Syrische Geschwister in Not

Evangelische Christen geben im syrischen Bürgerkrieg die Hoffnung nicht auf und setzen gegen die Logik der Gewalt ein ganz praktisches Evangelium – auch mit Unterstützung aus Sachsen.
Andreas Roth
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Kein Frieden zu finden: Zwei Jungen schauen in Aleppo in einen Krater, den Bomben gerissen haben – abgeworfen von russischen oder regimetreuen Flugzeugen. © Reuters/Abdalrhman Ismail

Es war ein Sonntag Mitte Januar, als eine Mörsergranate in das Dach der evangelischen Emanuel-Kirche in Aleppo einschlug. Nur wenige Stunden nach dem Gottesdienst. Das Dach zerfetzt, Kirchenbänke zertrümmert und mit Staub bedeckt – doch kein Mensch wurde verletzt. Gott sei Dank. Es hatte nicht viel gefehlt.

Von 200 Opfern seit Ausbruch des Bürgerkrieges 2012 allein aus seiner armenisch-evangelischen Bethel-Gemeinde in Aleppo berichtet deren Pfarrer Haroutune Selimian. Und in diesen Tagen werden die Kämpfe immer blutiger. Mitten in diesem Chaos der Gewalt harren noch immer evangelische Christen aus. Eine kleine Minderheit aus 27 arabischen und armenischen Gemeinden in ganz Syrien mit jeweils einigen hundert Mitgliedern. Etliche sind geflohen, aber viele bleiben. Sie wollen ihre Kirche nicht im Stich lassen und auch nicht ihr Land. Unter schwierigsten Bedingungen leisten sie wie in Aleppo Nothilfe und betreiben Schulen – für Christen wie Muslime ohne Unterschied.

Das in Leipzig ansässige Gustav-Adolf-Werk (GAW) der evangelischen Kirche unterstützt sie. So fließen über verzweigte Kanäle Spenden: Für Heizöl und Elektro-Generatoren, für Schulen und Altersheime und evangelische Kindergärten. Für zerstörte Kirchen und medizinische Hilfe. »Es soll ein Zeichen sein: Ihr seid nicht allein, wir stehen euch bei, es ist nicht alles hoffnungslos«, sagt GAW-Generalsekretär Enno Haaks. Rund 300 000 Euro hat das GAW bisher nach Syrien vermittelt.

Die evangelische Gemeinde in Idlib ist geflohen vor der Gewalt der Islamisten. Das ist die Befürchtung aller syrischen Christen. Und das ist der Grund, warum viele von ihnen auf Assad und Putins Bomben setzen. »Christen aus Homs sagen mir: Die Russen haben uns geholfen«, berichtet GAW-Generalsekretär Enno Haaks aus Gesprächen, die er im Nahen Osten führte. Zu keiner der Rebellengruppen hätten die evangelischen Partner des GAW Vertrauen. Zwei Jahre befand sich die Kirche der Gemeinde in Homs im Einflussgebiet von Regime-Gegnern und war stark beschädigt worden. Dann kam die Gegenoffensive von Assads Truppen. Weihnachten konnten die evangelischen Christen in Homs erstmals wieder in ihrer Kirche feiern.

»Auch für mich ist Assad ein Völkermörder – aber er hat den religiösen Minderheiten einen gewissen Schutz gewährt«, sagt Enno Haaks. »Das ist in Deutschland ganz schwer zu vermitteln. Es bleibt ein Zwiespalt.« Seine syrischen Partner bitten den Westen um einen differenzierten Blick. Sie wollen nicht pauschal als Assad-Unterstützer gelten – aber hoffen auf eine Regierung, die ihnen wie das bisherige Regime Schutz und Freiräume bietet.

Und um noch etwas bitten evangelische Christen aus Syrien. »Unsere Partner sagen uns, es sollen vom Westen keine Anreize geschaffen werden, nach Europa zu gehen – sie brauchen die Menschen dringend für den Neuaufbau des Landes«, berichtet Enno Haaks. »Was wir tun können, ist für sie zu beten und ihnen solidarisch Hilfe zukommen zu lassen.« Die Konfirmandengabe 2016 ist in Sachsen für evangelische Schulen in Syrien bestimmt.

In der Schule der kleinen evangelischen Gemeinde von Homs lernen derzeit nach einer kriegsbedingten Schließung wieder mehr als 1000 Schüler – die Hälfte von ihnen Muslime. Spenden aus Deutschland haben den Wiederaufbau möglich gemacht. Auch für ein Sommercamp bittet die Gemeinde aus Homs um Unterstützung – mit christlichen und muslimischen Kindern gemeinsam. Sein Name: »Ort der Hoffnung«. Eine Übung könnte das werden für ein neues Syrien. Noch aber herrscht die Logik der Gewalt.

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1 Lesermeinungen zu Syrische Geschwister in Not
Gert Flessing schreibt:
25. Februar 2016, 10:03

Christen, die dankbar sind für den Einsatz der Russen.
Christen, die dankbar sind für die Soldaten der syrischen Regierung, denen sie es zu verdanken haben, dass sie wieder frei ihren Glauben leben können.
Ist es nicht bemerkenswert?
Da sind Menschen, die keinerlei Vertrauen zu den Kämpfern der Opposition haben, weil sie in ihnen Bedränger und Zerstörer des christlichen Glaubens ERLEBT haben.
Wie wirkt das auf Menschen hier, auch Christen, die ihre Augen vor dem, was die Geschwister im Herrn berichteten, verschließen und von der Hoffnung auf Kräfte reden, die zwar muslimisch, aber vielleicht moderat sind?
Ich finde die Offensive der Regierungstruppen, die unterstützt durch russische Kräfte, dem Christen dort unten eine Atempause geben und Hoffnung stiften, durchaus positiv.
Besser wäre es freilich, wenn Verhandlungen zu einer Einigung aller Kräfte führen könnten, bei der den Christen der Schutz vertraglich festgeschrieben wird.
Das sollte dann aber auch abgesichert und nachhaltig überprüfbar sein.
Gert Flessing

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