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Der geheime Konzern

Wie sich Sachsens Diakonie mit Kliniken und Millionen verhob, zur Rettung einen Konzern schuf, expandiert – und damit neuen Streit schafft.
Andreas Roth
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Die Misere begann, als es am schönsten war. Befreit von den Fesseln der DDR wollte die Diakonie in den 1990er Jahren auch in Sachsen ein großes Stück vom Sozialmarkt. In Weinböhla etwa ließ man sich vom Immobilienfonds Serapeum eine Suchtklinik bauen und verpflichtete sich zu einer Jahresmiete von über 1,1 Millionen Euro – jährlich um zwei Prozent wachsend. In Zschadraß kaufte der Diakonie-Landesverband vom Freistaat eine psychiatrisch-neurologische Klinik.

Die Diakonie setzte auf steigende Sozialausgaben bei Staat und Kassen – die aber begannen um die Jahrtausendwende zu knausern. Das Diakoniewerk Zschadraß rutscht in die roten Zahlen. Andere Einrichtungen der Diakonie Sachsen wie die Reha-Klinik in Bad Elster standen vor der Pleite. Und in der Weinböhlaer Klinik musste der zur Rettung beispringende Landesverband 2012 zusammen mit dem Moritzburger Diakonenhaus mit 228 000 Euro aushelfen und im Folgejahr noch einmal mit 305 000 Euro.

Von einer »Infektionsgefahr« begann man in den Spitzen von Diakonie und Landeskirche zu sprechen. Über zehn Jahre diskutierte man dort über mögliche Auswege.

Die Lösung lieferte der Wirtschaftsberater Roberto Schimana: Er konstruierte ab 2008 in aller Stille und mit dem Segen der Spitzengremien aus elf mehr oder weniger Not leidenden Tochtergesellschaften des Diakonie-Landesverbandes einen Konzern mit heute über 1250 Mitarbeitern und führte sie in die schwarzen Zahlen. Die Anteile der Firmen samt Millionenrisiko wurden ausgelagert in eine 2013 gegründete Diakoniestiftung.

Für über elf Millionen Euro konnte sich die Stiftung aus dem Knebelvertrag für die Weinböhlaer Klinik freikaufen. Das Problem: Keine Bank gab Kredit. Das Landeskirchenamt lieh deshalb kurzfristig und ohne Synodenbeschluss vier Millionen Euro, wollte das Geld aber schnell zurück. Also griff die Stiftung in die Rücklagen der eigenen Unternehmen.

Das profitable Diakoniewerk Westsachsen, an dem der Landesverband zu 93 Prozent beteiligt ist, sollte vier Millionen Euro abliefern. Dagegen aber legte der Glauchauer Diakonieverein, dem die restlichen sieben Prozent gehören, sein Veto ein.

Er wehrt sich auch gegen die Übernahme des Werkes in die Stiftung und einen von ihr entsandten zweiten Geschäftsführer. Im Januar kam der Streit vor das Zwickauer Landgericht – und ging zugunsten der Westsachsen aus. »Es ist zutiefst bedauerlich, dass sich das Diakonische Werk Glauchau nur mit Hilfe stattlicher Gerichte gegen das rechtswidrige Vorgehen des eigenen Dachverbandes wehren kann«, sagt der Glauchauer Superintendent Johannes Jenichen. »Auch muss die Frage gestellt werden dürfen, ob sich durch solch eine Handlungsweise des Dachverbandes nicht Diakonie und Kirche auseinander entwickeln.«

Die Diakonistiftung ist weiter auf Expansionskurs. Ihr zentrales Steuerungsunternehmen mit dem Namen SEG Stiftungsentwicklungsgesellschaft mbH Chemnitz übernimmt schon heute für 35 diakonische Träger in Sachsen die Gehaltsabrechnung. Für die Dresdner Stadtmission betreut sie die Computertechnik. Bereits Mitte 2014 übernahm die Diakoniestiftung 76 Prozent des Diakoniewerkes Reichenbach. Der Rest gehört weiter dem örtlichen Diakonieverein, der sich einen starken Partner auf dem härter werdenden Sozialmarkt gewünscht hatte. Andere diakonische Träger haben bei der Stiftung schon angeklopft.

In diesem Jahr greift die Stiftung sogar über die Diakonie hinaus. Im Januar stieg sie bei dem Pirnaer Träger Hilfe und Selbsthilfe für psychisch Kranke gGmbH ein – dabei gehörte der bisher zum Paritätischen Wohlfahrtsverband.

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4 Lesermeinungen zu Der geheime Konzern
Gert Flessing schreibt:
03. März 2016, 21:59

Eine sehr gute Recherche und, wie es aussieht, ein sehr heikles Thema.
Das, was unser Superintendent sagt, kann ich nur unterstreichen.
Gert Flessing

Roberto Kemter schreibt:
06. März 2016, 21:38

Solches Geschäftsgebahren führt zur weiteren Entfremdung von Gemeinde vor Ort und Diakonie. Wer solche Wirtschaftsunternehmen kreiert, sollte das Mäntelchen der Dienstgemeinschaft an den Hacken hängen und ehrlicherweise das Betriebsverfassungsgesetz anwenden. Wo Diakonie drauf steht, sollte auch Diakonie drinn sein.

manuel schreibt:
07. März 2016, 11:49

Im Bereich der Diakonie merkt man wohl, wie schwer es ist, betriebswirtschaftliche Wirklichkeiten und kirchliche Anliegen zueinander zu bringen. Ich finde es ganz gut, dass die Kirche am Beispiel ihrer diakonischen Einrichtungen die Erfahrung macht, dass das immer wieder schwer ist. Es tut der Kirche ganz gut, auf diese Weise wirtschaftlich mit dem Boden der Tatsachen verbunden zu bleiben - unsere Gemeindemitglieder leben alle auf dem Boden dieser Realität.
In dem Artikel (und in dem sehr viel längeren auf S. 3 desselben Sonntags) steht streng genommen nur drin, dass einige in Schieflage geratene Betriebe des DW durch die Bildung der Stiftung und einige sehr entschlossene betriebswirtschaftliche Eingriffe gerettet werden konnten. So könnte man das auch sehen - ist aber vielleicht manchem zu schönfärberisch. Freilich sind die "Sonntags"-Beiträge auch hochgradig tendenziös, sie leben von vielen düsteren Andeutungen - dem Titelbild natürlich auch - und Fettdruck an geeigneter Stelle, während der Faktengehalt oft sehr dünn ist. Zu einer Zeitung passt das freilich recht gut. Und es wird seinen Zweck, Misstrauen zu schüren, sicher nicht verfehlen.
Richtig aber bleibt die Aufgabe, die geeignete Gestalt diakonischer Einrichtungen zum Thema zu machen. Was ich vor diesem Hintergrund wirklich schade finde ist, dass die Landessynode keinen Diakonieausschuss mehr hat. Der wäre sehr wichtig.

Bernd Rycerski schreibt:
01. April 2016, 17:18

Der ehemalige EDV-Administrator als erster Betroffener von insgesamt 10 Gekündigten in der Verwaltung der Diakoniewerk Zschadraß (DWZ) gGmbH möchte hier noch einiges präzisieren:
Endlich hat sich jemand getraut, diese dunkle Geschichte der Kirche ans Licht zu bringen! Allem Respekt dem Chef-Redakteur des SONNTAG!
Ich habe immer gesagt, wenn man gekündigt wird, dann aber bitte fair und nicht mit kriminellen Mitteln!
Die polizeilichen Strafanträge/die Anklage der Staatsanwaltschaft gegen die Herren Schimana und Völker (S+V) wurden nicht abgewiesen. Die beiden wurden nicht freigesprochen, sondern das Verfahren wurde mit Auflagen und Strafzahlungen gegen S+V durch eine Strafrichterin eingestellt. Mit den kurzfristigen Zahlungen ihrer Strafe haben sie ihre Schuld eingestanden! Wenn man beschuldigt wird und es nicht gemacht hat, zahlt man keinen Cent!
Ich sehe das sogar so, dass die Straftat durch Polizei, Staatsanwältin und der eindeutigen Zeugenaussage der Finanzchefin (darin steht, dass S+V im Besitz des Tresor-Schlüssels waren) so klar und nachgewiesen war, dass nicht erst verhandelt werden musste.
Außerdem wurde so nach der Postel-Affäre weiterer Imageschaden von der Diakoniewerk Zschadraß gGmbH und dem Diakonischen Werk Radebeul abgewendet, was immer mein Interesse war.
Im Übrigen hätten ja die Rechtsanwälte Lange & Schurig die Strafzahlung ablehnen können. In einer Verhandlung wären die mutmaßlichen Straftäter bei dieser Beweislage sicher verurteilt worden.
Das wäre so sicher wie das Amen in der Kirche gewesen.
Mich hat nie "ein böses Gerücht verfolgt", da die ganze Region weiß, wer die Waffen in meinem Arbeitsbereich versteckt hat, um ihre haltlose Kündigung untermauern zu wollen! Ein Polizeihautkommissar und eine -obermeisterin haben das sofort erkannt! Ich habe nicht mal gewusst, dass es die Schreckschusspistolen in Zschadraß gab!
Da diese kriminelle Handlung der Geschäftsführung der DWZ gGmbH nun veröffentlicht ist, kann die Diakonie keine Ruhe finden, bis ich öffentlich rehabilitiert worden bin.

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