmdichter waren auch da radikal: Als gerecht vor Gott könne nur gelten, »wer sein Geld nicht auf Zinsen gibt« (Psalm 15,5; Ezechiel 18,8). »Wehe dem, der sein Gut mehrt mit fremdem Gut – wie lange wird’s währen? – und häuft viele Pfänder bei sich auf!«, drohte der Prophet Habakuk.

Die Aussage der Tora: Im für beide Seiten gewinnbringenden Handel mit Ausländern sind Zinsen erlaubt – aber niemals für Menschen in Not (5. Mose 23,20). Selbst Jesus forderte – wenn er auch den Zins nicht ausdrücklich verteufelte – kurz nach den Seligpreisungen: »Tut Gutes und leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft. So wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein« (Lukas 6, 35). Auch der Koran hat das Zinsverbot in seiner dritten Sure übernommen.

Heute sind es zumeist islamische Banken, die sich um ein Umschiffen des Zinses bemühen. In diesen Wochen eröffnet erstmals ein solches In­stitut Filialen in Deutschland. In christlich geprägten Volkswirtschaften und in Kirchen macht man sich indes kaum noch Sorgen um das Zinsverbot.

Für die Ökonomie ist es ein Glaubenssatz, dass Investitionen ohne Kredite nicht möglich sind – und kein Mensch Geld ausleiht ohne die Belohnung durch Zinsen. Sie sind der Preis des Geldes. Wer auf dessen dunkle Seite verweistv – dass Zinsen auch das zerstörerische Wirtschaftswachstum befeuern sowie Schuldenkrisen und das Auseinanderdriften von Arm und Reich – wird eher belächelt. Dabei hat sich manches seit 3000 Jahren gar nicht so sehr geändert.

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28 Lesermeinungen zu Der Preis des Geldes
manuel schreibt:
16. Juli 2015, 15:36

Familie und Sexualität werden in D nur noch von einer kleinen Minderheit an biblischen Maßstäben gemessen - hier irrt Herr Roth. Dass das Zinsverbot also auch aus dem Blick geraten ist, ist nur konsequent. Unser Land lebt nicht nach der Bibel - es ist ein säkularisiertes Land.
Problematisch ist aber auch, wenn nur in die eine Richtung argumentiert wird: Schulden sollen erlassen werden. Ist nicht der, der das Geld geborgt hat, seinerseits auch verpflichtet, es gut einzusetzen? Ich kann doch nicht einfach borgen und dann sagen: Ich kann es nicht zurückzahlen, bitte also erlasst es mir. Zudem: Tragisch ist doch im Falle Griechenland auch, dass die Osteuropäer mit bei denen sind, die für Griechenland zahlen werden - und dass, obwohl Griechenland seit dem 2. Weltkrieg Teil der freien Welt war, während die Osteuropäer noch 40 Jahre "Sozialismus" aufgebrummt bekamen. Manchen Gläubigerländern geht es schlechter als dem Schuldnerland Griechenland. Ist das fair? Oder erinnert das nicht eher an das Gleichnis, dass Nathan dem König David erzählte...
Im Übrigen wird es doch so sein, wie es in der neuen EU immer ist: Kein Austritt, sondern lieber weitere Kollektivhaftung. Unsere Kinder werden es uns "danken".

Gast schreibt:
16. Juli 2015, 17:20

?
Die letzten Jahrzehnte in Dresden gelebt, wo es keine Programme aus der "freien" Welt gab?

manuel schreibt:
17. Juli 2015, 7:15

Lieber Gast - Dresden liegt nicht in der Slowakei - und auch nicht im Baltikum. Lesen Sie meine Texte genau - und dann äußern Sie sich. Nicht vorher.

Gast schreibt:
17. Juli 2015, 9:47

Erkundigen Sie sich, informieren Sie sich. Dann schreiben Sie Ihre Texte. Sonst lassen Sie es lieber. Wobei sich ja heute jeder äußern darf. Egal, ob er Ahnung hat oder nicht.

Nerd schreibt:
18. Juli 2015, 16:05

@Gast voller Ahnung: Manuel hat völlig Recht: Dresden konnte ich weder in der Slowakei noch im Baltikum finden - also wo soll man sich informieren?

Gast schreibt:
16. Juli 2015, 17:44

"... obwohl Griechenland seit dem 2. Weltkrieg Teil der freien Welt war, ..."
- Bürgerkrieg EDES / ELAS 1945-1949 - freie Welt?
- Einschränkung der Bürgerrechte und Freiheiten bis in die 60-er Jahre - freie Welt?
- Militärputsch und Obristenregime 1967-1974 - freie Welt?

manuel schreibt:
17. Juli 2015, 7:20

Sie haben recht, keine Frage. Die Frage ist trotzdem, ob sich auch unter diesen Bedingungen die Wirtschaft freier entfalten konnte, als das im Ostblock möglich war. Ich vermute ja - auch unter politisch sehr rigiden Systemen kann die Wirtschaft mitunter sehr blühen. Und selbst wenn nicht, dann wäre dies mit dem Jahr 1974 selbst Ihrer Meinung nach möglich gewesen. Im Ostblock war das hingegen nicht möglich.

Gast schreibt:
17. Juli 2015, 14:50

Sie vermuten falsch. In diesem Zusammenhang sollte nämlich auch Erwähnung finden
- die Folgen der deutschen Besetzung Griechenlands im 2. Weltkrieg, vor allem die wirtschaftlichen Auswirkungen derselben
- die Folgen der Übereinkunft zwischen Stalin und Churchill von 1944 über die Aufteilung der russisch-britischen Einflussphären in Bezug auf Griechenland
- die Folgen des permanenten griechisch-türkischen Konfliktes auf die griechische Wirtschaft
- die Auswirkungen der NATO-Verpflichtungen Griechenlands als wichtiger Stützpfeiler der Südflanke im Kalten Krieg
- die Strategie der "freien Welt" in Bezug auf Griechenland als Folge der Obristenherrschaft und Vermeidung einer derartigen Wiederholung
Steht uns Deutschen irgendwie nicht wirklich gut zu Gesicht, die Nase über Griechenland gar zu hoch zu tragen.

Anderer Gast schreibt:
17. Juli 2015, 17:31

Hinzu kommen:
Die Folgen der italienischen und bulgarischen Besatzung
Die Orientalisierung der Griechen durch die jahrhundertelange osmanische Herrschaft
damit Unfähigkeit, trotz höchster Staatsquote - Katasteramt, Steuereinzug... nach europäischen Standards auszuführen
....
Alles Gründe, europäische Volkswirtschaften mit ihren Steuerzahlern zur Kasse zu bitten bzw. deren Verschuldung exponentiell steigen zu lassen, damit nach dem unweigerlichen Fall Griechenlands der Dominoeffekt ganz Europa ergreift und die Herren des Falschgeldes nur noch die Hände aufhalten müssen

manuel schreibt:
17. Juli 2015, 17:35

Ich sehe schon, lieber Gast: Griechenland hat eines der tragischsten Schicksale der Weltgeschichte. Dem gegenüber sind manche der Geberländer, die für Griechenland mit geradestehen werden, natürlich immer "auf Rosen gebettet" gewesen - wie zB. Polen, Slowakei, Estland, Lettland, Litauen. Diese Länder gehören ja zu den "permanenten Gewinnern" der Weltgeschichte....... - nie von D besetzt, nie unter Stalins Fuchtel, nie unter Bündnisverpflichtungen leidend, nie vom Kalten Krieg betroffen... Die können ruhig blechen! Lieber Gast - es gibt noch andere Länder, die für Griechenland zahlen, als D. Nochmal: Wie fair ist das?

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