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Armut in Sachsen wächst

Die Wirtschaft brummt – doch Wohlfahrtsverbände wie die Diakonie registrie­ren immer mehr arme Kinder, Schuldner und Menschen ohne Wohnung.
Andreas Roth
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Armut in Sachsen hat viele Gesichter. Oft ist es ein unauffälliges, leicht zu übersehen. Kinder aber haben ein feines Gespür für sie. Wenn es nichts wird mit einem Urlaub, mit einem Kinobesuch oder mit den Klamotten, die die anderen tragen, zum Beispiel. 18,8 Prozent der Sachsen seien arm, heißt es im Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, sowie knapp 20 Prozent aller Kinder in Deutschland, Tendenz steigend. Und auch 40 Prozent aller Alleinerziehenden.

Sicher kann man streiten, was arm ist. In der EU wird die Grenze bei 60 Prozent des Durchschnittseinkommens gezogen – das wären weniger als 892 Euro für eine allein lebende Person oder 1873 Euro für Mutter, Vater und zwei Kinder. Im Kosovo oder in Afghanistan wird man Armut anders definieren.

Aber Menschen in Sachsen spüren sie jenseits der Zahlen: Dann wird die kaputte Waschmaschine zur Katastrophe, der nötige Zahnersatz und das unerschwinglich teure Wunschgeschenk zum Offenbarungseid. Der Hartz-IV-Regelsatz von 404 Euro gibt nicht mehr her – und ist viel zu niedrig, kritisiert die Diakonie.

Zwar sinkt die Arbeitslosenzahl seit zehn Jahren. 428 000 Sachsen lebten Ende 2014 von der Mindestsicherung. Aber viele der neuen Jobs sind nur schlecht bezahlt, klein oder befristet. Mehr als ein Drittel der sächsischen Hartz-IV-Empfänger haben nach Angaben der Diakonie durchaus Arbeit – nur können sie nicht von ihr leben und müssen aufstocken. Deutschlandweit ein trauriger Spitzenwert.

Für alle, die so wenig haben, kann jede unvorhergesehene Ausgabe oder Nachzahlung auf die schiefe Ebene der Schulden führen. 9,3 Prozent der sächsischen Haushalte seien überschuldet, gab die Diakonie im letzten Bericht ihrer Schuldnerberatung bekannt. Das seien knapp 200 000 Menschen. Und die Fälle in den diakonischen Schuldnerberatungsstellen nehmen zu.

Wenn die Kosten über den Kopf wachsen, eine Arbeit fehlt oder sich zu all dem noch der Partner trennt, kann das im schlimmsten Fall das Dach über dem Kopf kosten. Die Wohnungsnot verschärfe sich in Sachsen seit zehn Jahren, stellen die Mitarbeiter der diakonischen Wohnungslosenhilfe fest. Seit 2004 hat sich bei ihnen die Zahl der Hilfesuchenden um 84 Prozent erhöht auf nunmehr über 2820. Und immer öfter treffe es jüngere Menschen, die wegen Hartz-IV-Sanktionen keine Miete mehr zahlen können. Verschärft wird die Situation durch immer stärker steigende Mieten in den Großstädten. Und auch die wachsende Zahl an Flüchtlingen will irgendwo leben.

Wohnen sei ein Menschenrecht und dürfe nicht allein dem freien Markt überlassen werden, fordert die Diakonie. »Sachsen hat seit Jahren keine Mittel für den sozialen Wohnungsbau eingesetzt«, kritisiert der sächsische Diakonie-Direktor Christian Schönfeld. »Auch die Kommunen haben mit der Aufgabe ihrer Belegungsrechte vielerorts dafür gesorgt, dass vorhandene Sozialwohnungen verschwunden sind. Jetzt ist der Druck so groß, dass etwas getan werden muss.«

Wer Armut bekämpfen will, hat es mit einem Dschungel an Ursachen und Hilfsangeboten zu tun: Man könnte die Hartz-IV-Sätze erhöhen, mehr Geld für Bildung ärmerer Kinder ausgeben, neue Wohnungen bauen, zum Beispiel. Es geht dabei auch um viele Millionen Euro. Und viele Menschen. Eine Landkarte wäre nötig, die zeigt, wie es um Armut in Sachsen wirklich bestellt ist und was nottut. Die aber fehlt in Sachsen.

Die Diakonie fordert seit langem von der Landesregierung die Wiedereinführung eines Sozialberichtes, der vor zehn Jahren das letzte Mal erschienen war. Die große Koalition in Dresden hat ihren Willen dazu bekundet – aber bisher nicht geliefert. Ändert sich das nicht, bleibt das Gesicht der Armut, was es oft ist: unsichtbar.

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64 Lesermeinungen zu Armut in Sachsen wächst
L. Schuster schreibt:
01. Februar 2016, 18:26

"Schießbereiten AfD-Spitze" so ein Unsinn.
Als es den Bundesgrenzschutz (BGS) noch an der Grenze stand wurde übrigens auch geschossen. Zwar meist nur Warnschüssen ist die Luft, jedoch z. B. im Sommer 1962 tötet ein westdeutscher BGS-Beamter an der Grenze zur DDR sogar einen ostdeutschen Soldaten.

... und das normal Polzisten gelegentlich auch mal ein umlegen ist auch bekannt. Oft mit der Begründung der Schuss hat sich "versehentlich gelöst".

Johannes schreibt:
01. Februar 2016, 22:03

Sagte ich doch: Die Armut an fremdenfeindlichen Argumenten (hier: Schulterschluss mit der AfD - Kritik an schießbereiter AfD-Spitze wird Unsinn genannt, sic!) wird immer deutlicher: Als Beweis wird genannt:
" im Sommer 1962 tötet ein westdeutscher BGS-Beamter an der Grenze zur DDR sogar einen ostdeutschen Soldaten. "
Wer liefert Euch bloß immer die Argumente? Und wenn ich den Vergleich mit Ku-Klux-Klan heranziehe, werde ich des dummen Vergleichs von Äppeln mit Birnen bezichtigt! Eben immer, wie mans braucht. - Ich wollte eigentlich über die Rettung der Armen in Deutschland reden, die angeblich durch Flüchtlingsfürsorge vergessen wird!

Johannes Lehnert, SMA

L. Schuster schreibt:
31. Januar 2016, 1:30

Lieber Johannes,
lassen sie mal Petry, hier mal ein Link wie Sloterdijk mit Merkel abrechnet.

http://www.huffingtonpost.de/2016/01/30/sloterdijk-merkel_n_9118654.html...

Zu den Arztbericht ( Link der beobachtenden Leserin).
Gewiss gibt es dieses Schicksal von dieser Frau mit ihren Kindern, die sich wahrscheinlich aus einen Flüchtlingslager aus der Türkei sich auf der Merkel- bzw. Balkanroute machte und das bei dieser Witterung. Letztlich ist der Bericht aber eine unlautere, erlogene Stimmungsmache, u.a. auch durch die Zahlen, das eine Arzt die 70% der jungen gesunden Männer nicht sieht ist doch eigentlich selbstverständlich. Wenn er da vielleicht nur 5% sieht, lügt er gleich: Mehr gibt es nicht.

Es geht um Menschen, welche die Route wie ein Magnet anzieht durch unsere Politik und das ist eine
falsche Politik hätte er als Arzt sagen müssen. Menschen die schon Monate in den in den Nachbarstaaten von Syrien leben, wäre es besser sie dort von uns zu unterstütz und sie warten zu lassen, bis die Alliierten den Diktator und die Terroristen besiegt haben. Statt ein oder zwei Jahre dort zu warten, setzte z. B. die Frau aus dem Bericht, dass Leben ihrer Kinder auf dieser Route aufs Spiel.

Außerdem:
Es ging er mit nicht um gegen Flüchtlinge zu hetzen, was ich daher zur Situation unserer Armen nun schrieb.
Zudem meine praktische Beobachtung oft auch zeigte, dass Einwanderer oft auch "die besseren Deutschen" sind. Wo junge gebürtige Deutsche gelegentlich faul oder naiv sind und auf das Geld der Eltern setzen, da zeigen viele Neudeutsche häufig auf Fleiß. Nur das Problem haben auch die Franzosen, Schweizer, Engländer und wollen trotzdem keine Massen vom Migranten. Ihre Bevölkerungen habe einfach einen bessere Regierung und daher muss Merkel vorzeitig abgewählt werden.

Johannes schreibt:
31. Januar 2016, 11:58

Lieber Herr Schuster,

zur Ausgewogenheit gehört die Gegenmeinung. So spricht eine Holocaust-Überlebende zum Thema Merkel:

http://www.sueddeutsche.de/politik/holocaust-gedenken-im-bundestag-holoc...

Zur Lektüre empfohlen durch
Johannes Lehnert, SMA

Johannes schreibt:
31. Januar 2016, 12:04
L. Schuster schreibt:
31. Januar 2016, 14:40

Holocaust - irgendwie mit der Flüchtlingspolitik in Deutschland zu verbinden ist doch völliger Unsinn.
Lieber Johannes, geben Sie doch zu, dass eine Politik die wirkliche Flüchtlinge, die nur solange bleiben wie in ihren Land Krieg ist, mit Asylanten in einen Topft wirft, falsch ist.
Da kommen ja dann auch noch weitere Probleme hinterher, wie z. B. auch schon dieses:

http://www.welt.de/politik/deutschland/article151685379/Man-hat-die-rein...

Johannes schreibt:
31. Januar 2016, 16:08

Verehrter Herr Schuster,

es ging mir in diesem link nur um das Urteil über Frau Merkel, dass eine Shoa-Überlebende im Bundestag ausgesprochen hatte. Ich wollte nicht Holocaust mit Asylpolitik vermischen.

Mit freundlichem Gruß

Johannes Lehnert, SMA

Johannes schreibt:
31. Januar 2016, 16:13

PS: Aber danke für den Link. Er macht endgültig Schluss mit der Mär von der vergewaltigten 13jährigen Russlanddeutschen. Dabei wurde zu dieser Mär auch hier im Forum schon geweissagt, dass sich dazu noch einiges herausstellen wird. Hat es ja auch, Gott sei Dank!

L. Schuster schreibt:
31. Januar 2016, 18:32

Das war doch jeden klar, wie es in solchen oder ähnlichen Fällen mit Arabern ausgeht
Das 13 jährige Mädchen hatte hier einvernehmlich Sex und dazu mussten es auch gleich zwei Araber sein. Volle Nächstenliebe mit den zwei Männern.

Johannes schreibt:
31. Januar 2016, 19:24

Lieber Herr Schuster,
da sagen die Medien seit Tagen etwas anderes, z.B. hier:

"Das 13-jährige Berliner Mädchen, das mit einer erfundenen Geschichte über eine Vergewaltigung für Aufruhr sorgte, hat die fragliche Nacht bei einem Bekannten verbracht. Das hätten rekonstruierte Daten aus einem Handy ergeben, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Berlin am Freitag der Deutschen Presse-Agentur.
Bei dem 19-jährigen Bekannten des Mädchens seien Sachen von ihr gefunden worden, der Mann habe auch zugegeben, dass sie in der Nacht vom 11. auf den 12. Jänner bei ihm war. Es gebe aber keine Hinweise auf eine Sexualstraftat. Gegen den Mann werde daher auch nicht ermittelt, er sei nur ein Zeuge, sagte der Sprecher.
Das Mädchen war für 30 Stunden verschwunden und hatte danach von einer Entführung und Vergewaltigung durch eine Gruppe südländisch aussehender Männer erzählt. Der Fall rief auch den russischen Außenminister Sergej Lawrow auf den Plan. Er warf den deutschen Behörden vor, den Fall lange verheimlicht zu haben. (APA/dpa)

Wer hat nun recht: dpa oder Sie?
fragt
Johannes Lehnert, SMA

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