Der syrische Knoten

Andreas Roth
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Komplizierte Zeiten sind die großen Zeiten der Vereinfacher. Zeiten wie diese. Ob Flüchtlingsdrama, Kriegseinsätze oder Krim: Oft ist es dann wie beim Fußball, wo die besten Experten und Trainer vor den Fernsehern sitzen. Und das Beste daran: Es gibt Millionen von ihnen.

Wenn in Genf dieser Tage um ein Ende des Syrien-Krieges gerungen wird, ist es ganz ähnlich. Auch in unserem Land wimmelt es von Menschen, die ganz genau wissen: die Amerikaner oder wahlweise die Russen sind schuld am Krieg und an den Flüchtlingen, oder die westlichen Waffen, oder die Konzerne, oder die Kolonialvergangenheit. Oder der Islam.

Kann das, bitte, da draußen in Syrien, Afghanistan, Irak oder gern auch in Afrika jemand einsehen und den Hebel umlegen?

Dumm nur, dass dieser Hebel aller Voraussicht nach in Genf nicht aufzufinden sein wird. Wahrscheinlich auch nicht in Washington, in Moskau und leider auch nicht in der Bierrunde unter Freunden. Weil es diesen Hebel gar nicht gibt. Politische Prozesse lassen sich schlecht hebeln, sie sind viel verwickelter, undurchdringlicher. Auch viel zufälliger – denn das große Epos wird immer erst im Nachhinein geschrieben, wenn die Sache gut ausgegangen ist. Siehe 1989.

Es geht auch in Syrien um einen Filz aus dem Kampf um Macht, Freiheit, Geld, Umgerechtigkeit, um den Einfluss von Clans und Religionen. Und am Ende um Moral: Wie viele Menschen werden noch geopfert – und darf man mit ihren Schlächtern verhandeln? Ein syrischer Knoten.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn er als solcher erkannt würde. Denn die auf den ersten Blick klarsten Lösungen sind oft die gefährlichsten. George W. Bush wird wissen, was gemeint ist.

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5 Lesermeinungen zu Der syrische Knoten
Gert Flessing schreibt:
05. Februar 2016, 6:53

Lieber Herr Roth,
es ist manchmal richtig schlimm, dort in der Welt. Da geht es halt nicht um Menschen und deren Befindlichkeiten, sondern um genau das, was sie angesprochen haben: Macht, Geld, Einfluss, nicht nur von clans, sondern auch von ausländischen Mächten. Nebenbei auch ein bisschen um Religion.
Schlächter? Wo sind dabei keine? Krieg bringt die Brutalität zur Blüte.
Die Konstellationen in dem Konflikt in Syrien sind ja nicht unbekannt. Assad, die Russen, der Iran. "Der Westen", die "Freiheitskämpfer", ein bisschen Saudis...
Da wird gewiss weiter gestorben. Zumeist von denen, die unbeteiligt sind und gern Frieden hätten. Auch von Christen, die uns vorwerfen, wir hätten sie, weil wir mit den Gegnern des Regimes anbandeln, verraten.
Es gibt keine saubere Lösung, keine Moral.
Wie der gordische Knoten gelöst wurde, wissen Sie.
Doch ich vermute, das es heute keinen Alexander geben wird.
Gert Flessing

L. Schuster schreibt:
08. Februar 2016, 13:44

Liber Herr Flessing,
es geht weniger um den syrischen Knoten. Viel schlimmer ist, dass der Westen, besonders das tonangebende Deutschland akzeptiert wenn ein verbrecherisches Regime, das Assad-Regime mit Hilfe Russland einen Teil seines Volkes ausrottet. Indem Assads und aktuell russische Bomber, nicht den IS bekämpfen, sondern die vom Regime abtrünnige Städte und Dörfer den Erdboden gleich machen, wo zu wir Deutschen schweigen.
Das zu den wahren moralischen Werten von Deutschland.
Die unsere großzügige Flüchtlingspolitik, die vor allen darin besteht männliche Scheinflüchtlingen zu hätscheln, auch nicht positiv verändert. Im Gegenteil.

Daher kann ich die Verstehen und das sind nicht nur islamisch-konservativ eingestellte Gläubige oder die Verfechter die Scharia, die sich fragen, ob wir überhaupt Menschen sind oder an Gott glauben. Wenn wir dieses schlimme Leid, die zu Massen in Syrien gemordeten, als Christen nicht sehen wollen.

So sind doch fast alle Syrier nicht vor dem IS und deren Scharia geflüchtet sondern vor Assad. Geflüchtete die uns auch sagen, Assad und Putin sind sich sehr ähnlich, sie werden aber beide ihre gerechte Strafe noch bekommen. Putin hat in Tschetchenien, Georgien, Ukraine und jetzt in Syrien gezeigt, dass ihm Menschenleben nicht interessieren und Assad hat seit 2011 über 250 Tausend (!) Syrier gemordet. Im Moment bombt Russland diesen mörderischen Assad-Milizen sogar den Weg bis an die Grenze zur Türkei frei.
Gesichtspunkte die alle (!) Parteien bisher ignorieren und schon daher zur nächsten Wahl alle durchzustreichen sind.

Gert Flessing schreibt:
08. Februar 2016, 20:23

Herr Schuster, sie langweilen.
Russland gehört, wie Assad, zu dem Pulk dazu. Das ist nun mal so.
Es ist immer wieder befremdlich, mit wie wenig Distanz Weltpolitik betrachtet wird.
Russland wird wohl kaum seine Interessen dort unten aufgeben - so wenig, wie die USA.
Russland braucht seine Marinebasis und die garantiert ihm nur ein Regime, das, vielleicht nicht unbedingt mit Assad an der Spitze, aber immerhin mit Leuten aus seinem Dunstkreis bestückt ist. Nicht aber mit dessen Gegnern, die entweder den USA nahe stehen oder den Islamisten.
Wer sich mit der russischen Geschichte ein wenig auskennt, der weiß, welchen Stellenwert Menschenleben haben.
Auch das, was die Russen mit der Türkei "verbindet", sollte man nicht unterschätzen.
Aber wer weiß? Vielleicht wissen Sie es ja besser und haben den Trick raus, wie man dort unten zu einem Konsens kommt.
Gert Flessing

L. Schuster schreibt:
10. Februar 2016, 0:44

Lieber Herr Flessing,
zum Konsensvorschlag. Sie glauben doch nicht, dass Deutschland den zustande bringt. Wir mit Diktatoren verhandeln geht nicht, wir sind zu sehr beschäftigt passende Ausreden für deren Verbrechen zu finden, wie die für Diktator Putin.
Zudem ist das Schnee von gestern. Heue stehen wir mit dem NATO-Partner Türkei gegen Russland bzw. gegen Putin. Denn wenn der frühere KGB Offizier Putin, nicht in Russland an der Macht wäre, würde russische Außenpolitik anders aussehen sollten wir nicht vergessen und Aleppo (1,7 Millionen Einwohner) wäre dann bestimmt auch nicht bombardiert worden. Alle unseren Konsensbemühungen mit ihm sind für mich dadurch gescheitert.

Könnten Sie sich vorstellen. Das DDR-Regime hätte wie der Diktator Assad heute agiert und so eine Stadt, z. B. Leipzig bombardiert. Unterstütz von russischen Luftstreitkräften, weil damals in Russland zufällig Putin an der Macht gewesen. Ein unglaubliches, beispielloses Vorgehen gegen die eigene Bevölkerung und ein solches Verbrechen findet in Syrien statt und letztlich schwiegen wir bisher wegen Putin. Was nun Schnee von gestern ist. Wie auch alle Versuche von Linken und Rechten Putin zu dienen, mit Verweise auf Geschichte oder weil man Russland ein Stützpunkt in Syrien sonst nicht gönnen würde, diese Lügengebäude ist nun seit Aleppo uninteressant.
Die Zukunft ist die:
1. Wenn wir uns nicht paradoxerweise nun nicht völlig in der EU isolieren möchten müssen wir Flüchtlinge aus Aleppo aufnehmen. Die EU macht der Türkei Druck ihre Grenzen zu öffnen. Das wir unserer Aufnahmekapazitäten schon mit den von uns angelockte Scheinflüchtlingen voll sind zählt für die EU nicht.
2. Wir könnte mit der Nato und Saudis gegen Assad und Putin nun militärisch vorgehen müssen, was soll da ein Konsensvorschlag.

Gert Flessing schreibt:
10. Februar 2016, 9:15

Lieber Herr Schuster,
allein der Gedanke, gemeinsam mit der Türkei gegen Russland vorgehen zu wollen, ist absurd.
Putin macht eine Politik, die von der Mehrheit der Russen mitgetragen wird, denn er versucht Stärke zu demonstrieren.
Würden wir wirklich versuchen, gemeinsam mit den Türken und den Saudis (und den Amis) gegen die Russen anstinken zu wollen, würden wir das vermutlich nicht überleben.
Aber es könnte ja sein, dass Sie in Ihrer verblendeten Ami-Hörigkeit, gern einen dritten Weltkrieg hätten.
Sollten Ihre merkwürdigen Wünsche wahr werden, möchte ich möglichst weit weg sein.
Gert Flessing

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