64

Armut in Sachsen wächst

Die Wirtschaft brummt – doch Wohlfahrtsverbände wie die Diakonie registrie­ren immer mehr arme Kinder, Schuldner und Menschen ohne Wohnung.
Andreas Roth
  • Artikel empfehlen:
© erllre - Fotolia.com

Armut in Sachsen hat viele Gesichter. Oft ist es ein unauffälliges, leicht zu übersehen. Kinder aber haben ein feines Gespür für sie. Wenn es nichts wird mit einem Urlaub, mit einem Kinobesuch oder mit den Klamotten, die die anderen tragen, zum Beispiel. 18,8 Prozent der Sachsen seien arm, heißt es im Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, sowie knapp 20 Prozent aller Kinder in Deutschland, Tendenz steigend. Und auch 40 Prozent aller Alleinerziehenden.

Sicher kann man streiten, was arm ist. In der EU wird die Grenze bei 60 Prozent des Durchschnittseinkommens gezogen – das wären weniger als 892 Euro für eine allein lebende Person oder 1873 Euro für Mutter, Vater und zwei Kinder. Im Kosovo oder in Afghanistan wird man Armut anders definieren.

Aber Menschen in Sachsen spüren sie jenseits der Zahlen: Dann wird die kaputte Waschmaschine zur Katastrophe, der nötige Zahnersatz und das unerschwinglich teure Wunschgeschenk zum Offenbarungseid. Der Hartz-IV-Regelsatz von 404 Euro gibt nicht mehr her – und ist viel zu niedrig, kritisiert die Diakonie.

Zwar sinkt die Arbeitslosenzahl seit zehn Jahren. 428 000 Sachsen lebten Ende 2014 von der Mindestsicherung. Aber viele der neuen Jobs sind nur schlecht bezahlt, klein oder befristet. Mehr als ein Drittel der sächsischen Hartz-IV-Empfänger haben nach Angaben der Diakonie durchaus Arbeit – nur können sie nicht von ihr leben und müssen aufstocken. Deutschlandweit ein trauriger Spitzenwert.

Für alle, die so wenig haben, kann jede unvorhergesehene Ausgabe oder Nachzahlung auf die schiefe Ebene der Schulden führen. 9,3 Prozent der sächsischen Haushalte seien überschuldet, gab die Diakonie im letzten Bericht ihrer Schuldnerberatung bekannt. Das seien knapp 200 000 Menschen. Und die Fälle in den diakonischen Schuldnerberatungsstellen nehmen zu.

Wenn die Kosten über den Kopf wachsen, eine Arbeit fehlt oder sich zu all dem noch der Partner trennt, kann das im schlimmsten Fall das Dach über dem Kopf kosten. Die Wohnungsnot verschärfe sich in Sachsen seit zehn Jahren, stellen die Mitarbeiter der diakonischen Wohnungslosenhilfe fest. Seit 2004 hat sich bei ihnen die Zahl der Hilfesuchenden um 84 Prozent erhöht auf nunmehr über 2820. Und immer öfter treffe es jüngere Menschen, die wegen Hartz-IV-Sanktionen keine Miete mehr zahlen können. Verschärft wird die Situation durch immer stärker steigende Mieten in den Großstädten. Und auch die wachsende Zahl an Flüchtlingen will irgendwo leben.

Wohnen sei ein Menschenrecht und dürfe nicht allein dem freien Markt überlassen werden, fordert die Diakonie. »Sachsen hat seit Jahren keine Mittel für den sozialen Wohnungsbau eingesetzt«, kritisiert der sächsische Diakonie-Direktor Christian Schönfeld. »Auch die Kommunen haben mit der Aufgabe ihrer Belegungsrechte vielerorts dafür gesorgt, dass vorhandene Sozialwohnungen verschwunden sind. Jetzt ist der Druck so groß, dass etwas getan werden muss.«

Wer Armut bekämpfen will, hat es mit einem Dschungel an Ursachen und Hilfsangeboten zu tun: Man könnte die Hartz-IV-Sätze erhöhen, mehr Geld für Bildung ärmerer Kinder ausgeben, neue Wohnungen bauen, zum Beispiel. Es geht dabei auch um viele Millionen Euro. Und viele Menschen. Eine Landkarte wäre nötig, die zeigt, wie es um Armut in Sachsen wirklich bestellt ist und was nottut. Die aber fehlt in Sachsen.

Die Diakonie fordert seit langem von der Landesregierung die Wiedereinführung eines Sozialberichtes, der vor zehn Jahren das letzte Mal erschienen war. Die große Koalition in Dresden hat ihren Willen dazu bekundet – aber bisher nicht geliefert. Ändert sich das nicht, bleibt das Gesicht der Armut, was es oft ist: unsichtbar.

Diskutieren Sie mit

64 Lesermeinungen zu Armut in Sachsen wächst
Gast schreibt:
02. Februar 2016, 17:49

Werter Herr Schuster, also das geht gar nicht. Wie kommen Sie dazu, Herrn Lehnert diese unsägliche, menschenverachtende und dazu juristisch falsche Aussage von Frau Petry (die ja inzwischen auch schon merklich kleinlauter geworden ist) anzulasten? Was jemand sagt, dafür ist er/sie ja wohl noch selbst verantwortlich!
Wer von sich aus nicht in der Lage ist, bürokratische Hürden zu überwinden, kann sich (z.B. bei der Diakonie) dabei helfen lassen. Aber hören Sie auf, deutsche Armut (die es tatsächlich gibt) gegen die Flüchtlinge auszuspielen, denen angeblich die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Weil das einfach nicht der Wahrheit entspricht. Und weil es allzu durchsichtig ist, daß die, die sich vorher über die Hartz IV-Empfänger aufgeregt haben, jetzt auf einmal ihr Herz für die Armen entdecken! Nur damit man es gegen Flüchtlinge verwenden kann. Das ist so durchsichtig wie schäbig.
Außerdem: Wir haben es nicht mit einem "Merkel-Staat" zu tun, sondern mit einer Regierungskoalition mit überwältigender Mehrheit vom Volke gewählt (vielleicht von Ihnen auch?). Und die macht alles in allem ihre Sache nicht schlecht. Da sollten Sie mal ihr Verständnis von Demokratie überprüfen.

L. Schuster schreibt:
02. Februar 2016, 21:42

Liebe Leserin,
der CSU, zum Teil auch CDU wird u. a. von einigen Journalisten oft ständig Rechtspopulismus vorgeworfen und dieses macht Johannes mit einigem seiner Beiträge hier ungewollt auf Umwegen oft auch. Darauf wollte mit ich ihm, mit meiner Meinung nur etwas hinweisen.
Jeder der die deutsche Asylpolitik, wo halt Frau Merkel durch ihr Amt die Verantwortung trägt (!), diese auch nur minimal kritisiert wird meist sofort als Rechtsextrem eingestuft oder als Förderer dieses Extremismus. Was einfach falsch ist.

Wo doch grade für Johannes die Bekämpfung der Rechtsextremen wahrscheinlich das Wichtigste mit ist. Nur wenn er manches grünes oder rotes Argument verwendet, wo extrem rechts nicht nur die bayrische Regierung (CSU) sondern auch die anderen Länder der EU oder der Schweiz sind, wird dieses unmöglich. So erreich man das Gegenteil.
Wer sich es mit diesen Regierung verscherzt, deren Ansichten zu Asylanten mit weit über 50% unserer Bevölkerung identisch ist, ständig schmäht, fördert das Wachsen des Rechtextremismus bei uns. Wie außerdem auch, dass die „Armut in Sachsen wächst“ dieses zusätzlich noch fördert.

Johannes schreibt:
02. Februar 2016, 23:12

Lieber Herr Schuster,

nun ist es wirklich gebetsmühlenartig, Ihr
"diese auch nur minimal kritisiert wird meist sofort als Rechtsextrem eingestuft";
aber etwas Unwahres wird durch ständiges Wiederholen nicht wahrer, nur peinlich.

Tut mir aufrichtig leid!

Johannes Lehnert, SMA

L. Schuster schreibt:
03. Februar 2016, 11:06

Sie wissen schon was sich manche Leute herausnehmen wenn sie andere als Mob oder Pack bezeichne oder z.B. auch den bayrischen Ministerpräsident anklagen. Volksverhetzung, Beleidigung, übler Nachrede, Verleumdung sind das was für mich ihre grüne und roten Freunde hier oft treiben und letztlich doch nur Wahlkampfhilfe für die AfD ist, mehr wollte ich nicht sagen.

Thomas aus Leipzig schreibt:
02. Februar 2016, 17:40

Lügen haben kurze Beine, sagte meine Oma immer.

Auszug:

„Das hat Frau Petry niemals gesagt. Ihr habt Euer Gewissen verkauft!! Ich saß am selben Tisch und verfolgte das ‚Interview‘ , in der Redaktion von Mannheimer Morgen, das vielmehr ein Verhör war.“ Imad Karim

(weiter im Text unten)
Leserbrief von Imad Karim, 2.2.2016

Frauke Petry & Mannheimer Morgen: Imad Karim entlarvt Lügenpresse:

Beim Interview von Frauke Petry mit dem „Mannheimer Morgen“ war auch der Medienschaffende Imad Karim mit anwesend. Imad ist gebürtiger Libanese und Ex-Moslem. Er kommentiert unter einem Artikel von Tagesschau.de:

„Kollegen von der Tagesschau, Ihr betreibt Propaganda von unglaublichen Maßen. Das hat Frau Petry niemals gesagt. Ihr habt Euer Gewissen verkauft!! Ich saß am selben Tisch und verfolgte das ‚Interview‘ , in der Redaktion von Mannheimer Morgen, das vielmehr ein Verhör war. Frau Petry wurde mehrmals diesbezüglich gefragt und jedesmal sagte sie, ‚wir müssen die Grenzen sichern und ich hoffe, es kommt nie soweit, dass ein Polizist von seiner Waffe Gebrauch macht‘.

Das hat aber die kleinkarierten Dorfjournalisten von MM (Mannheimer Morgen) nicht interessiert und wiederholten immer wieder und wieder und wieder ob sie für Schießbefehl sei und jedesmal antwortete das gleiche, bis sie am Ende sagt, ein Polizist habe auch laut seinen Vorschriften zu handeln. (Es gibt Tonaufzeichnungen). Ihr verratet die Zukunft Eurer Kinder, Kollegen – und das Schlimme, ihr wisst das nicht!

Lasst Euch das von einem arabischsprechenden Kollegen von Euch sagen:

IHR WERDET NOCH ZU EUREN LEBZEITEN BEREUEN, WAS IHR FRAU PETRY UND ANDEREN AUFRICHTIGEN BESORGTEN FRAUEN UND MÄNNERN IN DIESM LAND ANTUT!!!!! ……

SPÄTESTENS, WENN DER ‚EROBERUNGSZUG‘ DER ‚GLÄUBIGEN‘ BEGINNT UND IHR ERKENNT, IHR HABT EUREM LAND BALKANVERHÄLTNISSE BESCHERT!!

Gott oder Jupiter von mir aus, seid Ihr arrogant und ignorant!“
https://www.facebook.com/martin.keller.545/posts/1143791315634005

Ich hätte nicht gedacht, das das Kartenhaus so schnell zusammenbricht.
Herzlichst Thomas aus Leipzig

Gegendarstellung schreibt:
02. Februar 2016, 19:11

Toll, da kann die liebe Frau Petry ja Klage erheben gegen den "Mannheimer Morgen", wie die TU Dresden gegen Frau Petry geklagt hat, weil sie behauptete, die TUD würde ihren Studenten verbieten, an Pegida-Kundgebungen teilzunehmen. Da musste sie ja dann kleinlaut einräumen, sie hätte da was durcheinander gebracht ...

Dumm bei der Sache ist nur:
"Der Chefredakteur des «Mannheimer Morgens», Dirk Lübke, wies den Vorwurf zurück, der AfD-Chefin die Worte in den Mund gelegt zu haben. «Die perfide Tabu-Brecherin Petry stilisiert sich gerade zum kleinen, ahnungslosen Mädchen, was nicht wusste, was es gesagt hat», sagte Lübke auf Anfrage.
«Was ist daran nötigend, wenn Frauke Petry uns , sie selber das Interview angeboten hat und ihr Sprecher jedes Wort zur Autorisierung vorgelegt bekommen haben, jedes Wort und jeden Satz mehrmals gelesen und schließlich zur Veröffentlichung freigegeben haben?», fragte der Chefredakteur. Petry hatte der Zeitung gesagt, Polizisten müssten illegale Grenzübertritte von Flüchtlingen verhindern, «notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch machen. So steht es im Gesetz».
«Es ist billiger Populismus der AfD-Chefin, sich auf Kosten der Medien aus der Schusslinie ziehen zu wollen», kritisierte der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands, Frank Überall. «Als Parteivorsitzende muss sie schon zu dem stehen, was sie nachweislich gesagt hat.» "
Quelle: dpa-infocom

Aber da wird ja dann Herr Karims Filmaufnahme völlige Aufklärung und die verbrecherische Lügenbande der Journaille ein für alle Mal hinter schwedische Gardinen bringen können, jawoll!

Dr.h.c. Hase Caesar schreibt:
02. Februar 2016, 19:20

Jaja, Lügen haben eben doch kurze Beine. In diesem Falle sind es die von Frau Petry.

Gast schreibt:
09. Februar 2016, 9:20

Nichts gegen das höchstseriöse Blatt Mannheimer Morgen http://www.rheinneckarblog.de/15/die-posthume-mediale-vergewaltigung-der...
Hier hat man einfach begriffen, welche Nachrichten sich am besten verkaufen lassen.

Paul schreibt:
02. Februar 2016, 19:47

Gegendarstellung schreibt:
02. Februar 2016, 19:11
Und der Facebook-Beitrag von Frau von Klapperstorch war auch ein Fake-bookbeitrag! Klar doch.
Ich glaube, Frau Petry hatte einfach Heimatgefühle. Damals - als sie als Familiennachzug ihrem Vati nachgereist ist, der seine Familie zurückgelassen hatte, um in den Westen zu gehen - hatte man ja auch Fliehende abgeknallt. Allerdings nicht die, die rein wollten, sondern die, die raus wollten. Natürlich ist das nur so eine Vermutung von mir.

Paul schreibt:
02. Februar 2016, 19:48

Amt für Statistik schreibt:
01. Februar 2016, 22:27
Lieber Herr Rau,
eigentlich wollte ich nur mal fragen, wann Sie wieder rüber machen? Oder finden Sie uns zu sachlich?
Herzlich
Ihr Paul

Seiten

Folgen Sie Sonntag Sachsen:

Aktuelle Veranstaltungen
  • , – Plauen
  • Orgelkonzert
  • St.-Johannis-Kirche
  • , – Dresden
  • Vortrag
  • Gemeindehaus Seidnitz
  • , – Leipzig
  • Orgelmusik am Mittag
  • Michaeliskirche
Audio-Podcast

Der Twitter-Sonntagticker
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Der Dresdner #Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt soll neuer #Superintendent in #Leipzig werden. Feydt werde sich… https://t.co/mNByBsB7QY
gestern
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Sachsens Landesbischof Carsten #Rentzing hat seine Mitgliedschaft in einer #Burschenschaft verteidigt –… https://t.co/V8EU7K7Vcj
vor 2 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
#Leipzig eröffnet #Lichtorte - wie in der #Nikolaikirche. Es folgen nun an jedem Montag bis zum 9. Oktober weitere… https://t.co/cyCjhwEfiJ
vor 12 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Sachsens Bischöfe #Rentzing und #Timmerevers zur Wahl/ Fotos unseres Fotografen aus dem Landtag gestern Abend… https://t.co/Z78bbUtQbd
vor 16 Tagen