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Mehr zusammen als getrennt

Fliehkräfte: Die Konservativen in der Landeskirche haben mit Bekenntnis-Initiative und Bischof eine starke Stimme – jetzt wollen andersdenkende Christen dagegenhalten. Droht eine Zerreißprobe?
Andreas Roth
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Es gab Tränen in der Hohnsteiner Stadtkirche, Bedauern und viele Geschenke zur Verabschiedung von Pfarrerin Katrin Jell. »Die Wahl des Landesbischofs und seine Wortmeldungen zur Homosexualität kurz vor seiner Amtseinführung mussten wir als klares Signal in unsere Richtung lesen«, sagt Katrin Jell. »Für uns besteht keine Perspektive in dieser Landeskirche.« Sie wechselt mit ihrer Frau, die auch Pfarrerin ist, in eine mecklenburgische Landgemeinde. Dort versteht man die Sachsen nicht.

Das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung ist in Sachsens Landeskirche, reicht für Katrin Jell schon bis weit vor die Bischofswahl. Und es betrifft keineswegs nur die Haltung zur gleichgeschlechtlichen Liebe. »Wir wollen in einer Kirche leben, die Menschen mit unterschiedlichen Gaben als Bereicherung sieht – und nicht als Makel. Hier aber ist ein Gefühl der Enge.« Die Pfarrerin kennt Kollegen, die wie sie gegangen sind. Oder überlegen zu gehen. Ins Ausland, in eine andere Kirche. Oder in die innere Emigration.

Auf konservativer Seite gibt es ganz ähnliche Fliehkräfte. Die Erregbarkeit ist auf allen Seiten hoch. Die vor vier Jahren gegründete Sächsische Bekenntnisinitiative hat im vergangenen Oktober ihre Ziele noch einmal überarbeitet: den kritischen Blick auf die historisch- kritische Bibelauslegung, gegen die Anpassung der kirchlichen Botschaft an »links-grüne« Überzeugungen, gegen die Segnung homosexueller Paare oder ihren Einzug in Pfarrhäuser. Doch sie ist nach dem Einzug des ihr nahestehenden Carsten Rentzing ins Bischofsamt leiser geworden. Erst am vergangenen Wochenende gründeten über 200 Christen in Leipzig ein Gegengewicht: das Forum für Gemeinschaft und Theologie.

Steht die Landeskirche vor einer Zerreißprobe, wie einige Zeitungen mutmaßen? Zwar gibt es in Synode wie Kirchenleitung Vertreter der Bekenntnisinitiative wie der so genannten liberalen Richtung und beide Seiten drängen in die Gremien – doch wie schon bei der Bischofswahl ergeben sich bei Abstimmungen zu vielen Themen keine festen Blöcke. Dafür immer wieder überraschende Mehrheiten.

Selbst Kritiker des konservativen Bischofs Rentzing loben heute seine wertschätzende, zuhörende und vermittelnde Art – egal, ob es um Flüchtlinge oder Strukturfragen geht. Und wenn in naher Zukunft vielleicht das erste gleichgeschlechtliche Paar in ein sächsisches Pfarrhaus einziehen wird, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der neue Bischof nichts dagegen einzuwenden hat. Seinen konservativen Anhängern wird das zu weit gehen, anderen wiederum ist das viel zu wenig.

Über die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare diskutiert die Kirchenleitung seit einem Jahr hinter verschlossenen Türen. In einigen Großstadtgemeinden ist sie längst Wirklichkeit – für konservative Gemeinden ein Widerspruch zur Bibel. Der Landesbischof will eine Lösung, die beide Positionen nebeneinander möglich macht. Den Schlüssel dafür habe die Landeskirche längst, sagt Synodenpräsident Otto Guse: »Im April 2015 hat die Synode nach drei Jahren Gesprächsprozess beschlossen, dass unterschiedliche Auffassungen, die geistlich und theologisch gut begründet sind, Raum und Schutz haben in unserer Landeskirche. Klarer kann man das nicht machen. Denn die Landeskirche ist viel­schichtig.«

So vielschichtig, dass ein Positionspapier zum Dialog mit dem Islam in der Synode seit fast einem Jahr von konservativer Seite blockiert wird, wie zu hören ist. Und die Kirchenleitung lange an einem klaren Wort zu Pegida feilen musste – am Ende war es einigen Leipziger Pfarrern zu lasch, anderen in der Landeskirche zu links-grün. Die Hamburger Wochenzeitung »Die Zeit« titelte danach: »Oh Gott, Sachsen«.

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7 Lesermeinungen zu Mehr zusammen als getrennt
Gert Flessing schreibt:
01. September 2016, 9:38

Lieber Herr Roth,
ist es nicht so, dass schon der Einstieg, mit dem Beispiel der fliehenden Pfarrerin Jell, einen bestimmten Blickwinkel beschwört?
Wobei ich, wenn ich die Worte von den Tränen, die wohl aus der Gemeinde kamen, lese, stark annehme, dass diese Gemeinde auch eine lesbische Pfarrerin samt Partnerin, liebend gern behalten hätte. Das wäre ja auch, wenn ich unsere kirchlichen Richtlinien dazu lese, möglich gewesen.
Aber sie fühlte sich halt nicht wohl und ging von der Fahne.
Woher kommt nur diese Erregbarkeit, die uns, so fürchte ich, mehr zu schaffen macht, als die Probleme?
Es ist weniger die Landeskirche, die vor einer Zerreißprobe steht, als die Fähigkeit zu Gelassenheit und Geduld, bei manchen ihrer Pfarrer und Gemeindeglieder.
Die Landeskirche ist vielschichtig. Aber ich halte das eher für einen Segen, als für einen Fluch. Sie bietet damit vielen verschiedenen Lebensentwürfen eine Heimat.
Die Frage ist, wie wir damit umgehen. Auch ich erlebe, in der Gemeinde, ganz verschiedene Menschen, mit ganz verschiedenen Formen der Frömmigkeit und ebenso solche, die mit dem Glauben nichts anfangen können.
Wir leben dennoch miteinander und nicht gegen einander.
Vo der Kirchenleitung erwarte ich, dass sie dafür sorgt, dass die unterschiedlichen Menschen ein Dach haben, unter dem sie miteinander leben und reden können.
Was ich nicht erwarte ist für jeden Anlass irgend ein Wort, eine Stellungnahme, ein politisches Statement.
Offizielle kirchliche Verlautbarungen wirken meist ein wenig komisch.
Gert Flessing

Sylke Bittner schreibt:
02. September 2016, 8:22

Herr Flessing, ihr Kommentar ist menschenverachtend und, Verzeihung, dumm.
Weil sich Frau Jell nicht „wohl“ fühlte, ging sie? Sie verknüpfen auf unzulässige Weise die Befürchtung von Frau Jell mit einer völlig anderen Ebene: „Auch ich erlebe, in der Gemeinde, ganz verschiedene Menschen, mit ganz verschiedenen Formen der Frömmigkeit und ebenso solche, die mit dem Glauben nichts anfangen können.“
Es geht nicht um Frömmigkeit! Und was soll die künstliche Unterscheidung von „Erregbarkeit“ und deren Ursachen? Können Sie sich auch nur ein ganz klein wenig vorstellen, wie das ist, wenn Sie in Ihrem Sosein, einfach in dem, wie und was sie sind, theologisiert, moralisiert, politisiert und kriminalisiert werden? Was nach kirchlichen Richtlinien möglich ist und was die gelebte Praxis gestattet, ist so diskrepant, daß es unverschämt ist, Frau Jell flapsig den schwarzen Peter zuzuschieben: „und ging von der Fahne“. Für Sie ist offensichtlich alles ein „Wohlfühlproblem“.
Der Einzige, der hier für „jeden Anlass irgend ein Wort, eine Stellungnahme, ein politisches Statement“ versucht, sind Sie. Und damit liefern Sie unfreiwillig eine treffende Selbstbeschreibung: „Offizielle kirchliche Verlautbarungen wirken meist ein wenig komisch.“

Nora Lämmel schreibt:
01. September 2016, 11:29

Ich fühle mich in dieser Landeskirche, die so viel mit sich selbst beschäftigt ist, nicht mehr zuhause und bin in die Nordkirche gewechselt. Spannungen gibt es überall, aber die Unbarmherzigkeit der "Bekenntnis"-Initative habe ich satt. Genauso wie die Nähe einiger Pfarrer und Synodalen zu Pegida.

dgu schreibt:
25. September 2016, 15:30

Wo ist die "Bekenntnis-Initiative" denn unbarmherzig? Weil sie die Bibel so liest, wie es da auch geschrieben wurde und nicht irgendwo versucht, zwischen den Zeilen zu lesen, wie es andere tun? Weil sie nicht nach Menschenwort, sondern nach Gottes Wort handelt?

Und - Gott sei Dank - gibt es auch in unserer Kirche, die die Ängste und Sorgen von Menschen ernst nehmen und sich deshalb mit Pegida u. ä. Strömungen auseinander setzen und diese nicht sogleich als Rechte diffamieren, wie Medien und andere das tun.

Es wird schon gut sein, das Sie in die Nordkirche gewechselt sind, jeder dorthin, wo er hingehört...

Rico Drechsler schreibt:
01. September 2016, 12:42

Der Dialog ist endlich in Gang

Im Rückblick betrachtet ist für mich die Wahl von Carsten Rentzing zum Bischof doch ein Meilenstein für wahren Dialog in der Landeskirche. Warum? Es reicht für niemandem mehr eine Erklärung zu unterschreiben, um der eigenen Gerechtigkeit genüge zu tun, im Grunde aber doch zu wissen: im eigenen Biotop ändert sich nichts. Der Dialog ist auf Augenhöhe getreten. Und wer weiß: Am Ende ist vielleicht Rentzing der Mann, der Dinge voranbringt, die so kein anderer hätte durchbringen können. Es wird nun spannend. Ich freue mich. Liebe Grüße aus dem Gebirge.

Gert Flessing schreibt:
02. September 2016, 11:25

Ja, liebe Frau Bittner, woher kommt denn nun Ihre Erregung? Tut mir leid, aber ich verstehe das wirklich nicht.
Ich kann es mir auch nicht vorstellen, warum ein Mensch, wegen seines So - Seins, gemobbt wird.
Unter Christen sollte es das nicht geben.
Für eine Gemeinde, die ihre Pfarrerin verliert, ja ihr durchaus nachweint (was ich sehr gut nachvollziehen kann), muss es eine schlimme Stunde sein und wenn ich es auch etwas flapsig ausgedrückt habe, ist da auch (zumindest in meinem Herzen und bedauernd) ein Gefühl des Aufgebens vorhanden.
Ich halte es für wichtig, das Menschen, wie Frau Jell, hier sind und ich bin davon überzeugt, dass sie, auch unter den Kollegen und Kolleginnen, Unterstützung finden.
Meine Unterstützung hätte sie sofort, und das, obwohl ich durchaus konservative Züge habe.
Aber ich denke schon, dass wir Gelassenheit und Geduld im Miteinander brauchen.
Wir haben kirchliche Richtlinien. Die wollen aber ausgelegt und gelebt werden. Noch immer liegt das Prä dabei bei der Gemeinde, noch haben unsere Gemeinden ihre Selbstständigkeit. Natürlich müssen auch sie geduldig und vor allem manchmal auch ein wenig unverschämt sein, um ihr Recht durchzusetzen.
Das wichtigste aber ist, im Gespräch miteinander zu bleiben.
Ja, ich habe zu manchem eine Meinung. Es gehört zu meinen Angewohnheiten, diese Meinung auch deutlich zu machen. Damit mache ich mich auch angreifbar. (Hat mir vor Jahren schon mal die "freundliche Bitte zum Gespräch beim Bischof" eingebracht.)
Aber nur, indem man eine Meinung in den Raum stellt, kann man einen Gedankenaustausch anstoßen.
Gert Flessing

manuel schreibt:
02. September 2016, 13:58

Fliehende Leute - die Landeskirche vor einer Zerreißprobe?
Was soll das? Das gab es doch die ganze Zeit. Rührende Beispiele von Leuten, die unter Tränen ihre Kirche verlassen, gibt es schon seit vielen Jahren. Nur stehen diese jetzt neuerdings im Sonntag - weil es "Moderne" / "Liberale" sind. Das ist neu. Aber soll ich da jetzt traurig sein - nachdem vorher die ganzen "Konservativen" gegangen sind? Deren Weggang hat man auf der krampfhaften Suche nach Öffnung und Liberalisierung kirchlicherseits immer billigend in Kauf genommen - das waren ja auch "nur" die Ewiggestrigen, auf die man offenbar getrost verzichten konnte. Welche Unbarmherzigkeit war das wohl!?
Ja - ich BIN traurig. Ich finde es schade, dass jetzt Leute gehen. Aber das ist leider nichts Neues - nur dass deren Geschichten jetzt in rühriger Weise im Sonntag stehen. Die Weinenden, die früher gingen, weil ihnen ihre Kirche keine Heimat mehr bot, die bekamen nie ein Forum. Und über deren Weggang war ich nicht weniger traurig.
Zerreißprobe? Jeder Kirchenaustritt signalisiert uns das! Da haben wir aber sehr lange gebraucht, um das zu bemerken!

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