Unsere grüne Lebenslüge

Respekt vor den Tieren, Achtung vor der Schöpfung – das finden alle gut. Gerade am Erntedankfest. Nur leider ist es am Kühlregal meistens schon wieder vergessen. Den Schwarzen Peter bekommen die Bauern.
Andreas Roth
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Eigentlich müsste man Erntedank jeden Tag feiern. Zum Beispiel vorm Kühlregal bei Aldi, wo der Liter Milch für 51 Cent zu haben ist, die Butter für 79 Cent und 500 Gramm Schweinehackfleisch für 1,99 Euro. Doch vom Dank an den Schöpfer, von der Bewahrung seiner Schöpfung und dem Respekt gegenüber seinen Geschöpfen ist meist nur Anfang Herbst in den Kirchen die Rede. Große Worte. Nur sind sie für 51 Cent nicht zu haben.

Die großen Worte sind durchaus ernst gemeint. Immerhin 43 Prozent der befragten Deutschen gaben in einer Umfrage für das Bundeslandwirtschaftsministerium im letzten Jahr an, häufig oder immer beim Einkauf auf den Tierschutz zu achten. Gar drei Viertel der Befragten finden Angaben zum Tierschutz auf den Verpackungen der Lebensmittel wichtig. Das Problem ist einzig: Die Verbraucher handeln ganz anders als sie denken.

Nur neun Prozent aller verkauften Eier in Deutschland, acht Prozent der Milch und gar nur zwei Prozent aller Fleisch- und Wurstwaren sind nach Angaben des Bundes Ökologischer Lebensmittelwirtschaft wirklich Bio. Deren Marktanteil wächst zwar beständig – aber auf niedrigem Niveau. Das liegt an der Dominanz landwirtschaftlicher Großbetriebe und zu wenig Flächen für die oft kleinen Bio-Höfe, die die Nachfrage kaum bedienen können. Aber vor allem liegt es am Preis. Bio ist teurer. Und da hört die Tierfreundschaft oft auf.

Die Verbraucher zeigen auf die Bauern: Meinten in einer Umfrage zum Image der Landwirtschaft 2002 noch 45 Prozent der Befragten, dass Landwirte mit ihren Tieren verantwortungsvoll umgehen, waren es bei der letzten Erhebung vor drei Jahren nur noch 35 Prozent. Der Bauer wird zum Buhmann. Diese Vorwürfe täten den Landwirten in der Seele weh, wehrt sich der bundesdeutsche Bauernpräsident Joachim Rukwied. »Die Wünsche des Verbrauchers sind nicht so eindeutig. Er wünscht sich vor allem günstiges Schweinefleisch.«

Die Fakten sind: Um im Supermarkt den Kunden einen Liter Milch zum Kampfpreis von 51 Cent anbieten zu können, drücken die Handelskonzerne Bauern an die Wand. Der Preis für einen Liter konventionell erzeugte Kuhmilch fiel von 40 Cent im Frühjahr 2014 auf 30 Cent zwölf Monate später. Der Preis für ein Kilo Schweinefleisch sank von 1,90 Euro auf 1,38 Euro. Widerstand zwecklos, denn es sind genug Milch und Fleisch auf dem Markt. Das ist der Grund, warum ein halbes Kilo Hackfleisch beim Discounter für 1,99 Euro zu haben ist. Und warum die Agrarlobby heftig gegen verbesserten Tierschutz kämpft. Habgier auf Seiten der Bauern scheidet als Motiv in den meisten Fällen aus bei einem durchschnittlichen Brutto-Verdienst von 1800 Euro pro Monat in der ostdeutschen Landwirtschaft: für zeitiges Aufstehen, späten Feierabend und wenig Urlaub. Vielleicht muss man die Habgier in der Handelskette suchen. Und sie zielt nicht nur auf Geld. Wenn viele Millionen Menschen mehrmals in der Woche Fleisch und Wurst essen wollen, wird das ganz ohne industrielle Methoden wohl kaum möglich sein.

Denkt der Verbraucher an Landwirtschaft, will er das Idyll. Die reine, bewahrte Schöpfung. Je weniger er von der Herkunft seiner Lebensmittel weiß, um so mehr. Was da wirklich in den Ställen geschieht, will er beim Griff ins Supermarktregal lieber gar nicht so genau wissen. Es reicht, den Bauern die Verantwortung zuzustecken.

Wer dankt, sollte vorher das Geschenk ausgepackt haben. Vielleicht sollte man das beim Erntedankfest mit den Lebensmitteln und ihrer Herkunft auch tun. Dann wäre der Dank ehrlicher. Und bliebe nicht ohne Folgen.

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1 Lesermeinungen zu Unsere grüne Lebenslüge
Uwe Hoffmann schreibt:
02. Oktober 2015, 11:34

Ist es möglich, für 80,62 Millionen + x Menschen ökologisch erzeugte Nahrungsmittel bereitzustellen?

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