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Dresden und der Hass

Gesellschaftskrise: Nach den hasserfüllten Szenen am Tag der Deutschen Einheit ist bei einer Kunstaktion in Dresden der Protest erneut eskaliert. Woher kommt der Hass? Kann die Kirche ihn heilen?
Von Stefan Seidel
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Kunst unter Polizeischutz: Nach massiven Protesten steht das Bus-Kunstwerk »Monument« des deutsch-syrischen Künstlers Manaf Halbouni auf dem Dresdner Neumarkt unter Polizeischutz. © Foto: Steffen Giersch

Dresden kommt nicht zur Ruhe, das ganze Land kommt nicht zur Ruhe. Weder hat sich das Phänomen der Pegida-Demonstrationen »von selbst« erledigt, wie manche noch vor zwei Jahren gehofft hatten. Noch blieben die hasserfüllten Pöbeleien bei Protesten am 3. Oktober in Dresden eine Ausnahme. Es ist wieder geschehen: am Rande der Eröffnung des Bus-Kunstwerks »Monument« vor der Frauenkirche am vergangenen Dienstag gab es erneut wüste Protestszenen und laute Hassparolen.

Der Redebeitrag zur Würdigung des Denkmals von Frauenkirchen-Pfarrer Sebastian Feydt wurde niedergebrüllt. »Hau ab, hau ab!«, dröhnte es ihm entgegen. Doch er ist nicht abgehauen. Zu den Pöblern sagte er: »Ich haue nicht ab. Wenn, dann müssen Sie gehen.«

Auch der neue Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche, Frank Richter, ist über den neuerlichen Hassausbruch erschrocken. Nach der ersten Aufregung sucht er nach Erklärungen. »Hass ist der Ausbruch angestauter Wut, die sich aus einem anhaltenden Gefühl der eigenen Ohnmacht gegenüber den sich rasch verändernden Lebensumständen speist«, sagt er. Auch in seiner neuen Funktion an der Frauenkirche will er für Verständigung und Versöhnung eintreten. »Ich sehe aktuell großen Bedarf, die Zerrissenheit innerhalb der Gesellschaft zu benennen und zu überwinden«, sagt Richter, der für seine Pegida-Dialog-Veranstaltungen bekannt geworden ist. Diese Dialoge sieht er nicht als gescheitert an, auch wenn sie nicht zum Ende von Pegida geführt haben. Es sei gelungen, viele Menschen aus ihren »Echo­kammern« herauszuholen, in denen nichts weiter passiere, als dass sie ihre eigene Meinung echoartig bestätigt bekämen. Richter glaubt an die Kraft des Gesprächs. »Solange Menschen reden, brüllen sie nicht«, sagt er.

Auch der Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz sieht einzig im Gespräch und einem Aufeinander-Zugehen einen Weg aus dem Hass. Das Wichtigste sei, so Maaz, dass die Proteste analysiert und nicht diffamiert würden. »Die Inhalte müssen einem nicht gefallen, aber man muss sie analysieren und verstehen, um Wege zur Bewältigung zu finden«, betont er. Auch die Kirche sieht er hierfür in der Pflicht. Es sei ihre Aufgabe, nicht die protestierenden Menschen abzuwerten, sondern in Sorge um sie zu sein und Wege zu suchen, die angesprochenen Nöte zu beheben.

Eigentlich scheint die Frauenkirche dafür der richtige Ort zu sein. Seit 2005 gehört sie zur Gemeinschaft der Nagelkreuzzentren. Diese verpflichten sich, im Geiste des Versöhnungszeichens von Coventry, »an einer Kultur des Friedens« mitzubauen.

Wie kann das in diesen Tagen aussehen? Der ehemalige Dompfarrer von Coventry, Paul Oestreicher (86), sagt dem Sonntag: »Einfache Antworten gibt es nicht.« Hass gegen Hass könne aber keine Antwort sein und jede Form von Gewalt sei abzulehnen. »Wenn die Pflicht unsere Feinde zu lieben gilt, dann ist die Herausforderung an uns, die neuen Nazis sichtbar zu lieben und zugleich ihre Botschaft zu widerlegen«, sagt er. Das sei »verdammt schwer, aber umso nötiger«. Zugleich müsse man aber solidarisch mit denen sein, die die Rechten ausgrenzen wollen.

Ein erster Schritt zur Heilung des Hasses besteht nach Ansicht von Frank Richter darin, sich nicht gegenseitig Schuld und Versagen vorzuwerfen. Sondern die Menschen aus den verschiedenen Milieus zusammenzubringen und zu reden. Es sei nötig, gemeinsam ein vertieftes Verständnis für die Ursachen des europa- und weltweiten politischen Auseinanderdriftens zu gewinnen, sagt er. Sicherlich gelingt so ein Gespräch nicht im »Hexenkessel« einer eskalierten Demonstration. Doch der Gesprächsfaden sollte nicht abreißen. Im Moment scheint keine Alternative dazu in Sicht.

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